Bei solchem Wetter, in dem man nicht sieht, nach welcher Seite man schwimmen muß, hätte ein Schiffbruch draußen auf offenem See verhängnisvolle Folgen haben können. Alle, außer Schagdur, waren allerdings gute Schwimmer; dagegen ist die Tragkraft der Kähne, wenn sie erst mit Wasser gefüllt sind, gering; die Instrumente wären wohl für immer verloren gewesen.
Leicht war es nicht, die Fähre in dem so schilfreichen Jekkenliksee zu finden. Es war pechfinster, als wir an dem See anlangten, und der Sturm war jetzt auf dem Gipfel seiner Wut. Wir sahen absolut nichts, fühlten aber um so mehr, wie die Schilfhecken vom Buran auf unsere Kähne niedergeschlagen wurden und unser Gesicht peitschten. Ich mußte die ganze Zeit über die Arme hoch halten und mit ihnen abwehren, um nicht von den langen scharfen Blättern geschnitten zu werden. Rufen und Warnen nützte gar nichts, das Sausen des Windes in dem Kamisch ließ jeden anderen Laut ersterben. Wie die Ruderer den Weg fanden, weiß ich nicht, aber schließlich wurde doch das von Sirkin angezündete Feuer sichtbar. Wir befanden uns schon dicht vor dem Lager; obwohl die Scheiter in dem intensiven Winde weiß glühten, hatten sie den Nebel nicht weiter zu durchdringen vermocht.
Dies war einer der unheimlichsten Stürme, die ich je erlebt habe, und in dieser Nacht wurde nicht viel aus dem Schlafen. Das meteorologische Observatorium wurde hereingenommen, in den Kajüten wirbelten alle leichteren Sachen umher und mußten rechtzeitig fest verstaut werden, und durch die Filzdecken kam ein Regen von Sand und Staub. Am unruhigsten war ich des Feuers wegen, denn die Fähre war überall von Schilf umgeben; daher wurden sowohl an Bord wie auf dem Land die ganze Nacht hindurch Wachen ausgestellt.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die letzte Reise der Fähre.
Den ganzen folgenden Tag tobte der Sturm, und geduldig mußten wir in Jekkenlik warten. Gegen Abend ließ er ein wenig nach, und ich machte in dem neuen Boote eine herrliche Segelfahrt über die offenen Flächen des Sees.
Am 27. Mai, der windstilles warmes Wetter brachte, wurde der Rest des Jekkenlik-köll bis an den Punkt zurückgelegt, wo sein Wasser in Kaskaden in das Bett des Tarim hinunterströmt. Wir waren umgeben von einer Flottille von 12 Booten mit 30 Mann Besatzung, die uns über die Fälle hinweghelfen sollten. Es war ein eigentümliches Gefühl, als die Fähre von Fallkamm zu Fallkamm sank; sie beugte sich mit ihrem Vorderteile vornüber, um im nächsten Augenblick von der aufgeregten Wassermasse in Empfang genommen zu werden. Es herrschte die größte Spannung, und die Leute schrien, daß einem der Kopf schwindeln konnte; aber es lief doch alles glücklich ab, und die Fähre glitt ruhig auf den Tarim hinaus.
Am folgenden Tage wurden alle unnötigen Gäste, mit dem alten Naser Bek an der Spitze, verabschiedet, und in ihrer Einwohnerzahl dezimiert, zog die Flottille langsam flußabwärts. Die Tage waren folgendermaßen eingeteilt. Bei Sonnenaufgang wurde ich von Schagdur geweckt und inspizierte dann das Lager mit einem „Guten Morgen, Kosaken“, was mit militärischem Honneurmachen und „Starovie schelajim vasche prevoschoditelstvo“ (wir wünschen Euer Exzellenz Gesundheit) erwidert wurde; an die Muselmänner wurde der gewöhnliche Gruß „Salam aleikum“ (Friede sei mit euch) gerichtet, der wie ein Echo von allen Lippen zurückschallte. Das Frühstück bestand aus Fisch, Eiern, Tee und Brot. Während des Tages stand das Teegeschirr in meiner Kajüte, und der Samowar war bei den Kosaken stets angeheizt. Die Hauptmahlzeit wurde gegen 8 Uhr abends eingenommen und bestand aus Reispudding, Fisch, Kaffee und Milch. Die Arbeit wurde, solange es Tag war, ununterbrochen fortgesetzt, und den Abend nahm das Eintragen der am Tage gemachten Beobachtungen in Anspruch.
Schagdur machte sich vortrefflich, und ich gewann diesen prächtigen Kosaken, zu dem ich unbeschränktes Vertrauen hatte, immer lieber. Er hatte schon ziemlich geläufig mit den Muselmännern sprechen gelernt und nahm aus eigenem Antrieb bei Sirkin Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, sowie im Lesen und Schreiben in russischer Sprache, worin er sich während dieser Fahrt so vervollkommnete, daß er mir später bei mehreren Gelegenheiten, als wir getrennt waren, Briefe schreiben konnte. Hätten die Kosaken einen weniger guten Charakter gehabt, so wären sie vielleicht während der Reise verdorben worden, denn sie hatten sehr viel Freiheit, solange sie in meinen Diensten standen. Doch ihre Disziplin erschlaffte nicht um Haaresbreite, und nie vergaßen sie die Achtung, die sie dem ihnen zugeteilten Vorgesetzten schuldig waren.
Der Beste unter den Muhammedanern war Kirgui Pavan, der siebzigjährige Kameljäger aus Tikkenlik, ein durch und durch ehrlicher, anständiger Mensch, angenehm und munter im Umgang. Er hielt sich tagelang vor dem Schreibtisch im Vorderteile auf, wo er die Steuerbordstange führte, während Aksakal aus Jangi-köll, ein großer, starker, weißbärtiger Mann von 60 Jahren, die Backbordstange hatte. Es bereitete mir ein Extravergnügen, der Unterhaltung dieser beiden Greise über die Aussichten der Fahrt und die beständig größer werdenden Entfernungen, die sie von ihrer Heimat im Nordwesten trennten, zuzuhören. Sie zerbrachen sich den Kopf darüber, wie sie überhaupt wieder zurückkommen sollten, und ich mußte sie wiederholt beruhigen und ihnen versprechen, daß ich für ihre Rückkehr sorgen würde. Vorläufig war Kirgui Pavan das Land noch bekannt, und es war ein großer Vorteil, ihn beim Beginnen jedes neuen Kartenblattes nach der nächsten Hauptrichtung des Flusses fragen zu können, denn sonst geschah es leicht, daß die angefangene Zeichnung nach einer Weile über den Rand des Blattes hinausging.
Ördek, der sich so vortrefflich gemacht hatte, meldete sich krank und mußte zu Kahn nach seiner Heimat zurückgebracht werden. —