Wir hatten beim Einbrechen der Dunkelheit die Fähre vertäut, ich hatte zu Mittag gegessen und war mit meinem Tagebuch beschäftigt, als die Hunde zu bellen begannen und ein unbekannter Kahn im Dunkeln heranruderte und anlegte. Ich glaubte, ein Loplik wolle uns besuchen, doch es ertönten schnelle Schritte auf dem Seitengange der Fähre, die Filzvorhänge meiner Kajüte wurden zurückgeschlagen, und die wohlbekannten Züge des Dschigiten Musa zeigten sich. Er war in 33 Tagen mit Post von Kaschgar geritten und war uns von dem Lager in Jangi-köll, das er öde und leer gefunden, flußabwärts zu Boot gefolgt. Die Ankunft der Dschigiten bildete stets die großen Festtage der Reise, an denen die Verbindung mit der Heimat und der Außenwelt wieder angeknüpft wurde. Nachdem Pakete von Briefen, Büchern und Zeitungen auf dem Fußboden aufgereiht worden, wurde die Kajüte zugemacht, und ich legte mich hin und las bis um 3 Uhr morgens.

29. Mai. Mein alter Lotse Kirgui Pavan teilte mir wie gewöhnlich die Namen der Gegenden und einzelnen Stellen mit und erzählte mir alles, was er von dem Flusse aus früherer und aus jetziger Zeit wußte. An einen Hügel bei einer einsamen Pappel namens Kamschuk-tüschken-tograk (die Pappel, wo sich Kamschuken niederließen), knüpfte er eine dunkle Geschichte von Menschen unbekannten Stammes, aber obenerwähnten Namens, die vor mehreren Jahrzehnten von Korla gekommen und auf einigen aus Pappelstämmen zusammengefügten Flößen den Kontsche-darja hinuntergegangen waren. Es waren etwa fünfzig Familien mit Frauen und Kindern, aber verhältnismäßig wenig alten Leuten gewesen. Sie reisten langsam, rasteten hier und dort ein paar Tage, waren arm und tauschten sich gegen Flinten und Pulver Lebensmittel ein. Kirgui Pavan hatte sie in seiner Jugend selbst gesehen. Er erinnerte sich, daß sie geschickte Schützen gewesen, die sich von Fischen und Wildschweinfleisch ernährt haben. Ihr Führer hieß Jiwen (Iwan?) und hatte das Land vorher allein besucht, um zu sehen, ob es sich zur Ansiedelung eignete. Beim Schafschlachten hatten sie nicht ebenso verfahren wie die Muselmänner, sondern das Schaf erst durch einen Keulenschlag vor die Stirn betäubt. Ein älteres Mitglied ihrer Gesellschaft war von den Lopbewohnern Jeghalaghak, der „Weinende“, genannt worden; seine Gattin war gestorben und lag bei der obenerwähnten Pappel begraben. Auf Befehl Aschur Beks von Turfan hatten sie nach dreijährigem Aufenthalt im Loplande, wo sie bis Tscharchlik gekommen waren, auf demselben Wege wieder zurückkehren müssen. Die Rückreise hatten sie zu Land angetreten und waren in einer dunkeln Nacht von einem Buran überfallen worden. Hierbei verschwand ein junges Mädchen, die Braut eines Mannes namens Eweranj. Dieser war vor Gram beinahe wahnsinnig geworden und hatte seine Verlobte Tag und Nacht gesucht; da sie sich aber offenbar im Sturme verirrt hatte, hatten sie sie ihrem Schicksale überlassen und waren weitergezogen. Alle sprachen fließend „Turki“ und sagten, daß sie Flüchtlinge seien.

Diese unzusammenhängende, bruchstückhafte Erzählung war die einzige Raskolnikenüberlieferung, die ich im Loplande hörte. —

Gegen Abend begann der Fluß wieder unruhig und launenhaft zu werden; er teilte sich in mehrere Arme, unter denen wir unseren Weg mit großer Vorsicht auswählen mußten, und ergoß sich schließlich in den neuen See Sattowaldi-köll, wo wir auf einer kleinen Insel, dem einzigen in Sehweite befindlichen festen Boden, lagerten. Hier waren die Mücken noch lästiger als gewöhnlich, und ich hatte in meiner Kajüte ein brennendes Becken mit Kamischhäcksel, um Ruhe vor ihnen zu haben.

Die nächste Tagereise führte ununterbrochen über Seen und durch ein Labyrinth von engen Kanälen, in denen wir nur mit Hilfe aufgebotener Leute vordringen konnten. Wir lagerten jedoch abends wieder auf dem alten Tarim, der hier 23,8 Kubikmeter in der Sekunde führte.

Nachdem am 1. Juni der Dschigit Musa mit der neu gefüllten Posttasche wieder zurückgeschickt worden war, setzten wir unseren Weg auf dem Flusse fort. Der Tarim fing an, unangenehm gewunden zu sein, und der Wind war uns hinderlich; bisweilen half nicht einmal das Arbeiten mit Rudern und Stangen, und erst am Abend des 2. Juni erreichten wir Ajag-argan, wo wir auf derselben Landzunge lagerten, wo unser Zelt schon zweimal aufgeschlagen gewesen war.

Hier blieben wir verschiedener Arbeiten wegen zwei Tage liegen. Die Muselmänner beschäftigten sich mit gründlicher Reinigung der Fähre. Ich maß die beiden Flüsse, die der Tarim bei Argan aus dem Tschiwillik-köll erhält und die zusammen 36,5 Kubikmeter Wasser führten. Wir würden also während der noch folgenden Tagereisen nicht über Wassermangel zu klagen haben. Der vereinigte Fluß, der von hier an auch Baba Tarim (Flußgreis) genannt wird, hatte jetzt 60,8 Kubikmeter in der Sekunde.

Die Strecke am 5. Juni war voller Biegungen und Windungen und führte durch ziemlich üppigen Wald, der jetzt in seiner größten Sommerpracht stand. Das Wasser des Flusses hatte 23,5 Grad. Sirkin pflegte oft von der Fähre hineinzuspringen und eine kleine Schwimmtour um sie herum zu machen. Ich selbst badete nur um Mitternacht und 7 Uhr morgens, hatte aber den ganzen Tag über einen großen Zuber mit Wasser in meiner Kajüte, um mich zwischen den Kompaßpeilungen erfrischen zu können. Jeden Abend legten die Kosaken ihre Netze aus, und wir konnten uns also selbst mit Fischen versorgen. Eines Morgens betrug der Fang zwanzig Stück, die so groß waren, daß ein Fisch gut für einen hungrigen Mann ausreichte.

Flußabwärts nehmen Bremsen, Mücken und Moskitos in beängstigendem Grade zu, und wo sie sich zusammentun, hat man keine sonderliche Freude am Dasein. Sie sind außerordentlich gesellschaftlich und übertreffen einander an Aufmerksamkeit. Doch gegen sie zu kämpfen, ist ganz vergeblich; man zieht dabei in jedem Falle den kürzeren. Die Stiche der Bremsen brennen wie Feuer, und jeden Abend liegen Hunderte dieser Insekten tot um den Schreibtisch herum, so daß täglich ausgefegt werden muß. Die Hunde führen einen verzweifelten Krieg mit ihnen und haben nur nachts Ruhe. Die Hütten, die wir gelegentlich passieren, sind unbewohnt, und Hirten fehlen, weil ihre Herden von den Bremsen vernichtet werden würden. Die Kaufleute, die in dieser Jahreszeit zwischen Tscharchlik und Korla reisen, reiten nur nachts und schützen ihre Tiere in Kamischhütten.

Wir rasteten bei Küjüsch, um dort unser Abendbrot zu essen und den Fluß zu messen, aber um 10 Uhr brachen wir wieder auf und hatten noch ein paar Stunden Nutzen vom Monde. Nachdem dieser untergegangen war, umgab uns tiefes Dunkel. Vor uns war nur die uns führende chinesische Papierlaterne zu sehen, die, an ihrer Stange schaukelnd, wie ein Elmsfeuer über das Wasser hinhuschte. Die Nacht war absolut ruhig und windstill; kein Laut war zu hören, kein Hauch zu spüren. Die Bremsen schlummerten längst zwischen Gras und Schilf, bisweilen plätscherte ein Fisch im Wasser, oder man hörte das leise Rauschen um einen steckengebliebenen Stamm.