Auf der Kommandobrücke saßen die Kosaken, rauchten ihre Pfeifchen und amüsierten die Gesellschaft mit der Spieldose, wodurch sie auch die Leute wachhielten, was jedoch infolge der Furcht derselben vor dem Anprallen gegen überhängende Pappeln und dem Aufgrundgeraten eigentlich überflüssig war. Sirkin hatte eine gewaltige Ölfackel angezündet, um die Ufer zu beleuchten, und er und Schagdur berichteten mir ständig von dem Aussehen der Ufer, z. B. „rechts dichter Wald am Ufer, links Kamischfelder, Gesträuch und junger Wald“ usw. Die Kompaßrichtungen wurden nach der Laterne gepeilt.

So gleiten wir denn, von stiller Nacht umgeben, diesen endlosen Fluß hinab. Alle freuen sich nach einem glühend heißen Tage der erquickenden Kühle und können jetzt ihre sommerlich dünnen Kleidungsstücke öffnen, ohne juckende Stiche befürchten zu müssen. Ich begleite am Schreibtische mit der Flöte die wohlbekannten Melodien der Spieldose, die Kosaken qualmen ihre Schifferpfeifen, Kirgui ruft dann und wann sein: „Chabardar“ (gebt acht), wenn er besondere Wachsamkeit für nötig hält, und Stunde auf Stunde gleiten wir den gewaltigen Fluß hinab, seinem Grabe in der Wüste entgegen. Das Stundenglas ist bald abgelaufen; es sind die letzten Pulsschläge, denen wir folgen, und mit einem Gefühle des Bedauerns sehe ich eine Flußbiegung nach der anderen hinter uns verschwinden.

Wenn dann die Musik den Reiz der Neuheit eingebüßt hat, stellen sich Müdigkeit und Schlaflust ein. Die Spieldose verstummt, die Fackel darf erlöschen, Sirkin pufft Aksakal, dessen geneigter Kopf bedenklich hin und her schwankt, wird aber selbst eine Weile darauf überrascht, wie er, den Rücken an die Reling gelehnt und den Kopf über den Rand hinaushängend, mit weitgeöffnetem Munde eine Serenade zu Ehren des Sandmannes anstimmt. Hinterlistig gerät seine Mütze ins Gleiten und fällt ins Wasser, er fährt auf und ist eine Weile munter wie ein Fisch.

Um 2 Uhr nachts erbarmte ich mich meiner müden Diener, die nicht von denselben Interessen wachgehalten werden konnten wie ich. Wir vertäuten die Fähre am Ufer, und nach fünf Minuten herrschte an Bord lautlose Stille.

Wir hatten jedoch nicht lange geruht, als ein neuer Buran heransauste und meine Filzdecken losriß; er tobte den ganzen Tag und machte uns das Aufbrechen unmöglich. Erst um 10 Uhr abends nahm er ab und gönnte uns Zeit zu einer dreistündigen Fahrt. Aber am 8. und 9. Juni hielt uns der wütende Sturm wieder fest. Kleine Flugsanddünen lagerten sich überall in der Kajüte ab; man braucht beim Schreiben kein Löschpapier; ich selbst bin wie mit Puder überschüttet, in der Teetasse kann man, wenn man sie zuzudecken vergißt, alluviale Gebilde und sedimentären Schlamm studieren, und Schagdurs Frühstückskotelette sind mehr sandig als gesalzen.

Ganz passend, um mir während dieses gezwungenen Wartens Beschäftigung zu geben, langte noch ein Dschigit an, und ich dachte mir gleich, daß er mir wichtige Nachrichten bringen würde, denn er war ein Extrakurier, dessen Absendung nicht vereinbart worden war. Konsul Petrowskij teilte mir denn auch mit, er habe vom Generalgouverneur von Turkestan ein Telegramm bekommen, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff unter den jetzigen unruhigen Verhältnissen an mehreren Grenzen Asiens nicht länger zu entbehren seien, sondern nach Kaschgar zurückgeschickt werden müßten.

Diese Nachricht traf mich sowohl wie Sirkin, der uns danach in einigen Tagen verlassen mußte, wie ein Donnerschlag. Wir sprachen lange darüber und mutmaßten, daß an der sibirischen Grenze ernste Unruhen ausgebrochen seien; von den wahren Verhältnissen, dem Kriege in China, hatten wir ja keine Ahnung. Zunächst schickte ich sofort einen Eilboten mit einem Briefe an Tschernoff, daß er sich unverzüglich nach Abdall zu begeben habe. Sirkin mußte ja seinen Kameraden erwarten, einzeln konnte ich sie nicht reisen lassen. Als ich nun vor dieser gezwungenen Trennung stand, freute ich mich, daß ich in einem von Jangi-köll an den russischen Kaiser abgegangenen Briefe ausführlich von diesen beiden Kosaken und den unschätzbaren Diensten, die sie mir geleistet, gesprochen hatte.

Am Abend des 9. waren wir sehr in Unruhe um Schagdur, der gegen 5 Uhr auf die Jagd gegangen war. Als er um die Abendbrotzeit, um 9 Uhr, noch nicht da war, zündeten wir an verschiedenen Punkten des Ufers sechs Feuer an, die malerisch und unheimlich leuchteten und den feinen Staub, der noch immer die Luft erfüllte, rot färbten. Doch er kam nicht, und es war klar, daß er sich verirrt hatte. Ich schickte nun alle Mann mit Öl- und Kienfackeln nach verschiedenen Seiten aus. Ich hörte ihre Rufe in der Ferne verhallen und dachte an die Gefahren, die einen einzelnen Fremdling unter Flugsanddünen, Tigern und Wildschweinen umlauern können. Es wäre schlimm gewesen, drei von den vier Kosaken auf einmal zu verlieren.

Die Kundschafter kehrten einer nach dem anderen unverrichteter Dinge zurück. Um Mitternacht kam Schagdur selbst und berichtete, daß er ein Reh verwundet habe, das nach Westen in den Sand hinein geflohen sei. Er habe seine Beute stundenlang verfolgt, und als er beim Eintreten der Dunkelheit umgekehrt sei, habe er seine Spur verloren, sei aber gerade nach Osten gegangen. Dann sei er längs des Flusses am Ufer weitermarschiert, bis er endlich eines der Feuer erblickt habe.

Am 10. konnten wir weiterfahren. Tuga-ölldi (das Kamel starb) ist eine Gegend auf dem linken Ufer. Mongolen, die zu Jakub Beks Zeit nach Lhasa pilgerten, pflegten aus Furcht vor Jakub Beks Leuten auf dem linken Ufer hinzuziehen. Auf einer solchen Reise war eines ihrer Kamele an diesem Punkte gestorben. Ein längst vergessenes, unwichtiges Ereignis bleibt so durch den Namen der Nachwelt erhalten. Jetzt benutzen die Mongolen stets die große Karawanenstraße, die am rechten Ufer entlang geht.