Bei Schirge-tschappgan hielten wir abends an, um den Fluß an demselben Punkte wie am 18. April zu messen; die Wassermasse betrug 68,3 Kubikmeter; der Fluß fällt also in dieser Jahreszeit sehr bedeutend. Nachdem der letzte Dschigit von hier nach Kaschgar zurückgeschickt worden war, fuhren wir nachts weiter und hatten mehrere Kähne vor uns, welche die Ufer mit Fackeln erhellten. Es war ein seltsamer Fackelzug, der in stiller Nacht den Tarim hinabzog, während die Kahnleute ihre eintönigen, schwermütigen Liebeslieder sangen.

Von der Strecke von Schirge-tschappgan bis Tscheggelik-ui hatte ich 1896 eine Karte aufgenommen, und als wir am 11. Juni Ak-köll passierten, sah ich, daß die früher hier befindliche große Flußbiegung verlassen worden war und der Fluß sich quer durch die Landzunge gearbeitet hatte.

126. Aussicht vom Passe nach Ost zu Nord (3. Aug. 1900). ([S. 317.])

127. Aussicht vom Passe nach Norden (3. Aug. 1900). ([S. 317.])

Im Laufe des Tages hörte der Wald auf, und das Land war nach allen Seiten hin offen und flach. Die Luft war still, aber noch herrschte nach all den Stürmen Halbdunkel. Einige Kähne begegneten uns; in dem ersten saß Temir Bek von Tscheggelik-ui. Er wurde an Bord eingeladen und teilte mir unter anderem mit, daß es unmöglich sei, mit der Fähre jenseits seines Dorfes weiterzukommen, denn der Semillaku-köll sei ganz mit Schilf zugewachsen. Obgleich ich mich nach der frischen Gebirgsluft und meine Ruderer sich nach Hause sehnten, dachten wir doch mit einer gewissen Wehmut daran, daß dies die letzte Fahrt unserer alten Fähre war. In später Nacht vertäuten wir unser Fahrzeug zum letztenmal am linken Tarimufer, Tscheggelik-ui gerade gegenüber.

Schon am folgenden Morgen schickte ich Kirgui Pavan auf Rekognoszierung nach den Seen. Er kam mit der Nachricht zurück, daß die Fahrstraße für die große Fähre unpassierbar sei. Um seine Ansicht zu bekräftigen, brachte er ein Bündel Kamischstengel mit, deren Länge die Tiefe des Wassers in den seichtesten Stellen angab. Er glaubte jedoch, daß wir mit 25 Mann in 4 Tagen einen fahrbaren Kanal herstellen könnten. Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, weil es bis Abdall nur noch drei Tagereisen waren. Ich beschloß daher, einige Tage in Tscheggelik-ui zu bleiben, weil ich der Dunkelkammer noch einmal zum Entwickeln bedurfte und ein paar neue Fahrzeuge hergerichtet werden sollten.

So brachten wir denn in diesem friedlichen Fischerdorfe eine behagliche Ruhewoche zu ([Abb. 107]). Wir lagen am westlichen Ufer und hatten Aussicht auf das Dorf mit seinen Kamischhütten, auf seine offenen Ställe ([Abb. 108]), wo Rinder, Pferde und Esel von Millionen Bremsen gepeinigt wurden, und den Strand, wo kleine nackte Kinder umherliefen und zwischen den Kähnen spielten. Der Hintergrund dieses lebhaften Bildes war ein memento mori, der Begräbnisplatz des Fischerdorfes mit seinen Stangen und Wimpeln, die über den Wohnungen der Toten im Winde flatterten.

Jede Nacht arbeitete ich bis 4 Uhr in der Dunkelkammer; Sirkin war dabei mein Gehilfe, er holte reines Wasser und trocknete die Kopien. Das Wetter war eigentümlich, denn es stürmte beinahe ununterbrochen aus Nordosten. Wer sich einen ganzen Frühling und Vorsommer inmitten dieser ewigen Burane aufgehalten und ihre Gewalttätigkeit und Kraft, ihre umgestaltende Arbeit kennen gelernt hat, wundert sich nicht mehr darüber, daß die Verteilung der Wüsten, Seen und Flüsse in diesem Lande eine ständige Veränderung erleiden muß. Die Arbeit wurde von dem Heulen des Sturmes begleitet; beim Plätschern der Wellen und dem klagenden Sausen des Windes im Schilf legte man sich zum Schlafen nieder, und wenn man erwachte, hatte man wieder dasselbe wohlbekannte Pfeifen, dieselbe staubgesättigte Atmosphäre um sich herum. Einen Vorteil hatte dieses Wetter aber doch: es verscheuchte Bremsen und Moskitos und kühlte die Luft angenehm ab. Bisher hatten wir nur zweimal über +40 Grad im Schatten gehabt, jetzt zeigte das Thermometer selten über 25 Grad, nachts sogar nur +9,3 Grad und 11 Grad.