Die Kosaken machten kleine Ausflüge, um zu jagen und Fische zu fangen, beschäftigten sich im übrigen aber mit der Herstellung unserer neuen Fähren, die aus je drei langen Kähnen bestanden. Meine Pontonfähre wurde etwas ganz Außergewöhnliches ([Abb. 110]). Ein Bretterfußboden wurde quer über die Kähne gelegt und darauf ein prismatisches Gitter von Latten gestellt, das mit Filzdecken überzogen einem Zelte glich. Als ich am 18. Juni zum letztenmal auf der großen Fähre zu Mittag gespeist hatte, traf diese das Gesetz der Veränderung; die Kajüten wurden abgerissen, alle Nägel verwahrt und die mit Sand und Staub bedeckten Filzdecken ausgeklopft; meine Kisten wurden in die neue schwimmende Wohnung gebracht, die 26 Mann trug, also für mich, meine vier Ruderer und das Gepäck mehr als ausreichend war ([Abb. 109]). Ein Teil des Proviants wurde unter den Bretterfußboden in die Kähne gelegt, den Rest beförderten einzelne Kähne, die uns begleiten sollten. Wir hatten freilich weniger Platz als bisher, aber das neue Zimmer war doch außerordentlich gemütlich. Die Kosaken wohnten ebenso auf der zweiten Pontonfähre.
Kirgui Pavan, Aksakal und unsere alten Ruderer erhielten ihre Entlassung. Eines Abends gaben wir ihnen zu Ehren ein prächtiges Gastmahl; mehrere Schafe wurden geschlachtet, und die Reispuddinge dampften auf gewaltigen Holzschüsseln. Sie bekamen ihren Lohn in bar, ein paar Kähne und Proviant für die ganze Heimreise und bedankten sich dafür nach der Sitte des Landes mit Gebeten für mein Wohlergehen. Als ich am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang aus der Laboratoriumhütte trat, standen sie alle in Reih und Glied und sprachen ihr Morgengebet. Bevor ich mich schlafen legte, sah ich sie noch ihre Boote bemannen und nach einem letzten Lebewohl die Heimreise antreten.
Beim Zurücklassen der Fähre war mir zumute, als sollte ich einen sicheren Haltepunkt verlieren und ein altes Heim verlassen. Sie hatte uns unter wechselndem Geschick treu den Fluß hinabgetragen und ihren Zweck auf vortreffliche Weise erfüllt. Sie wurde jetzt der Bevölkerung von Tscheggelik-ui geschenkt, die über das vorzügliche Beförderungsmittel — besonders für Viehtransporte über den Fluß und das Hinüberschaffen von Gütern und Karawanen — ganz entzückt war. Später hörten wir, daß der Amban befohlen habe, sie nach Argan zu schaffen, wo die Karawanenstraße den Tarim überschreitet und wo bisher nur eine sehr mangelhafte Fähre zur Verfügung stand. Kommt ein europäischer Reisender dorthin, so wird er sie gleich wiedererkennen, sei es auch nur an der Etikette. Schagdur hieb nämlich in ihre Seiten meinen Namen in großen lateinischen Buchstaben und die Jahreszahlen 1899–1900 ein.
Erst am 19. Juni gegen Mittag verließ unsere neue Flottille mit vielen neuen Ruderern und Beken Tscheggelik-ui. Ohne weitere Schwierigkeit ruderten wir mit prächtiger Fahrt über die Seen und durch ihre schmalen Durchgänge, in denen das Vordringen mit der großen Fähre unmöglich gewesen wäre. Nachdem wir bei dem Dorfe Tokkus-attam gelagert hatten, gingen wir am folgenden Tag über den Semillaku-köll, dessen Tiefe nirgends 1 Meter überstieg. Der See Kara-buran war noch mehr gefallen und würde, wie man mir sagte, in zwei Monaten vollständig austrocknen; Anfang Oktober füllt ihn die Herbstflut wieder. An der Mündung des Tschertschen-darja wurde der Messungen wegen eine Weile gerastet. Obwohl das Flußbett scharf ausgeprägt, tief und mit Wasser gefüllt war, betrug sein Tribut an die Kara-koschun-Seen nur 4 Kubikmeter in der Sekunde.
Die letzte Tagereise auf dem Tarim war kurz und wurde zum Versöhnungsfest mit dem Winde, der uns vorher so oft Abbruch getan hatte. Jetzt wehte es gerade von Osten mit 11 Meter in der Sekunde und kühlte frisch und herrlich ab; die Ruderer brauchten tüchtig ihre Arme und fanden gute Hilfe an der Strömung ([Abb. 112]). Die Bremsen, die sich bei solchem Wetter hinausgewagt hatten, ließen sich in meinem Zelte nieder. Es wäre für beide Teile besser gewesen, wenn wir Waffenstillstand geschlossen hätten; hätten sie mich mit ihren Stichen verschont, so würde ich sie nicht totgeschlagen haben.
In Abdall trafen wir unsere alten Freunde Numet Bek und Tokta Ahun ([Abb. 113]). Letzterer hatte die Pferdekarawane und die Kamele bis an den Tschimen-tag begleitet und konnte mir mitteilen, daß in dem neuen Hauptquartier alles gut stehe. Die von uns im Frühling zurückgelassenen Kamele und mein kleiner Grauschimmel waren, fett und ausgeruht, mit ins Gebirge genommen worden. Der Kurier mit dem Briefe hatte schon lange sein Ziel erreicht, und in einigen Tagen mußten Tschernoff und die Karawane, die mich ins Gebirge führen sollte, hier sein.
Während des Aufenthalts in Abdall ([Abb. 111]) hatten wir anfangs gutes Wetter, d. h. Wind, der bis auf 16 Meter in der Sekunde anschwoll. Ich blieb daher an Bord der Pontonfähre wohnen, die ich beinahe nie verließ; es war der reine Stubenarrest. Ich saß die ganzen Tage am Schreibtisch und machte eine gewaltige Post fertig, welche die Kosaken nebst fertigen Platten mitnehmen sollten. Draußen heulte der Wind im Schilfe, der Bretterfußboden knackte von der Dünung und rieb sich an den Kähnen, und der Wellenschlag plätscherte gemütlich um die letzteren. Während der Windpausen machte ich astronomische Beobachtungen. Groß war mein Erstaunen, als ich, hiermit beschäftigt, eines Morgens einen Reiter nach den Hütten von Abdall sprengen sah und bald meinen prächtigen Tschernoff erkannte, der nach Empfang meines Briefes sofort in unglaublich kurzer Zeit aus dem Gebirge hierher geritten war. In den letzten 35 Stunden hatte er überhaupt nicht geschlafen, war aber geradeso munter und aufgeweckt wie gewöhnlich. Als ich ihn nachher zu einer längeren Segeltour einlud, berichtete er mir von dem neuen Hauptquartier, das für den Rest des Jahres meine Operationsbasis werden sollte. Es schmerzte ihn tief, uns gerade jetzt, da ein neues Kapitel dieser Reise begann, verlassen zu müssen.
Ein paar Tage darauf langten Turdu Bai und Mollah Schah mit vier Kamelen und zehn Pferden bei uns an. Obgleich sie, seitdem sie das Gebirge verlassen hatten, nur nachts marschiert waren, waren doch die Hälse und Beine der Kamele von den Bremsen blutig gestochen; die anderen Körperteile waren durch Filzdecken geschützt gewesen.
Jetzt trat ein unangenehmer Umschlag im Wetter ein. Der Wind hörte auf, und es folgte drückende Hitze. Wir mußten die Kamele mit größter Vorsicht und Sorgfalt schützen, denn die Luft wimmelte buchstäblich von Bremsen. Ich ließ daher ihretwegen eine Sattma ausräumen, die Wände derselben gut dichtmachen und stets ein paar Leute bei ihnen aufpassen, die nichts weiter zu tun hatten, als die Bremsen totzuschlagen, die sich dort einschlichen, um die armen Tiere zu stechen. Nachts durften sie auf die Weide gehen. Eines Morgens wurden sie vermißt, und Turdu Bai, der seine Schutzbefohlenen kannte, ahnte sofort, daß sie von diesem scheußlichen Orte durchgebrannt seien. Sie hatten sich, ihrer eigenen Spur folgend, auf den Weg nach dem Gebirge gemacht, wo, wie sie wußten, ihre Kameraden sie erwarteten und sie sich nicht von der Hitze und schmerzhaften Insektenstichen plagen zu lassen brauchten; sie wurden aber rechtzeitig wieder eingefangen und mußten sich in ihr Schicksal finden. Jeden Abend wurden sie im Flusse gebadet, was ihnen sehr gefiel.
Im Filzzelte auf der Pontonfähre war es bei dieser Hitze unerträglich. Draußen ertönte unausgesetzt ein summendes Brausen, und als ich den Filzvorhang zurückschlug, füllte sich das Zelt mit Bremsen. Ich nahm meine Dusche und kleidete mich schleunigst an; darauf wurde die Fähre nach dem rechten Ufer hinübergerudert, und ich eilte wie durch einen Kugelregen nach Tokta Ahuns Hütte. Dort war es schön; es war mindestens 6 Grad weniger heiß als im Zelt, und die Sonnenglut vermochte die dicken Kamischgarben des Daches nicht zu durchdringen. Die Hunde hielten den Umzug für eine brillante Idee; sie siedelten sich in je einer Ecke an und schlugen dadurch den Bremsen, die ihnen nicht folgen konnten, ein Schnippchen.