Inzwischen vergingen die Tage, und es wurde Zeit zum Aufbruch. Ich mochte gar nicht an die Trennung von Sirkin und Tschernoff denken; ohne sie würde es so leer und öde sein. Wir warteten nur auf den nächsten Sturm, der uns von den Bremsen befreien würde, denn bei dem jetzt herrschenden Wetter wurden wir von diesen unangenehmen Tieren buchstäblich belagert. Doch der Sturm kam nicht, und die Tage gingen hin. Wir versuchten freilich einmal, auf jeden Fall aufzubrechen, aber daraus wurde nichts; die Kamele warfen sich in Verzweiflung auf die Erde und wälzten sich die Lasten ab. Ich wollte der Kartenarbeit wegen nicht in der Nacht reisen; so warteten wir denn wieder, und ich schob den Augenblick der Trennung von Tag zu Tag hinaus.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Poesie im innersten Asien.
Solange wir still lagen, ging es uns nicht schlecht. Wir hatten alles, dessen wir bedurften, und die Bewohner von Abdall ([Abb. 115]) wußten gar nicht, was sie uns alles zuliebe tun sollten. Beschäftigung hatten wir auch vollauf; die Kosaken jagten Wildenten und machten Bootfahrten, wir maßen zum letztenmal den alten Tarim und fanden 43,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. In zweieinhalb Monaten war der Fluß auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft und er sollte im Sommer noch mehr abnehmen.
Während dieser Tage zeichnete ich zu meinem Vergnügen einige alte wohlbekannte Lieder auf, die seit über hundert Jahren von den Söhnen und Töchtern des Loplandes gesungen worden waren. Auch einige neue Lieder, welche die Fischer am Kara-koschun singen, schrieb ich nieder. Alle diese Lieder sind einfach und ungekünstelt und zeugen von beschränkter Phantasie und naiver Lebensanschauung. Aber sie beweisen doch, daß auch diesem kleinen Fischervolke, das seine Tage im Herzen von Asien abseits von den großen Karawanenstraßen und isoliert von anderen Stämmen einförmig verlebt, Poesie nicht fremd ist und daß die Liebe, bald süß, bald bitter, wie überall bei den Menschenkindern, auch bei ihnen herrscht. Durch diese Lieder erhält man auch einen Begriff von den Grenzen der Welt, in der sich ihre Gedanken und ihr Wissen bewegen. Doch sie verlieren durch Übersetzung und machen sich in ihrer ursprünglichen Form, in der Turkisprache mit holperig gereimten Versen nach einer eintönigen Melodie zu den Akkorden einer Dutar gesungen, viel besser. Die Wehmut, die sich wie ein roter Faden durch die Worte und die Musik zieht, paßt gut für den, der einsam ist, und läßt seine Hoffnungen schärfer hervortreten. Hier einige Proben dieser einfachen Dichtkunst.
Es folgt ein Lied, das Dschahan Bek, der Vater des alten Kun-tschekkan Bek, gesungen hat, das also gegen hundert Jahre alt ist; es spricht sich darin ein Weib aus, dessen Liebe verschmäht worden ist:
Die Geister haben dich schöner geschaffen als alle anderen Männer. Als du in deine Heimat zurückkehrtest, wäre ich dir nachgeflogen wie eine Gans, wenn ich Flügel gehabt hätte, und ich habe geschrien wie eine Wildgans. Du wußtest nicht, daß ich dich ein ganzes Jahr erwartet und auf deine Rückkehr wartend keinen anderen Mann geliebt habe. Ich erwarte dich seit lange und bitte alle, die zu dir reisen, dich, du meine andere Hälfte, zehnmal zu grüßen. Du nimmst alle auf, die vorbeiziehen und zu dir kommen, und du spielst und singst, aber wenn du spielst und singst, darf ich nicht mit dabei sein. Deine Füße scheinen gebunden zu sein, sonst kämst du her. Dein Name ist über ganz Alti-schahr bekannt. Mach’ es wie Juldus Wang, sei faul und laß andere für dich arbeiten. Wenn du mich nicht haben willst, komme ich doch und werde, so gut ich es kann, deine Magd. Alle Frauen raten mir, zu dir zu gehen; ein ganzes Jahr lang habe ich deinetwegen nicht lächeln können, denn du hast die Unwahrheit gesprochen; ich habe keine Freude von dir gehabt, meine Augen sind übergeströmt wie ein Fluß. Gott hat nicht befohlen, daß wir vereinigt werden sollen. Deine Wimpern und Brauen sind das Schönste, was es gibt.
Aus derselben Zeit stammt das mit Bitterkeit gemischte, sehnsuchtsvolle Lied eines Liebenden, dem seine Angebetete einen Korb gegeben hat:
Seitdem du dich zu Pferde fortbegeben, gehe ich hier umher und sehne mich nach deinen schwarzen Augenbrauen. Wenn ich Gelegenheit finde, reise ich dir im Laufe dieses Monats nach, um zu singen, zu spielen und zu trommeln. Du bist noch jung, und deine Eltern haben dich einem guten Manne gegeben. Du bist wilder als der Teufel, Jungfrau Sahib, du bist hartherzig; du verstehst meine Worte nicht, du wilder Teufel! Du bist wie das Wetter, bald trübe, bald sonnig. Deine Eltern hielten viel von dir und mußten dich fein und weich kleiden. Laß mich wissen, wann deine Hochzeit sein soll, damit ich komme und sie mitmache. Deine Mutter war besser als Imam Pattma und rein wie Nephrit. Imam Pattma liebt dich; als wir alle jung waren, spielten wir miteinander und waren Freunde. Du schwankst hin und her wie die Nackenfeder des Okkarvogels, und dein Ruf ist wie auf Flügeln bis Tschimen geflogen. Wenn wir uns im Herbst nach dem Tarim begeben, werden sich unsere Augen begegnen. Du bist jetzt vater- und mutterlos, aber alle werden dir mehr geben, als Vater und Mutter gekonnt hätten. Wenn du dein Gewand angelegt hast, gleichst du einem Sternwurme (Glühwürmchen).
Kuntschekkan Beks Schwiegervater pflegte nachstehendes Lied zu singen, das also wenigstens achtzig Jahre alt ist, obgleich es ebenso wahrscheinlich ist, daß es damals schon ein altes Lied war. Ein Liebender, der noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat, singt:
Ich bin sehr traurig darüber, daß ich nicht meine kleine Freundin nahm; ich friere deswegen wie eine verfrorene Fischotter. Du hast einen schönen Chalat, aber ich war nicht stark genug, um deinen Chalat zu gewinnen. Wenn ich dich jetzt nicht zur Frau bekomme, werde ich doch an deinem Hause vorbeireisen und dich sehen. Dein schwarzes Haar ist sehr schön; wenn ich dich bekommen hätte, würde dein schwarzes Haar an meiner Brust geruht haben, aber mein Nebenbuhler nahm dich und gab dich mir nicht. Hätte ich gewußt, daß du einen Ring am Finger trägst, so hätte ich nie mit dir bekannt werden wollen, aber ich komme im zehnten Monat. Wenn ich im zehnten Monat komme, werde ich dich fragen, wie es dir geht, du bezaubernder Engel, der du allein in deinem leeren Hause geblieben bist. Deine Brust ist so weiß wie eine angezündete Lampe; wenn du dein Gewand öffnest, sieht man deine kreideweiße Brust. Deine Nägel gleichen dem Tage. Ich liebe dich glühend, du bist wie der Stern, der in die Spur des Mondes tritt. Wenn ich dich bitte, ein wenig zu verweilen, eilst du auf deinem schnellen Pferde davon. Nun, da ich ein alter Bettler geworden, kann ich dich, die du die schönste der Frauen bist, nicht bekommen; du bist schöner als die Sonne. Du, Assan, begib dich zu ihr und bringe die Worte vor, die ich gesagt! Ich werde die Beke bitten, dich mir zu geben. Als ich deine Fußspuren auf dem feuchten Sande sah, weinte ich so, daß kleine Hügel unter Wasser standen. Du gleichst einer Fürstin, und hast deine Teetasse auf einer Metallschale. Ich kam nach Jatschi hinüber, um dich zu sehen, fand aber nur deine Schale mit Reispudding. Da ich dich nicht bekam, habe ich tot in dieser Welt gelebt. Ich werde Gott bitten, mich noch ein paar Jahre leben zu lassen, damit ich dich doch noch bekommen kann. Ich jagte meine alte Frau fort. Möge Gott dich mir geben. Du gehst so leicht, wie der Falke fliegt, aber dein Mann hat dich noch nicht verlassen, und ich bin allein.