128. Rast der Karawane während Tscherdons Rekognoszierung (3. Aug. 1900). ([S. 318.])

129. Auf der höchsten Bergkette der Erde. ([S. 320.])

Ein zehn Jahre altes Lied aus Argan, gesungen von einem Manne, der an die Unrechte geraten ist, lautet:

Wie Tajir Chan und Suja Chan in derselben Nacht starben, haben wir einander auch nicht bekommen. Tajir Chan starb in dem Dorfe seines Mädchens, ehe er es bekommen hatte. Kara Vater schlug ihn dreimal mit dem Schwerte, und nun erholt er sich nie wieder. Er war nicht schwer verwundet, muß aber viele Sünden auf seinem Gewissen gehabt haben, weil er doch gestorben ist. Wie keiner Tajir Chans Tod rächte, so wird sich auch niemand darum kümmern, daß ich dich nicht bekommen habe. Jetzt, seit ich mit dir bekannt geworden, kommt am Ende jemand und schlägt mich tot. Jetzt habe ich eine andere Frau genommen, und nun mögen sie mit dir tun, was sie wollen. Nun aber reut es mich, daß ich den Bek und Ahun nicht gebeten habe, lieber dich mir zu geben. Und nun denke ich, daß, wenn Gott mich nicht sterben läßt, die Menschen mich nie werden töten können. Es wäre freilich besser gewesen, mit dem ganzen Dorfe zu kämpfen und totgeschlagen zu werden, als die Frau, die ich jetzt habe, auf dem Halse zu haben.

Agatscha Chan war ein Mädchen aus Kum-tschappgan, das sich tröstete und sang:

Mein Freund ist hierhergekommen, und seitdem grünt alles. Es ist für dich, der du die Erde mit deinem Spaten bearbeitest, Zeit, deinen Weizen zu säen. Wenn ich die Sprache der Wildente verstehen könnte, würde ich sie fragen, wie es dir geht. Du kamst hierher, wolltest mich aber nicht ansehen, und dann reistest du wieder heim. Agatscha Chan begleitete dich nicht, sie stieg aufs Pferd und ritt mit einem anderen Manne fort.

Noch ein Liebeslied trostlosen Inhalts, das vor einigen Jahren in Tusun-tschappgan gedichtet ist, lautet:

Du gleichst der weißen Ente. Ich möchte die Nacht an deinem Busen zubringen. Wenn du zum abendlichen Saitenspiele tanzest, umflattern dich die schönen Bänder. Ich sitze bei mir, du bei dir, aber ich weiß, daß du an mich denkst. Sende mir den Falken, den du auf deiner Hand trägst. Wenn ich mich abends hinlege, kann ich nicht schlafen, weil ich an dich denke. Deine Eltern wollen dich mir nicht geben, sie geben dich gewiß einem Bek aus Turfan. Die Leute sagen, daß deine Eltern dich mir darum nicht geben, weil sie mich nicht mögen. Meine Sehnsucht nach dir macht mir den Kopf wirr, mir ist, als drehten sich die Wolken um mich herum. Du hast einen vornehmen Mann bekommen, und ich bleibe einsam und verlassen. Ein anderer hat dich genommen, ich bekam dich nicht. Deine Mutter hat Brot und Saatkorn in Menge, ihr Vorrat nimmt kein Ende. Wenn deine Mutter morgens Brot backt, kocht schon der Kessel. Es ist so lange her, seit ich dich sah.