Es ist derselbe Klageton, der durch alle diese Liebesergüsse geht: es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, wo man ihr auf Erden begegnet. Aber auch die Lieder, die nichts mit Liebe zu tun haben, sind ebenso wehmütig. So singt zur Zeit des alten Numet Bek (etwa 1700 geboren) ein Jüngling ein Lied an seinen Bruder; sie waren beide vom Kara-koschun, hatten sich aber nach Abdall begeben:

Reise du heim und erkundige dich, wie es dort steht; ich fahre aus und fange Fische. Wenn die Fische hier knapp sind, reise ich lieber nach Hause und fische dort. Ich sehne mich so nach Hause, daß ich nicht essen kann. Alle in dieser Gegend, Gute und Böse, schelten auf mich, so daß ich nicht essen kann. Ich kam hierher, um zu sehen, ob dies ein guter Ort sei, aber meine Frau und die Kinder blieben in Jatschi (Dorf am alten Kara-koschun). Wenn ich mit dem Kahne früh abfahre, komme ich in einem Tage heim. Jetzt reise ich; es war dumm, daß ich den Pelz und andere Sachen, die ich hätte zu Hause lassen können, mitnahm. Wenn die Abdalleute mich auch töten wollen, werde ich mich nicht umsehen, sondern heimreisen. Sie mögen nach Belieben hinter mir herschelten und schreien, aber heim fahre ich. Wie das Siebengestirn am Himmel und das Archari auf den Bergen ging ich von Hause fort, und nun weine ich. Jetzt fahre ich heim; lebe wohl du mein einziger Freund an diesem Orte. Wenn ich dich verlassen habe und nach Hause zurückgekehrt bin, sind wir wie durch einen hohen Berg getrennt.

Vor hundert Jahren sprach ein blinder Greis in Tusun-tschappgan seinen Schmerz in folgendem Liede aus, das noch gesungen wird:

Ich Armer bin von Gott mit Blindheit gestraft worden. Wie bin ich jetzt unglücklich; nun sehe ich weder die Hütten noch die Kamischhecken um sie herum, sondern muß einsam in meiner Sattma sitzen! Jetzt ist es traurig, ich kann meine Freunde weder sehen noch treffen, meine Knochen sind so weich wie Mehl geworden. Seit ich blind geworden bin, ist mir, als ob mein ganzer Körper schmerze. Gott hat mich hart gestraft, daß er mich die Hütten und die Kamischfelder nicht sehen läßt. Weshalb, Gott, ließest du mich geboren werden, wenn du mich nachher meines Augenlichtes berauben wolltest? Seit ich blind geworden, ist mein Inneres voll Kummer und Gram. Möchte Gott nie einen anderen Elenden mit Blindheit heimsuchen! Da ich nicht sehe, kann ich nicht gehen, ohne die Hände zum Fühlen auszustrecken. Meine Kinder rufen mir zu: du tust nichts, du fängst keine Fische, du verschaffst uns nichts zu essen. Es wäre besser, wenn Gott mich sterben ließe, statt mich zu meiner Qual in dieser Welt zu lassen. Früher konnte ich Geld verdienen, jetzt sehe ich es nicht einmal und kenne es nur wieder, wenn ich daran rieche. Gott hat mich hart gestraft, als er mich so elend werden ließ. Wenn ich mit meinem Weibe sprechen will, antwortet sie mir nur mit harten Worten. Als ich sah, erhielt ich gut zubereitetes Essen; jetzt stellt sie mir kaum Tee hin. Wenn ich nur sehen könnte, würde ich wie früher auf den See hinausfahren und meine Netze auslegen. Würde ich es jetzt versuchen, so würde ich den Weg nicht finden können und an die unrechte Stelle kommen. Als ich Kind war, müssen meine Eltern für ein Versehen meinerseits den Wunsch ausgesprochen haben, daß ich blind werden möchte. Früher konnte ich meine Netze auslegen, doch dem Blinden ist das Fischen unmöglich. Jetzt, da ich die Meinen nicht mit Fischen versehen kann, werden sie nur halbsatt. Ich glaubte, daß du, mein Sohn, mir auf meine alten Tage helfen und mich ernähren würdest, aber du hast mich von dir gestoßen.

Daß ein Volk, welches früher fast ganz von Fischnahrung gelebt hat, den Fischfang und die kleinen Abenteuer dabei besingt, ist selbstverständlich. Als Probe dieser kunstlosen Seepoesie mag das im Fischerdorfe Kara-koschun passierte und besungene Mißgeschick dienen:

Ich war draußen auf dem See, als der Sturm kam und meinen Kahn umriß, und hier liege ich nun, und Vater und Mutter wissen es nicht. Die Fische und das Brot, die ich mit hatte, landeten im Magen des Sees statt in meinem Magen. Beim Schiffbruche konnte ich nichts weiter retten als den Kochtopf, Gott sei gelobt. Ich habe gewiß harte Worte gegen einen Älteren gebraucht oder irgendein Unrecht getan, weil ich diese Strafe erhalten habe. Mein Kamerad, der gleichzeitig mit mir draußen war, verlor nichts; Gott muß ihn lieben. Ich hatte 30 Fische in einem Bunde und 12 in dem anderen, und alle gingen sie unter. Wenn ich jetzt aufstehe und mich spute, komme ich zum Abendessen nach Hause. Ich warf einen Blick auf die Binsenbündel, die auf dem Wasser schwammen, und eilte dann heim. Bei meiner Heimkehr schalten meine Eltern und sagten: Was hast du mit all den Fischen gemacht? Und ich antwortete: Wäret ihr froher über die Fische gewesen als über meine Rettung, so könnt ihr mich ja totschlagen. Du, mein Freund, komm, laß uns das Boot an Land ziehen und es zum Trocknen hinlegen.

Ich kann auch einige Proben geben, wie die Menschen, welche derartige Lieder singen, ihre Briefe schreiben, was ebenfalls von Interesse sein dürfte. Die Schriftstücke zeugen bei all ihrer sklavischen Untertänigkeit von großem Wohlwollen und großer Höflichkeit, und zwischen den Zeilen schimmert das Ansehen hervor, dessen sich unsere Karawane überall erfreute. Während meines Aufenthalts im Lande erhielt ich Massen von Briefen und mußte einen einheimischen Sekretär für ihre Beantwortung haben. Der Sekretär las mir die Briefe vor, und ich teilte ihm mit einigen Worten mit, was er antworten sollte. Es ist sowohl komisch wie für die Achtung, die wir genossen, bezeichnend, daß alle diese Briefe mit den Worten. „Dem großen König, dem gnädigen Herrn, Gottes Segen“ begannen. Als die Kosaken mich Exzellenz nannten, fand ich diesen Titel schon übertrieben, aber den Beken des Loplandes war er noch viel zu nichtssagend; sie kamen sofort mit Ullug Padischahim (Eure Majestät). Ich fühlte mich zweihundert Tage lang beinahe als König von Lop-nor.

Der alte Naser Bek von Tikkenlik überraschte mich mit folgendem Briefe:

Wir, Eure allerschlechtesten Untertanen, Naser Bek, mein Schwiegersohn und alle, Große wie Kleine, wünschen unserem großen Padischah, daß Ihr, was Gott gnädig geben möge, in Tschimen ruhig und friedvoll anlanget; und wenn Ihr dorthin gekommen seid, hatten wir zu Euch eilen und Euch dienen wollen, aber der Amban ist hier, und ich kann daher nicht um Urlaub bitten. Indessen wäre es notwendig gewesen, daß ich mich bei Euch eingestellt und meine Verbeugung gemacht hätte. Wenn Ihr mich durch eine Zeile von Tschimen wissen laßt, daß Ihr ruhig und friedvoll dort angekommen seid, wäre ich sehr dankbar. Zum Zeichen, daß ich lebe, sende ich Euch zehn Ellen weiße Leinwand. Bitte, vergeßt mich nicht.

Mirab Bek von Ullug-köll schreibt: