Eure niedrigen Sklaven und Diener, Mirab Bek von Ullug-köll und sein Sohn Baker Schang-ja, Seidulla Imam, Mahmet Baki Masin, Sati Ahun, Allah Kullu, alle großen und kleinen Bewohner Ullug-kölls, fragen durch diesen Brief nach der Gesundheit des Tura (des Herrn). Wir hätten Euch begleiten und Euch dienen müssen, konnten es aber nicht, weil wir den Amban fürchteten. Gott allein weiß, ob wir Euch noch einmal wiedersehen werden; doch hoffen wir es. Wenn wir erfahren, daß Ihr glücklich im Gebirge angelangt seid, werden wir in Wahrheit Gott danken, und wir werden beten, daß Ihr wieder hierherkommt, damit wir uns wieder treffen.
Mehr kollegialisch schreibt der Amban von Tscharchlik:
An den sehr lieben und gnädigen Herrn He-dani (Hedin) von Dschan Daloi aus Tscharchlik. Ich bitte, schriftlich mein Bedauern aussprechen zu dürfen, daß wir, als wir uns zum erstenmal in Tikkenlik trafen, keine Gelegenheit hatten, einander zum Gastmahl einzuladen. Wir trafen uns spät, Ihr fuhrt nach Eurem, ich nach meinem Bestimmungsorte, aber wir werden einander nie vergessen. Gebe Gott, daß wir uns einmal unter günstigen Verhältnissen treffen! Wir müssen uns nahetreten, einander kennen lernen und die besten Freunde werden. Möchten wir nicht anders als gut voneinander denken. Von woher und wann es auch sein möge, schreibt mir einen Brief und fordert mich zu einer Begegnung auf. Wir bitten, Euch mitteilen zu dürfen, daß wir den Brief von Chalmet Aksakal gelesen haben und sehr dankbar sind, daß Ihr uns gebeten habt, die Diebe ausfindig und dingfest zu machen. Wir haben die abhanden gekommenen Waren bei den Dieben gefunden und die Sache, die gesetzlich behandelt und abgeschlossen ist, schon erledigt. Wünscht Ihr noch etwas mehr, so seid so gnädig und laßt mich es wissen. Leider konnte ich nicht mehr zu Euch kommen, habe aber Nachricht erhalten, daß Ihr hier vorbeipassiert seid. Für alle Fälle schicke ich Euch 100 Dschin Reis und ein paar Flaschen Branntwein und bitte Euch, mich nicht zu vergessen.
Infolge der Etikette konnte er mich nicht aufsuchen, weil ich keine Miene gemacht hatte, ihm eine Visite abzustatten. Den Branntwein mußte der Bote wieder mitnehmen; dergleichen durfte es in unserer Karawane, wo strenge Mannszucht gehalten wurde, nicht geben. Im allgemeinen ist auf die Artigkeiten der Chinesen, ob sie mündlich oder schriftlich ausgedrückt werden, nicht viel zu geben, doch hinsichtlich Dschan Dalois hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Als er ein Jahr darauf von dem Generalstatthalter in Urumtschi abgesetzt wurde, hieß es in Tscharchlik, der Grund seiner Absetzung sei seine allzu große Dienstwilligkeit gegen einen „Jang-kwetsa“ oder „fremden Teufel“. Von dem Boxeraufstande in China verspürten wir nicht einmal eine schwache Dünung; kein verhallendes Echo davon drang bis ins innerste Asien.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Aufbruch nach Tibet.
Das Warten dauerte uns schließlich zu lange, und mit sehnenden Blicken betrachteten wir die Kurve des Barographen, die durchaus keine Neigung zeigte, Sturm zu verkünden. Ich lag meistens auf meinem Bett, las Bücher von Selma Lagerlöf und Kipling und studierte die buddhistische Mythologie; doch die Bremsen hoben die Belagerung nicht auf, und der Wind gab uns keine Gelegenheit, einen Ausfall zu machen und ihre Umzingelungskette zu sprengen. Nun verlor ich die Geduld und beschloß, am Abend des 30. Juni auf jeden Fall aufzubrechen. Die Karawane sollte zu Land den etwa siebenstündigen Weg um die Sümpfe machen und mich in Joll-arelisch oder an dem Punkte, wo die Straße nach Sa-tscheo sich von der ins Gebirge führenden scheidet, wieder treffen. Ich selbst wollte zu Kahn über dieselben Seen wie im April fahren, und da Joll-arelisch bereits auf einer der Karten von jener Exkursion eingetragen war, entstand also dadurch keine Lücke in der Karte.
Im Laufe des Tages wurde alles gepackt, Kisten und Lasten wurden geordnet, die englische Jolle verstaut, alle Forderungen bezahlt und die Post nach Europa den Kosaken überantwortet, die beide ihre Pässe und je ein Geschenk von 2 Jamben, sowie das Versprechen erhielten, daß ich sie ihrem obersten Kriegsherrn, dem Zaren, aufs beste empfehlen würde. Sie nahmen auch einen Brief nach Tscharchlik an Dschan Daloi mit, in welchem ich diesen bat, sofort 3000 Dschin Mais (30 Esellasten) in das Hauptquartier zu schicken. Die Bezahlung für die Furage und den Transport konnte ich erst beim Empfang aushändigen, weil ich infolge des unvorhergesehenen Aufbruchs der Kosaken ganz leere Taschen hatte. Die Kasse befand sich im Hauptquartier am Tschimen-tag.
Um 5 Uhr nachmittags fing das Beladen an. Sobald die Kamele ins Freie gekommen waren, wurden sie von Tausenden von Bremsen umschwärmt. Sie benahmen sich indessen würdig, mit ihrer gewöhnlichen Geduld; bei jedem fertigbeladenen Kamele wurden vier Männer aufgestellt, welche die Insekten mit großen Kamischblättern fortwedelten. Als alles zum Aufbruch fertig war, stieg Turdu Bai zu Pferd und begab sich an die Spitze des Zuges, der sich eiligst entfernte.
Jetzt kam die Reihe an die Pferde, welche störrisch waren, ausschlugen und sich sogar zu Boden warfen; die Lasten mußten sehr fest gebunden werden, damit sie sie nicht abschütteln konnten. Mollah Schah, Kutschuk und Tokta Ahun, Kuntschekkan Beks Sohn, marschierten mit ihnen den Kamelen nach.
Der Klang ihrer Glocken und Schellen war schon verhallt, als uns auf einmal einfiel, daß die Hunde fehlten. Sie waren auf eigene Hand auf Entdeckungsreisen ausgegangen und wurden erst nach einstündigem Suchen erwischt, gebunden und Schagdur übergeben, der der Karawane folgte, nachdem er seinen Kameraden Lebewohl gesagt hatte.