Der große, bequem eingerichtete Kahn, der mich nach dem verabredeten Orte bringen sollte, lag mit Proviant, Filzdecken, Rauchgeschirr und Laterne bereit. Jetzt stand das schlimmste bevor: der Abschied von den Kosaken. Voller Rührung dankte ich ihnen für ihre Dienste, und nach einem kräftigen Händedruck und einem letzten Lebewohl sah ich sie ihre Rappen besteigen und auf dem Wege nach Tscharchlik, das sie am nächsten Morgen zu erreichen gedachten, verschwinden. Sie waren mit Empfehlungen an Ambane, Beke und Aksakale versehen und sollten längs des Gebirges über Kopa und Sourgak reisen und von dort während der Nächte über Chotan und Jarkent nach Kaschgar reiten.
Es war pechfinster, als ich allein mit meinen Ruderern die Bootfahrt antrat. Meine Karawanen, Diener und Güter waren jetzt zerstreut, und es galt, sie wieder aufzulesen und das Ganze zu vereinigen. Die Strömung half uns, und mit sausender Fahrt ging es den Fluß hinab, dessen dunkle Ufer hinter uns verschwanden. In Kum-tschappgan rasteten wir nur so lange, wie für den Rudererwechsel erforderlich war. Der Mond ging gerade unter, aber die Nacht war klar, und die Sterne leuchteten über den wandernden Seen hell wie Wachsfackeln.
Um 11 Uhr nachts verließen wir Tusun-tschappgan, von einem des Weges kundigen Manne in einem Einrudererkahne geleitet. Daß er in der Dunkelheit durch diese Labyrinthe von hohem dichtem Schilf, durch Tschappgane und enge Kanäle, Lagunen und Seen hindurchfand, war ein vollendetes Meisterstück. Die Männer ruderten ohne Zögern und Unterbrechung, als ob die Kähne auf unsichtbaren Schienen liefen. Sie sprachen nicht, sie ruderten nur, taktfest und stetig. In die dichten Hecken aber drangen die Lüfte der Sommernacht nicht; dort war es erstickend heiß, dumpfig und moderig, und Miasmen stiegen aus dem lauwarmen Wasser der Sümpfe auf. Ich schlummerte dann und wann ein wenig, und gegen Morgen begannen die Leute zu singen, um sich wach zu halten. Der Sate-köll war bedeutend seichter als im April, weshalb die Ruderer ausstiegen und mich weiterzogen; doch wir mußten bald den großen Kahn verlassen und uns des kleinen bedienen. Als auch dieser nicht weiter konnte, gingen wir zu Fuß durch den Schlamm und erreichten so das Ufer.
Jetzt folgte ein mehrstündiges Warten in der baumlosen, stillen, finsteren Einöde. Endlich ertönten Rufe, anfangs aus der Ferne, dann aus größerer Nähe; mit brennender Laterne gingen wir den Erwarteten entgegen. Es waren Schagdur und Tokta Ahun mit der Pferdekarawane. Sie hatten die Kamelkarawane bald überholt, und wir mußten nun auf diese warten. Die Lopleute gingen weit in den See hinaus, um eine Kanne süßen Wassers und einige Bündel Kamisch zur Feuerung zu holen, denn das Ufer war gänzlich ohne Vegetation.
Beim ersten Tagesgrauen kam die Kamelkarawane herangezogen; sie hatte sich in der Dunkelheit verirrt und war, durch einen Eselpfad irregeführt, zu früh nach dem Gebirge abgebogen. Sie zog jetzt weiter, ohne sich aufzuhalten; als die anderen mit dem Frühstück fertig waren, stiegen auch wir zu Pferde. Das Land ist entsetzlich öde; im Norden des Sumpfes geben wenigstens die Sanddünen der Wüste ein gewisses Relief, und der tote Wald verkündet, daß dort einst Leben geherrscht hat, hier aber gibt es gar nichts; die Erde ist eben wie ein Fußboden und besteht aus hartem, salzhaltigem Lehm, der einst unter Wasser gestanden hat.
Wir entfernen uns in spitzem Winkel vom Ufer, und die äußersten Seen des Tarim waren kaum noch wie eine dunkle, gleichsam über dem Horizont schwebende Linie sichtbar, als sich die Sonne im Osten erhob und ein Meer von Licht und Wärme über die Wüste fluten ließ. Das Tagesgestirn trat in seltener Schönheit auf. Seine Strahlen brachen sich in den feinen, leichten Wölkchen, die wie ein Schleier vor seinem Antlitz schwebten. Die Ränder der Wölkchen wurden von hinten erleuchtet und glühten wie Kränze von flüssigem Gold, die Mitte jeder Wolke aber färbte sich violett in verschiedenen Schattierungen. Die Luft war klar und still, und der Himmel prunkte in fleckenlosem, reinem Blau.
Noch schöner als dieses Schauspiel war jedoch das Gebirgspanorama, das in der schiefen, beinahe horizontalen Beleuchtung scharf und deutlich hervortrat; die Ketten zeigten abwechselnd hellbraune, rosa und violette Nuancen, die infolge der großen Entfernung nicht grell, sondern ruhig, gedämpft und harmonisch waren und einen entzückenden Hintergrund zu dieser dürren Wüste bildeten, wie ja auch der Sonnenaufgang viel schöner ist, wenn er auf eine schwüle, düstere Nacht folgt.
130. Allgemeines Trocknen an der Sonne. ([S. 328.])
Von links nach rechts: Aldat, Nias, Kutschuk, Mollah Schah, Turdu Bai und Tscherdon.