131. Gletschermassiv im Südwesten vom Lager Nr. 27. ([S. 329.])
Die Sonne hat aber auch ihre Schattenseiten. Kaum guckt sie über den östlichen Wüstenrand, so füllt sich die Luft mit Millionen Bremsen, die, Wolkensäulen vergleichbar, Pferde und Reiter begleiten und umgeben. Man muß sich verteidigen, so gut man kann, und die Pferde werfen und schlagen mit Kopf und Mähne.
Dunglik (die Hügel) ist eine kleine Oase auf dem Wege nach den Bergen und liegt gerade da, wo die flachen Schuttkegel der letzteren langsam anzusteigen beginnen. Von Abdall, das 838 Meter über dem Meere liegt, waren wir 203 Meter gestiegen. Alle waren müde von der durchwachten Nacht; ich selbst schlief unter der ersten besten Tamariske ein und wachte erst wieder auf, als mir die Sonne auf den Kopf brannte. Da siedelte ich in das Zelt über und setzte mich dort, sehr leicht gekleidet, zum Arbeiten hin.
Am folgenden Morgen wurde ich um 3 Uhr geweckt, Lichter und Laternen wurden angezündet und das aus Tee, Eiern und Brot bestehende Frühstück gebracht. Das Gepäck wurde geordnet und die Tiere beladen; es fing an, im Osten hell zu werden, und als wir um 4½ Uhr aufbrachen, wobei wir Wasservorrat für uns selbst und die Hunde mitnahmen, war es schon ganz hell, und geschäftig gingen die Bremsen an ihr Tagewerk. Ich schlug ein paar Hundert tot, die sich auf der nackten Haut der Kamele festgesogen hatten. Sie summten in Schwärmen um uns und folgten uns ein paar Kilometer weit, wie vor Wut erglühend, als die aufgehende Sonne durch ihre mit Blut gefüllten Leiber schien. Es knallt, wenn die Peitschenschnur den aufgeschwollenen Sauger trifft und er platzt. Doch bald wagten sie sich nicht weiter vom Vegetationsgebiete zu entfernen, und wir waren sie für den Rest des Tages los.
Wir kamen jetzt auf den offenen, wüsten, kiesigen und unfruchtbaren Sai hinaus, der langsam nach dem Gebirge ansteigt; hier gibt es keinen Grashalm, kein Insekt, keine Spur von Leben, nur auf asphalthartem Boden dünn verstreuten Kies und Sand.
In launenhaft wechselnden Abständen sind kleine Steinpyramiden errichtet, deren einzige Aufgabe es ist, als Richtschnur beim Sturme zu dienen. Die Asiaten finden, daß sie ihren Wegen und Stegen einen gewissen Dankbarkeitstribut schuldig sind, der den Pyramiden in Gestalt eines Zuschusses von einem oder mehreren Steinen gebracht wird. Ohne Weg würden sie nicht nach Quellen und Weiden hinfinden, und besonders denkt der glücklich einem Sturme entronnene Wanderer an die, welche ihm unter schwierigen Verhältnissen folgen, und liefert daher gern seinen Beitrag dazu, die Wegweiser noch deutlicher zu machen.
Mittlerweile begann die Tageshitze mit heißen Dämpfen und Luftbewegungen anzurücken. Ich wußte, daß der Weg nach der ersten Quelle Tattlik-bulak weit war, denn dieser Schuttkegel am Nordfuße des Kwen-lun war an allen Punkten, wo ich ihn früher überschritten hatte, unendlich breit gewesen. Doch wenn ich gehofft hatte, ziemlich bald ins Gebirge hineinzukommen, so wurde diese Illusion vernichtet, als wir zwei mächtige Steinhaufen, zwischen denen der Weg hindurchführte, passierten und damit nach Tokta Ahuns wenig erfreulicher Erklärung gerade die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Wir ritten schon sieben Stunden in ununterbrochenem Karawanentempo.
Die kleinen, fünf Monate alten Hunde waren schon zu Anfang des Marsches müde und in einem Korbe auf ein Kamel gesetzt worden, wo es ihnen sehr gut ging. Als die Sonne zu stechen begann, wurden sie mit einer Filzdecke zugedeckt, und wir hörten nichts weiter von ihnen, bis wir an unserem Bestimmungsorte anlangten, wo sie munter und gesund, nur etwas steifbeinig, aus ihrem Verstecke hervorkamen und die Gegend in Augenschein nahmen.
Maschka und Jolldasch waren empfindlicher gegen die Hitze und schienen vor Müdigkeit erschöpft zu sein, als wir die zweite Hälfte des Tagemarsches antraten. Obgleich sie ein paarmal Wasser bekamen, blieben sie doch zurück und mußten geholt werden. Schließlich wurden sie gebunden auf ein Kamel gelegt. Aber diese Art zu reisen war nicht nach ihrem Geschmack; sie wälzten sich herunter, sobald das Kamel sich in seinen wiegenden Gang setzte. Dann blieben sie wieder zurück, und Schagdur ritt mit der Wasserkanne zurück. Nach ziemlich langer Zeit sahen wir ihn mit Jolldasch zurückkehren; er war sehr niedergeschlagen und meldete, daß Maschka gestorben sei. Beide Hunde hatten sich an einer schattigen Terrasse in einem Hohlwege halb eingegraben. Maschka hatte alles Wasser, das in der kupfernen Kanne war, bekommen und es gierig verschlungen. Dann hatte Schagdur Jolldasch an der Leine geführt und Maschka vor sich auf den Sattel genommen; er war aber noch nicht weit mit ihnen gekommen, als der Hund aufgeregt wurde, das Pferd in den Hals biß und den Kopf fallen ließ. Die letzten Wassertropfen nützten nichts; der beste und klügste aller unserer Hunde war und blieb tot und mußte am Wegrande zurückgelassen werden.
Jetzt war das Wasser zu Ende, und ich fürchtete das Schlimmste für Jolldasch. Nach mehrfachem Fortlaufen band ich ihn selbst auf einer Kamellast fest, wo er halb tot und seekrank geschaukelt wurde.