Im übrigen hielten sowohl Menschen wie Tiere sich gut. Es war aber auch einer großen Anstrengung wert, dem stickigen Sommer drunten zu entfliehen. Des Reitens müde ging ich mehrere Stunden zu Fuß. Die Landschaft bleibt sich gleich; die Steigung ist unmerklich. Gegen Abend wurde das Terrain kupiert, und wir gelangten zwischen niedrige Hügel von Rollsteinkies, Sand und Lehm. Später tritt anstehendes Gestein auf, außerordentlich verwitterter und brüchiger hellgrüner Schiefer und Granit. Wir folgen einem ausgeprägten Trockentale aufwärts, das Seitentäler aufnimmt, und die Landschaft wird immer kräftiger ausgemeißelt von Regenbächen, die jetzt keinen Tropfen Wasser mehr enthalten.

Von dem oberen Teile einer schmalen, abfallenden Talfurche öffnet sich die Perspektive über die Oase, den Bach und die Herberge Hung-lugu, ein doppelt angenehmer Anblick nach einem solchen Tage. Sobald wir dort angekommen waren, wurden die Hunde nach dem Bache gebracht, und es folgte ein Trinken, das gar kein Ende nehmen wollte. Sie liefen in das frisch sprudelnde, schwach salzhaltige Wasser, das sie mit großer Begierde „löffelten“, wobei ihre Augen vor Freude strahlten. Manchmal ging es zu schnell, und das Wasser kam in die unrechte Kehle; dann husteten und räusperten sie sich, um sofort weiterzuschlürfen. Darauf legten sie sich der Länge nach ins Wasser, wälzten sich in dem am Ufer wachsenden Grase, bellten vor Freude und tranken von neuem.

Die Vegetation ist in diesem herrlichen Tale üppig und besteht hauptsächlich aus prächtigen, zu wirklichen Bäumen entwickelten Tamarisken, im übrigen aus Gras, Kamisch und allerlei Kräutern; in einer Erweiterung des Tales steht sogar eine Gruppe alter knorriger Pappeln. Wir zogen talaufwärts weiter. In einem herrlichen Tamariskenhaine fanden wir die Pferdekarawane, die den ganzen Tag bedeutenden Vorsprung gehabt hatte, und eine kleine Karawane von sieben Eseln und sieben Schafen, die Numet Bek einen Tag vorher von Abdall geschickt hatte, um uns mit Proviant zu unterstützen.

Nichts kann herrlicher sein, als nach 14½stündigem, angestrengtem Marsche durch eine Wüste von 70 Kilometer Breite eine solche Oase zu erreichen. Hier wurde auch in der Dämmerung eines der gemütlichsten Lager, die ich je gehabt habe, aufgeschlagen. Meine Jurte wurde zum ersten Male am Außenrande des Tamariskenwaldes aufgerichtet und war mit Bett, Teppich und Kisten so nett, sauber und einladend, daß ich die Fähre und ihre behagliche Kajüte nicht länger vermißte. Schagdur, Turdu Bai und Mollah Schah pflanzten ihr weißes Zelt unter den Tamarisken auf, die anderen kampierten in einem Dickicht, das einer Laube glich. Um 9 Uhr zeigte das Thermometer +20 Grad und im Wasser +12,8 Grad, so daß mir die gewöhnliche Abenddusche nach all der Hitze ziemlich kalt vorkam. Schon hier befanden wir uns in einer Höhe von 1953 Meter, 1115 Meter über Abdall.

Alle waren entzückt über den Tagesbefehl für den 3. Juli, der auf Ausruhen an der Tattlik-bulak (süßen Quelle) lautete. Über die Hitze brauchten wir uns nicht länger zu beklagen; die Sonne stach mittags allerdings, aber es wehte aus Südwest, nicht gleichmäßig und ununterbrochen wie in der Ebene, sondern stoßweise, manchmal so heftig, daß die Jurte umzufallen drohte, manchmal hörte der Wind auf und machte der Windstille Platz. An der linken Talseite steht ein kleiner senkrechter Wall von Rollsteinen, und aus dieser Wand sprudelt mit einer Temperatur von +10 Grad die kristallklare süße Quelle hervor. Auf dem Walle oberhalb erhebt sich eine Steinpyramide mit ein paar Stangen. Auf einer derselben las ich: P. Splingaert 1894 und C. E. Bonin 1899.

Die Vegetation ist reich, obwohl sie nur in wenigen Arten auftritt. Von Tieren kommen nur einige kleine Vögel, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Zecken und Käfer vor. Ein paar Bremsen hatten sich hierher verirrt; sie waren vielleicht von unseren eigenen Kamelen mitgebracht. Wir genossen unser Glück in vollen Zügen, und alles wäre gut gewesen, wenn wir nicht Maschka, den Liebling aller, verloren gehabt hätten. Beim Aufbruch von diesem herrlichen Ruheplatze wurden einige Veränderungen mit dem Gepäck vorgenommen. Die Jolle wurde in eine Filzdecke genäht, um vor dem Scheuern geschützt zu sein, und die Jurte wurde auf die Pferde geladen, die immer zuerst nach dem Lagerplatz gelangten. Von nun an sollte ich schon bei der Ankunft mein Haus fertig finden.

Der Weg führt zwischen Felsen von schwarzem Schiefer in dem Tale des Baches von Tattlik-bulak aufwärts. Die Tamarisken stehen gerade in Blüte, und ihre prachtvollen Blütentrauben mit ihrer reinen violetten Farbe erheitern sozusagen die sonst eintönige, braungraue Berglandschaft ([Abb. 114]). Unaufhörlich kreuzen wir den kleinen Bach, dessen frisches Wasser in unmittelbarer Nähe zu haben uns sehr angenehm war, da der Tag heiß wurde. Im Winter ist dieses ganze Tal mit Eis bedeckt. Der Bach friert nach und nach zu, und diejenigen, welche dann hier durchkommen, müssen auf dem Eise gehen. Man vermeidet dann diesen Weg, weil die Tiere sich leicht die Beine brechen können. Hier lag noch ein totes Kamel von einer mongolischen Pilgerkarawane, die diesen Weg im Winter gemacht hatte; es war auf dem Eise ausgeglitten und hatte ein Bein gebrochen. Gleich hinter Tattlik-bulak steht eine kleine Gruppe von Pappeln, und zwischen ihren Ästen lagen Stangen, die eine Art Bahre bildeten. Hier sollen früher Kameljäger ihr erlegtes Wild auf die Bäume gelegt haben, um es vor Hunden und wilden Tieren zu schützen. Jetzt kommen selten wilde Kamele in diese Gegend.

Als wir am Abend auf der kleinen Weide von Basch-kurgan ankamen, war mein tragbares Hotel schon fertig und möbliert, ganz wie ein Wirtshaus an der Landstraße ([Abb. 116]). Doch darf ich dort nicht eintreten, um mich ausschließlich der recht notwendigen Ruhe hinzugeben. Nein, erst werden Thermo- und Barograph ausgepackt, dann die heute unterwegs gesammelten Gesteinproben etikettiert und eingepackt, darauf die Kartenblätter gezeichnet und zuletzt die Aufzeichnungen und Beobachtungen eingetragen. Um diese Zeit ist das Mittagessen fertig; ihm folgen um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesungsreihe und das Ablesen des Hypsometers; wenn dann auch noch die Chronometer aufgezogen und verglichen sind, gehe ich ins Freie, um eine Weile mit den Hunden zu spielen und sie zu füttern. Vor 11 Uhr ist die Tagesarbeit selten zu Ende; dann lese ich noch eine halbe Stunde im Bett, bevor ich in der frischen, gesunden Gebirgsluft fest einschlafe.

Um die Höhen nicht zu schnell zu nehmen, hatten wir beschlossen, während des Rittes nach dem Hauptquartier oft Rasttage einzuschieben; so wurde auch Basch-kurgan ein Tag geopfert. Hier treffen drei Täler zusammen, die in das lange Tal von Tattlik-bulak übergehen. Der Name „Festung des Talkopfes“ schreibt sich von der Ruine eines auf einem isolierten Hügel thronenden kleinen chinesischen Forts her. Schagdur und Mollah, mein Sekretär von Abdall, machten einen weiten Ausflug nach Osten, auf welchem ersterer nach einiger Unterweisung im Gebrauch von Kompaß und Uhr eine rohe Kartenskizze von dem Lande zu machen beauftragt war. Es war das erstemal, daß er eine solche Aufgabe löste, und wenn die Karte auch nur als Kroki verwendbar war, gab sie mir doch einen guten Begriff vom Verlauf der Bergketten und Täler in jener Richtung. Schagdur vervollkommnete sich später zu einem bedeutenden Grade von Sicherheit in der Auffassung des Terrains.

Bei Basch-kurgan kreuzten wir die untere Kette des Astin-tag, welche das Tal von Tattlik-bulak durchbricht; ein Paßübergang ist daher unnötig. Der nächste Tagemarsch führt uns weiter aufwärts nach dem Hauptkamme desselben Bergsystems. Dorthin gelangten wir jedoch nicht in einem Tag, sondern wir lagerten unterwegs schon in Basch-joll, einem kleinen Weideplatz mit einer herrlichen Quelle (+5,8 Grad) und den Ruinen einer chinesischen Festung.