Am 8. Juli hatten wir einen langen Wüstenweg vor uns und nahmen Wasser mit. Um 6½ Uhr brachen wir auf und zogen immer höher nach dem Kamme des Astin-tag hinauf. Auf beiden Seiten erheben sich steile, wilde, zackige Felsenmassen. Der Hohlweg erweitert sich und führt nach einem bequemen, hügeligen Passe hinauf, der merkwürdigerweise keinen anderen Namen als „Dawan“, der Paß, hat. Der bisher nach Osten führende Weg bog jetzt nach Süden ab. Doch auch ostwärts erstreckt sich zwischen felsigen Bergen ein Tal, in welchem zwei wilde Kamele davonflüchteten. Dies ist im innersten Asien das dritte Gebiet, wo ich wilde Kamele getroffen habe, und ich bin, nach den Beobachtungen, die später gemacht wurden, in der Lage, eine Karte ihrer Verbreitung zu geben.
Auf dem Passe sprühregnete es leicht; als wir aber hinuntergingen und das breite, flache Längental, das den Astin-tag vom Akato-tag trennt, überschritten, begann es tüchtig zu regnen, und der Donner rollte über den Bergen. Das Land ist eine Wüstenei; man sieht keine Spur von Leben. Wir waren über 13 Stunden geritten, als wir endlich die namenlose Steppe erreichten, wo die Karawane Halt gemacht hatte und die Tamariskenbüsche Feuerung gaben, wo aber weder Wasser noch Weide zu finden war.
Am Morgen des 9. Juli war der Himmel völlig klar und die Temperatur auf +0,7 Grad heruntergegangen. Die jetzt herrschende Marschordnung war folgende: voran gingen die Esel und die noch übrigen Schlachtschafe. Ihnen folgten Mollah Schah und Kutschuk mit den Pferden, und da sie schneller ritten als alle anderen, waren sie stets die ersten an den Lagerplätzen. Dann kamen Turdu Bai und Mollah mit den Kamelen und zuletzt ich mit Schagdur und Tokta Ahun. Letzterer war mein Cicerone, da er die Gegend sehr gut kannte. Schagdur hielt mein Pferd, wenn ich Berggipfel anpeilte oder Gesteinproben abschlug, deren Einpacken in Zeitungspapier seine Sache war. Infolge all des dadurch verursachten Aufenthalts langten wir stets ein, zwei Stunden später im Lager an als die anderen.
Im Südwesten leuchten die Firnfelder eines prachtvollen Bergmassivs, Illwe-tschimen genannt; an der uns zugekehrten Seite desselben liegen zwei kleine Salzseen, der Usun-schor und der Kalla-köll.
Während der kurzen Rast an einem Quellbecken am Fuße des Akato-tag veränderte sich plötzlich das Wetter; der Himmel überzog sich, und es gab einen Platzregen; wir waren augenscheinlich schon mitten im Klima Tibets, wo Sonnenschein, Wind und Regen miteinander in wenigen Minuten abwechseln.
Von der Quelle gehen wir durch eine trockene Rinne nach Südwesten. Hier erhob sich ein heftiger Südweststurm, der keinen Regen brachte, aber Staub und Sand aufwirbelte und uns so das Gesicht peitschte, daß die Haut schmerzte. Er kam wie eine kompakte gelbgraue Wand von lauter Wirbeln angezogen und hüllte uns in einen Nebel ein, der die Landschaft auf allen Seiten verschwinden ließ. Nichts als der Weg ist sichtbar; man schwankt im Sattel und kann nur mit Mühe seine Aufzeichnungen machen, wobei die Marschroutenblätter beinahe zerrissen werden. Nach zwei Stunden endete der Orkan ebenso plötzlich, wie er losgebrochen war. Wir waren sozusagen durch einen Fluß von Wirbelwind gewatet. Im Gegensatz zu den Stürmen des Tieflandes klärte sich die Luft sofort auf und wurde wieder ebenso rein und durchsichtig wie vorher. Daß der Flugsand von diesen heftigen Bergwinden wirklich weitergetragen wird, sahen wir sofort; auf dem leichten Doppelpasse des Akato lagen kleine Dünen angehäuft, die südwestliche Winde dorthin geführt hatten.
Auf dem Südabhange, den wir südostwärts kreuzten, wiederholte sich dasselbe orographische Relief, das wir beim Astin-tag gesehen hatten. Der Sai, der harte Schuttkegel, fällt langsam nach einem neuen Riesentale ab, das sich von Westen nach Osten zieht und im Süden von einer neuen Bergkette, dem Tschimen-tag, begrenzt wird. Der Sai geht in Kakir, horizontalen, im Wasser nach Regen abgelagerten Tonschlamm, über. Hier lagen die Gerippe der beiden Pferde, die von Tscherdons und Faisullahs Karawane gestorben waren. Endlich hob sich vom Ufer eines kleinen Sees, der nur den Namen „Köll“ führt, einen halben Kilometer Durchmesser hat und von Rasen umgeben ist, die Jurte ab.
Seltsamerweise traten jetzt wieder Mücken und Bremsen auf, und namentlich die ersteren plagten uns sehr, bis wir das Hauptquartier in Tschimen-tag verlassen hatten. Sobald man einen Augenblick stillsteht, wird man von ihnen umschwärmt; Pferde und Hunde werden ebenso heftig angegriffen, aber die Haut der Kamele ist für ihre feinen Folterwerkzeuge zu dick. Hier in den Bergen leben und regieren die Mücken jeden Sommer 2½ Monate. Man wundert sich, daß ihre Larven die hier im Winter herrschende strenge Kälte überdauern können.
Am 10. Juli zogen wir schräg über das Tal nach Südosten und kreuzten dabei verschiedene Rinnen, bis wir an die Schlucht Temirlik kamen, wo wir an einigen von frischer Weide umgebenen Quellen rasteten.
Es war eine wahre Feuerprobe, am folgenden Morgen mitten im ärgsten Mückentanze die astronomischen Beobachtungsreihen auszuführen; die Mücken nahmen immer die Gelegenheit wahr, wenn ich an den Schrauben drehte und mich nicht verteidigen konnte.