Temirlik (2961 Meter über dem Meere) sollte später während der Reise ein wichtiger Punkt werden. Auch jetzt stellten sich mehrere Gäste in unserem Lager ein. Gleichzeitig mit uns kamen vier Goldgräber aus den Gruben von Bokalik an; sie hatten sich ein paar Monate im Gebirge aufgehalten, aber nicht so viel Gold gefunden, daß es der Rede wert war, und kehrten daher mißmutig nach Chotan zurück. Während des Ruhetages stieß die in Tscharchlik bestellte Maiskarawane mit ihren fünf Führern und einem artigen Briefe des Ambans, den ich S. 284 mitgeteilt habe, zu uns. Schließlich kamen auch Boten aus dem Hauptquartier, wohin wir noch zwei Tagereisen hatten, mit der Nachricht, daß dort alles gut stehe.

Der eine war Chodai Värdi, „der von Gott Gegebene“, wie der Name besagt, tatsächlich aber ein unangenehmer Kerl aus Jangi-köll, der mir später einmal beinahe einen verhängnisvollen Streich gespielt hätte. Der andere hieß Aldat und war afghanischen Stammes, wohnte aber in Tschertschen. Er hatte in den Bergen überwintert, um Yake zu schießen, deren Haut er an Kaufleute aus Kerija verhandelte. Er war ein prächtiger, hübscher junger Mann, der jährlich als Nimrod in diesem wilden Gebirge umherstreifte. Er wandert im Herbste hierher und nimmt großen Munitionsvorrat mit. Die Flinte und der Pelz sind das einzige, was er sonst noch zu tragen hat, und dann streift er den ganzen Winter wie ein halbwilder Bergbewohner ohne Zelt und Proviant umher und lebt von dem Fleisch der Yake, die er schießt, und stillt seinen Durst aus den Quellen, die der ewige Schnee speist. Im Sommer kommen dann seine Brüder mit Eseln, um die Yakfelle von seinen verschiedenen Stapelplätzen abzuholen; sie schneiden die brauchbaren Stücke aus und bringen sie nach Tschertschen. Islam hatte ihn engagiert, weil er alle Gebirgsgegenden bis an den Fuß des Arka-tag genau kannte; weiter südlich war Aldat aber nie gewesen.

Aldat war ein seltsamer, aber sympathischer Mensch, hatte eine Adlernase und einen Vollbart, sowie den harmonisch geformten Schädel der arischen Rasse, ein Typus, dessen edle Züge durch keinen Tropfen mongolischen Blutes verdorben waren. Das einsame, düstere, an Entbehrungen reiche, aber dennoch fesselnde Leben, das er auf den Bergketten und in den engen Tälern des Kwen-lun zu führen gewohnt war, spiegelte sich wider in seinem wehmütigen Blicke, der zu grübeln und zu fragen schien. Er war noch nicht lange bei uns, als er sich auch schon gut zurechtfand. Er redete nie unnötigerweise, antwortete kurz und klar auf Fragen und ging, die Flinte auf der Schulter, beinahe stets für sich allein. Sein Gang war königlich; er schien über den Boden hinzuschweben, wurde nie müde und verspürte nichts von dem ermattenden Einflusse der Luftverdünnung.

Ich fand großen Gefallen an Aldat und schlug ihm vor, sich an unserer ersten Tibetexpedition zu beteiligen, was er ohne Zögern annahm. Das Leben, das er führte, erschien mir ebenso unerklärlich wie verlockend. Ich fragte ihn, was er anfange, wenn die Jagd fehlschlage und er nichts zu essen habe. „Dann hungere ich,“ antwortete er, „bis ich wieder einen Yak finde.“ Wo er schlafe? In Klüften und Schluchten, manchmal auch in Höhlen. Ob er sich vor Wölfen fürchte? Nein, er habe Zunder, Stahl und Stein und zünde allabendlich ein kleines Feuer an, an dem er sein Yakfleisch brate; überdies vertraue er auf seine Flinte. Sich verirren? Nein, das könne er nicht; er kenne alle Pässe und habe die Täler unzählige Male durchstreift. Und das beständige Alleinsein falle ihm durchaus nicht schwer; er habe keine anderen Freunde, die ihm fehlen könnten, als seinen alten Vater und seine Brüder.

132. Aussicht nach Süden vom Lager Nr. 28 aus. ([S. 330.])

133. Bugsierung eines Kamels über den Fluß. ([S. 339.])

134. Fester Boden unter den Füßen. ([S. 339.])