135. Ein glücklich über den Fluß gebrachtes Kamel. ([S. 339.])

Ein unruhig umherirrender Geist in Menschengestalt! Ich kann mir kaum ein Land denken, in dem das Alleinsein unheimlicher ist als Tibet; die Wüste wäre nicht schlimmer. Bei Tag geht es noch an, aber nachts, wenn die Kälte die Haut schmerzen macht und die dunkeln Bergketten sich unheimlich drohend im Mondschein erheben! Armer Aldat, wie manches Mal war er müde und matt nach fehlgeschlagenen Hoffnungen an die einsame Quelle gekommen, wo nur die Antilopen zu trinken pflegten, und hatte sich, in seinen Pelz gehüllt, am Rande ihres Bettes hingelegt und dort den langsamen Gang der Stunden der Nacht abgewartet. Und wenn die Sonne, seine einzige Freundin in der Wildnis, endlich aufging, geschah es nur, um ihn zu ermahnen, die Jagd nach wilden Yaken ohne Rast und Ruh wie ein Spürhund fortzusetzen. Sein Leben war in Wahrheit gefährlich, arm und groß, und, als er schon lange tot war, konnte ich nicht verstehen, wie er es ausgehalten hatte; noch heute ist er mir ein Rätsel. Ich hatte alles, dessen ich bedurfte, Diener, eine Leibwache von Kosaken, Wächter und Hunde, aber dennoch war mir, wenn der Schneesturm klagend um die Jurte sauste und die Wölfe in den Bergen heulten, oft ganz wunderlich zumute.

Die Leute, die mich auf dieser Reise nach dem Hauptquartier im nördlichen Tibet begleiteten, sollten sich alle auf die eine oder andere Weise auszeichnen. Turdu Bai war, wie schon erwähnt, der beste Muselmann, den ich in meinem Dienste gehabt habe, und wenn er zugegen war, war ich stets der Kamele wegen beruhigt. Schagdur war über jedes Lob erhaben, und ich kann nicht Worte genug finden, um die Dienste, die er mir leistete, zu würdigen. Er lernte alles, vergaß nichts und brauchte nie erinnert zu werden, und ich hatte ihn stets gern in meiner Gesellschaft. Es war ein gewisses Etwas an ihm, das ihn so sympathisch machte. Ich bewunderte hauptsächlich seinen wilden, verwegenen Mut in Gefahren und die Ruhe, mit der er schwere Aufgaben übernahm. Zweimal hatte er später Gelegenheit zu zeigen, wie gern er sein Leben für mich hingegeben hätte. Es war ein ebenso erhebendes wie wohltuendes Gefühl, sich von solcher Treue in der blindesten, uneigennützigsten Gestalt, die ich je kennen gelernt, umgeben zu wissen; daher hielt ich sehr viel von diesem jungen burjatischen Kosaken, der in seiner Heimat vor den Götzen des Lamaismus gekniet hatte, ihnen jetzt aber verächtlich den Rücken kehrte. Es war nicht mein Verdienst, daß dies geschah, denn ich fühlte mich nicht berufen, den Glauben der Asiaten zu erschüttern, wohl aber gab das Leben in meiner Karawane sowohl Schagdur wie den anderen mancherlei zu denken, wovon sie früher nie geträumt hatten.

Tokta Ahun aus Abdall war ein durchaus ehrlicher Naturmensch, ein verständiger Kerl, der mir von großem Nutzen war. Ich habe vorher erwähnt, daß er sowohl die Pferde wie die Kamele nach Temirlik begleitete und jetzt mit uns zum dritten Male in zwei Monaten die Reise nach dem Hauptquartier hinauf machte, das kürzlich der Mücken halber von dieser Quelle nach Mandarlik (3437 Meter) verlegt worden war. Da er bei einer späteren Expedition eine hervorragende Rolle spielen wird, sage ich jetzt nichts weiter über ihn.

Auch mit Kutschuk wird der Leser bald genauere Bekanntschaft machen; er war ein prächtiger, außergewöhnlich tüchtiger Mensch. Auch Mollah Schah war mit in Nordtibet.

Bleibt also nur noch Mollah, der „Herr Doktor“, eine klassische Erscheinung von fünfzig Lenzen, ein kleines, dürres, verhutzeltes Männchen, ohne ein Härchen auf Kinn und Lippen, weshalb wir ihn manchmal scherzend fragten, ob er nicht eigentlich ein verkleidetes Weib oder im besten Falle ein Mongole sei, welche Reden für die Gläubigen des Propheten gerade nicht schmeichelhaft sind. Er redete mit einer Stimme, die scharf wie ein Pfriemen war, und schwatzte immer, sogar abends, wenn keiner zuhörte. Doch er war sehr lustig, wußte gut Bescheid und war bei allen beliebt. Auch Mollah Schah werde ich noch genauer vorstellen, denn er begleitete mich auf der zweiten Expedition nach dem Lop-nor.

Der Abend wurde durch ein rasendes Gewitter aus Westen verherrlicht, und die Windstöße drückten beinahe die Jurte nieder, die auf allen Seiten verankert werden mußte. Ein strömender Regen durchweichte unsere Wohnungen und machte den Boden schlüpfrig, und die Leute, die den Mais gebracht hatten, kauerten sich unter den Filzstücken und Sackleinwandstreifen, die sie zur Hand hatten, wie Murmeltiere zusammen. Die jungen Hunde bellten wütend bei den Donnerschlägen, die sie jetzt zum ersten Male hörten und wohl für irgendeinen unerlaubten Spektakel in den Bergen hielten. Doch da es fortfuhr zu donnern, beruhigten sie sich allmählich und knurrten nur noch leise. Schließlich schienen sie dahinterzukommen, daß der Donner zum Stück gehöre und sich durch Hundegebell nicht erschrecken lasse.

Am 12. Juli gingen wir nach Osten über das Tal Usun-jar. Hinter der trockenen Schlucht Basch-balgun verlassen wir den Vegetationsgürtel und reiten auf hartem, unfruchtbarem Kiesboden weiter; links aber sehen wir noch immer den hellen Grasgürtel, der sich bis an den Geröllfuß des Akato erstreckt, von wo aus die Karawane von ein paar Kulan- oder wilden Eselherden neugierig betrachtet wird.

Östlich von der Quelle Kumutluk sieht man im Nordosten die bedeutende Wasserfläche des Gas-nor einen großen Teil des Talgrundes einnehmen. Die Ufer sind von so heimtückischen Sümpfen umgeben, daß man nur an einem einzigen Punkte an den See gelangen kann. Sie glänzen hier und dort kreideweiß wie von Schnee, und das Wasser ist scharf salzig. Im Westen des Gas-nor liegt eine kleine Süßwasserlagune, Ajik-köll genannt, weil sich dort Bären von den Früchten der Sträucher ernähren sollen.