Bei Tschiggelik (Binsenstelle, 2977 Meter) oder Dundu-namuk (mittelste Quelle), wie die Mongolen den Platz nennen, wachsen „Boghana“-Sträucher, Kamisch und Binsen; hier war die Luft buchstäblich voll von Mücken und Moskitos, die uns ärger peinigten als je am Tarim und ein Jucken wie von einem Ekzem hervorriefen.

Jetzt hatten wir nur noch eine Tagereise vor uns. Wir ritten gegen Süden das Tal von Mandarlik hinauf, das sich zwischen 8 Meter hohen Geröllterrassen scharf markiert und höher oben von einem kristallhellen Bach durchrauscht wird. Wir treten in dieses Quertal auf dem Nordabhange des Tschimen-tag ein; die äußersten Felsausläufer lassen wir hinter uns zurück, die Granitmassen mit ihren wilden, bizarren Vorsprüngen rücken einander immer näher. Wendet man sich im Sattel um, so sieht man wie durch ein breites Tor den Gas-nor und dahinter in der Ferne den Kamm des Akato-tag. Das breite Tschimental läuft im Osten in das Zaidambecken aus.

In einer Erweiterung des Mandarliktales weiden unsere Pferde, Maulesel und Kamele. Tscherdon, Islam, Faisullah und die anderen kommen uns zu Fuß entgegen, und bald darauf sind wir wieder daheim in einem großen, gut ausgestatteten Hauptquartier ([Abb. 117], [118], [119]).

Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Über den Tschimen-tag, Ara-tag und Kalta-alagan nach dem oberen Kum-köll.

Vor dem Aufbruch zur ersten tibetischen Expedition gönnten wir uns im Hauptquartier im Tale von Mandarlik eine Woche Ruhe. Es war eine weidereiche, schöne, herrliche Gegend, die zwischen mächtigen Granitfelsen eingeschlossen war. Auf einer Terrasse am linken Ufer des munter rauschenden Flusses dieses Tales erhob sich unser wanderndes Dorf. Die Kosaken und der Schneider Ali Ahun, der beständig vollauf zu tun hatte, residierten in der großen mongolischen Jurte, hinter welcher Schagdur aus mitgebrachten Brettern eine Einfriedigung zimmerte, um das meteorologische Häuschen vor etwaigen Besuchen der Kamele zu schützen. Die Muselmänner wohnten teils in zwei geräumigen Zelten, teils in den schützenden Verschanzungen, die dadurch entstanden, daß die Kamellasten und die Maissäcke in Kreisen und Reihen aufgestapelt wurden. Ich selbst hauste in der kleinen Jurte, vor welcher alle meine Kisten standen, die zum Schutze gegen die oft genug fallenden Regenschauer mit einer weißen Decke zugedeckt waren. Die Aussicht talaufwärts war großartig; im Hintergrund erhob sich der Hauptkamm des Tschimen-tag mit seinen bei klarem Wetter blendenden Schneefeldern ([Abb. 120]). Die Kamele, die jetzt fast zwei Monate im Gebirge geweidet hatten und bald ins Feuer sollten, waren rund wie Tonnen und glänzten vor Fett. Auch die anderen Karawanentiere hatten es in jeder Beziehung gut. Von der Schafherde waren noch 42 Stück da; die verlorenen Hunde wurden durch drei zugelaufene ersetzt, welche halbwilde Deserteure von den nächsten mongolischen Lagerplätzen in Tschurchak waren.

Nach diesem Orte machte Schagdur einen Ausflug und wurde dort sehr freundlich aufgenommen. Die Mongolen versprachen uns alles, was wir an Tieren brauchen würden, zu verkaufen, und hofften, daß ich ihnen gelegentlich einen Besuch abstatten würde. Tscherdon ritt eines Tages talaufwärts, stieß dort auf eine Herde von 50 Yaken und erlegte eine prächtige fette Kuh. Ich beschäftigte mich mit Beobachtungen und Exkursionen und bereitete die nächste Reise vor. Proviant für sieben Mann auf 2½ Monate wurde beiseite gestellt. Alle überflüssigen Gäste, die unser Lager bevölkerten, wurden fortgeschickt.

Im Hauptquartier blieben Islam als Karawan-baschi, Faisullah als Hüter der vier Kamele von Abdall, Chodai Kullu, Kader und Chodai Värdi zur Besorgung der Pferde, Ali Ahun als Schneider und Schagdur als Bedeckung und Meteorolog. Er sollte die ganze Zeit über täglich dreimal ablesen und die selbstregistrierenden Instrumente in Gang halten. Musa aus Osch sollte uns bis an den Kum-köll mit sechs Pferden begleiten, die dazu bestimmt waren, anfangs den anderen Tieren die Lasten zu erleichtern, und Tokta Ahun sollte von dort mit ihm umkehren. Letzterer hatte gebeten, den Sommer in Mian, wo er Weizen baute, zubringen zu dürfen, erhielt aber Befehl, sich in 2½ Monaten wieder bei uns einzufinden und dann ein halbes Dutzend Kamele mitzubringen.

Die Karawane war mit besonderer Sorgfalt ausgewählt und folgendermaßen zusammengesetzt: Tscherdon als meine rechte Hand, Zelterrichter, Kammerdiener und Koch, Turdu Bai als Karawan-baschi für die sieben Kamele, Mollah Schah als solcher für die elf Pferde und einen Maulesel, Kutschuk als Ruderer für die geplanten Seefahrten. Nias aus Kerija, ein Goldgräber, den wir im Gebirge getroffen hatten, sollte als Handlanger der höhergestellten Muselmänner fungieren, und Aldat war so weit Wegweiser, als seine Kenntnis der Gegend reichte. Jolldasch kam natürlich mit und wohnte, wie gewöhnlich, in meiner Jurte. Von den übrigen Hunden nahmen wir nur Maltschik mit, sowie einen großen, gelben Mongolenhund, der einem Wolfe glich. Die zurückbleibenden Hunde zausten die abreisenden, mit denen sie nicht in Eintracht gelebt hatten, zum Abschiede noch tüchtig im Nacken. Von den Schafen wurden sechzehn mitgenommen, die der Goldgräber Nias hinter der Karawane hertrieb.

So zogen wir denn fort aus den Wohnungen des Friedens, unbekannten Schicksalen in unbekannten Teilen der Erde entgegen, und der Klang der Glocken und Schellen hallte von Mandarliks Granitfelsen wider ([Abb. 121]). Bald ließen wir das Haupttal, das sich bis an die Schneefelder hinauf zu erstrecken schien, rechts liegen und folgten einem kleinen, wasserlosen Tale. Von einem kleinen Passe zweiter Ordnung läuft nach Südosten ein von Jägern und Goldgräbern ausgetretener Pfad, der uns über ausgedehntes, kupiertes Weideland führt.

Obgleich wir im Zickzack über Hügel und Pässe auf und nieder wandern, gelangen wir doch allmählich in immer höhere Regionen.