Im Tale Kar-jakkak (der fallende Schnee) fing die Natur schon an, einen mehr alpinen Charakter anzunehmen. Die absolute Höhe betrug 3984 Meter. Ein klarer Bach rieselte zwischen rundgeschliffenen Granitstücken, und auf seinen Uferwällen waren niedliche Blumen in üppiges Moos und Gras eingebettet. Überall war Überfluß an Kulan- und Yakdung, der uns gute Feuerung lieferte. Ein paar Yakschädel verkündeten, daß Jäger die Gegend besuchen, wo ihnen eine Höhle mit Feuerherd als Nachtlager dient. Das Murmeltier (Dawagan) hatte an mehreren Stellen seine Löcher in den Boden gegraben; die lebhaften, achtsamen Nagetiere saßen an den Eingängen ihrer Wohnungen und pfiffen, wenn wir herannahten. Rebhühner gackerten geschäftig auf den Berghalden.
Im oberen Teile dieses einladenden Tales schlugen wir Lager. Allerdings waren wir nicht sehr weit gekommen, aber ausgeruhte Tiere unter schweren Lasten dürfen zu Anfang nicht angestrengt werden. Das Gepäck wird mit der Zeit leichter, ja der Proviant vermindert sich leider viel zu schnell, und gegen ihn spielt das Gewicht der gesammelten Gesteinproben keine Rolle, obwohl auch diese schließlich zu einer nicht unbedeutenden Last anwachsen.
Wir hatten Mandarlik bei stechendem Sonnenbrand und Mückenspiel verlassen, aber schon jetzt sahen wir uns vom kalten Herbst umgeben. Als ich am anderen Morgen aus der Jurte trat, herrschte vollständiger Winter; der Schnee fiel in dichten Flocken, und der Boden verschwand unter einer kompakten Schneedecke. Mitten in Asien Mitte Juli vollständiger Winter! Wenn der Sommer schon so ist, bekommt man Respekt vor dem Winter in diesen Bergen.
Wir warteten besseres Wetter ab, aber das Schneien dauerte fort, und der Tag war verloren. Bisweilen fiel der Schnee nicht in Flocken, sondern in runden Hagelkörnern, die kräftig auf das Dach der Jurte schmetterten. Die Temperatur hielt sich etwas über Null, und gegen Mittag taute der Schnee auf der Jurte auf und tropfte durch alle Säume hinein.
Diese vierte Parallelkette des Kwen-lun-Systems zeigte sich schon bei der ersten Bekanntschaft den vorhergehenden sehr unähnlich. Letztere waren trocken, hatten keinen ewigen Schnee und besaßen abgerundetere Formen; hier waren wir in wirklichen Alpen mit Niederschlägen und reicher Vegetation. Bisher hatten wir 13–14 Stunden von einer der spärlich vorkommenden Quellen zur anderen wandern müssen; hier fanden wir auf Schritt und Tritt Wasser.
Obgleich das Schneien auch am 22. Juli fortfuhr, beschlossen wir trotzdem aufzubrechen. Der weiche Boden war glatt und tückisch, aber die Kamele kamen doch gut vorwärts. In den Tälern fiel der Schnee in großen, federleichten, feuchten Flocken, die verschwinden, sobald sie den Boden berühren, der nach und nach durchtränkt und naß wird. Auf den Höhen fiel er in Gestalt runder, leichter Graupeln. Diese sind für den Reitenden angenehmer, weil sie leicht herunterrollen, während man von den Flocken naß wird. Es tropft von der Mütze; die Hände sind naß und steif, das Kartenblatt wird knitterig und ruiniert. Der Blick dringt nicht weit, man erhält keinen Überblick über die Anordnung und Gestalt der Bergkämme. Nur im Norden wurde es ein paarmal hell, und man erblickte wie durch einen Tunnel den kuppelförmigen, flach gewölbten Rücken des Akato.
Der Tagemarsch führte in einem Bogen um einen mächtigen Teil des Tschimen-tag, immer bergauf und bergab. Nach all diesem durchkältenden Schnee war es schön, in Jappkaklik-sai (3998 Meter), wo Teresken wachsen, die Weide aber kümmerlich ist, rasten zu können.
Die Temperatur sank abends unter Null; der Schnee blieb daher liegen und häufte sich zu einer dicken Schicht an, da er den ganzen Abend außerordentlich dicht fiel. Eigentümlicherweise war es dabei von Zeit zu Zeit im Zenit so klar, daß wir die Sterne funkeln sahen, während der Schnee in gewaltigen Flocken durch die Luft wirbelte. Ein Vorteil war, daß er nicht mehr schmolz, sondern sich wie eine wärmende Decke auf und um die Jurte legte. Die Temperatur ging auf −4,8 Grad herab.
Als am nächsten Morgen der Tag graute, wurde ich von einem entsetzlichen Lärm im Lager geweckt und eilte hinaus. Der Hirt Nias und alle Schafe, bis auf vier, wurden vermißt, und an den Spuren im Schnee konnte man leicht erkennen, daß uns während der Nacht Wölfe in dem Schneesturm und der dabei herrschenden undurchdringlichen Finsternis einen Besuch abgestattet hatten. Sofort wurden alle Mann auf die Fährte losgelassen, und Tscherdon nahm seine Flinte und stieg zu Pferd. Erst gegen 10 Uhr kamen sie mit Nias und einem Schafe wieder. Neun der übrigen hatten sie hier und dort zwischen den Hügeln erfroren gefunden; nur eines fehlte ganz.
Den Hergang beschrieb Nias folgendermaßen. Er hatte wie gewöhnlich im Freien unter einem Filzteppich neben seinen Schafen geschlafen, von denen nur vier angebunden gewesen waren; wenn nämlich nur einige stillstehen, bleiben die übrigen auch an der Stelle. Mitten in der Nacht hatten ihn Tritte im Schnee und das Blöken der Tiere, das jedoch das Heulen des Sturmes nur schwach durchdrang, aus dem Schlafe geweckt. Er fuhr in die Höhe und sah drei Wölfe, die gegen den Wind auf die Schafe losfuhren, um sie aus dem Lager zu treiben. Nias verfiel gar nicht darauf, erst die anderen Leute zu wecken, sondern stürmte, ohne sich zu besinnen, zu Fuß den Schafen nach. Er war die ganze Nacht wie ein Verrückter hinter ihnen hergelaufen, hatte aber nur das eine retten können. Der schlaue Angriffsplan war so gut geglückt, daß die Hunde nichts gemerkt hatten. Der „Mongole“ war schon wieder durchgebrannt, Jolldasch schlief in meinem Zelte, und der unerfahrene Maltschik lag, wie ein Igel zusammengerollt, hinter dem Zelte der Leute. Es nützte wenig, daß die Leute über alles, was Wolf heißt, fluchten und die Graubeine verwünschten; unser Proviant war und blieb schwer geschädigt. Aber Schafe sind und bleiben Schafe; warum mußten sie den sicheren Hafen des Lagers verlassen und ihren listigen Feinden gerade in den Rachen laufen?