Als wir dieses traurige Lager verlassen hatten und unseren Weg nach dem Passe hinauf fortsetzten, waren wir sehr erstaunt, das vermißte Schaf über die Hügel galoppieren zu sehen, wobei es uns erschreckt, wild und vorsichtig betrachtete und anscheinend nicht recht wußte, ob es uns für Freunde oder Feinde halten sollte. Doch sobald das arme Tier seine fünf Kameraden erblickte, gesellte es sich auf der Stelle zu ihnen. Es war wohl die ganze Nacht umhergeirrt, hatte sich zu seinem Glücke von den anderen getrennt und war so den Wölfen entwischt, die es übrigens, als sie sich ertappt sahen, für gut befunden hatten, sich zurückzuziehen.

Der Tag war klar und herrlich, und der Schnee schmolz weg. Wir schritten nach dem Hauptpasse des Tschimen-tag (4269 Meter) hinauf, von wo aus man nach Süden ein stattliches Panorama vor sich hat. Eine neue Bergkette, der Ara-tag, zieht sich von Westen nach Osten hin; er ist jetzt ganz mit Schnee bedeckt, obwohl nur einige Gipfel im Südwesten wirkliche Firnfelder tragen. Das breite Längental zwischen Tschimen-tag und Ara-tag heißt einfach Kajir (Lehmschlammtal) und wird von einem Flusse durchströmt, der nach Westen fließt. Wo er blieb, machten wir später ausfindig.

Von dem orographischen Bau des Tschimen-tag will ich jetzt nur sagen, daß er Mangel an Ebenmaß zeigt. Das Tschimental liegt 2961 Meter über dem Meere, das Kajirtal 4185 Meter, weshalb wir hier eine Stufe höher nach dem nordtibetischen Plateau hinauf gelangt sind. Wenn man den Tschimen-tag von Norden betrachtet, hat man eine gigantische Bergkette vor sich; von Süden gesehen, erscheint er unbedeutend, weil der relative Höhenunterschied gering ist.

136. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. Aug. 1900). Aussicht nach Nordosten. ([S. 341.])

137. Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900). Aussicht nach Südosten. ([S. 341.])

Auch in diesem Lager hatten wir ein kleines Abenteuer mit den Schafen. Als ich wie gewöhnlich nach der meteorologischen Ablesung die Abendrunde machte, stellte sich heraus, daß von den sechs Schafen nur zwei angebunden waren. Da aller Wahrscheinlichkeit nach auch hier Wölfe umherstreiften, befahl ich, daß alle Schafe angebunden werden sollten. Doch als die vier losen Schafe gebunden werden sollten, jagte ihnen dies einen solchen Schreck ein, daß sie in wilder Flucht ins Gebirge hinaufrannten. Trotzdem es schon pechfinster war, eilten ihnen alle Mann nach, und eine halbe Stunde lang hörte ich verhallende Rufe von den Hügeln.

Schließlich kam Tscherdon mit zweien wieder, die er mit dem Lasso glücklich eingefangen hatte. Erst nach zwei Stunden näherte sich die Treibjagd auf die anderen wieder dem Lager; aber die armen Tiere waren derartig verängstigt, daß es unmöglich schien, sie zu ergreifen. Schließlich gelang es freilich, aber nur durch List. Erst wurden sie talabwärts getrieben und dann in Schlingen gefangen. Sie wurden von nun an immer angebunden, bis sie der Reihe nach geopfert wurden, um nicht den Wölfen, sondern uns selbst zugute zu kommen.

Von herrlichem Wetter begünstigt, bereiteten wir uns am Tage darauf unter tiefblauem Himmel, ohne ein Wölkchen, ja ohne einen Luftzug, auf die Erstürmung der nächsten Verschanzung in Nordtibets Randgebirgen, des Ara-tag (Zwischenkette), vor. Auf dem Passe Ak-tschokka-aituse (der weiße Felsenpaß, 4373 Meter) wiederholte sich das Panorama von gestern, nur sah man jetzt eine neue westöstliche Kette, den Kalta-alagan (Kaltas Jagdgebiet), von dem der Ara-tag durch ein neues Längental geschieden wird, das sich weiter westwärts mit dem vorhergehenden vereinigt. Der vereinigte Fluß durchbricht darauf den Tschimen-tag und strömt in das Tschimental.