Zwei prächtige Kulane sprengten in unserer unmittelbaren Nähe heran und guckten über die hohe Terrasse; man hätte sie für zahme Pferde halten können. Als sie uns erblickten, stoben sie davon und setzten quer über das Tal, wobei sie mit unglaublicher Gewandtheit an dem jähen Abhange herab- und ebenso sicher an dem gegenüberliegenden hinaufkletterten, um im Nu zwischen den Hügeln zu verschwinden.

Die Unseren waren weit voraus. Ich wurde beständig durch Beobachtungen auf Pässen und in Tälern, Sammeln von Gesteinproben, Photographieren, Skizzieren usw. aufgehalten. Tokta Ahun kannte freilich einen Weg nach Südwesten über die nächste Kette, aber aus den Spuren ersahen wir, daß Aldat den Weg nach Osten durch das Haupttal hinauf eingeschlagen hatte.

In einem Seitental mit magerer Weide manövrierte eine Herde von zehn Kulanen und zwei kleinen Füllen, die erst ein paar Tage alt sein konnten; sie waren nett und geschmeidig und folgten ohne Schwierigkeit dem schnellen Laufe der älteren, als diese uns vorn und auf den Seiten umkreisten und unser Tun und Lassen mit größtem Interesse beobachteten.

Noch immer ging es höher hinauf; über einen hügeligen Paß gelangten wir in ein anderes, tief und energisch eingeschnittenes Tal. Es begann zu dämmern und kalt zu werden, und wir sehnten uns nach dem Anblicke der Rauchsäule, die wie gewöhnlich verkünden sollte, daß die Karawane einen geeigneten Lagerplatz gefunden. Doch die Spur schlängelte sich immer weiter aufwärts, und soweit der Blick reichte, sah man keine Zelte. Die Vegetation nahm ab, und wir näherten uns immer kälteren Regionen.

Es war klar, daß die Karawane den Weg über den Paß hinüber fortgesetzt hatte; doch nach dem mächtigen Flusse zu urteilen, dessen Tal wir folgten, mußte der Paß über den Kalta-alagan noch weit entfernt sein, und wir zerbrachen uns den Kopf darüber, weshalb die anderen einfach drauflosgegangen waren und nicht da Halt gemacht hatten, wo es noch Brennholz und Weide gab. Bei Sonnenuntergang ballten sich schwere, drohende Wolken zusammen; als es aber dunkel geworden war, zerteilten sie sich wieder, und eine sternklare Nacht brach herein. Die Berge verschmolzen immer mehr zu schwarzen Silhouetten, und die Kartenarbeit konnte nur mit Schwierigkeit fortgesetzt werden. Der Bach war noch groß und das Tal mit Schutt angefüllt, trotzdem aber sahen wir noch die Spur, die um einen Felsvorsprung bog und in ein kleines Nebental hineinging, das anscheinend nach einem näheren Passe hinführte.

Jetzt war alle Arbeit unmöglich. Was tun? Einfach in der Nacht weiterreiten, war keine Kunst, aber es durfte mir nicht passieren, daß ich in meiner Karte eine Lücke entstehen ließ, noch dazu an einem so wichtigen Punkte, wo es sich darum handelte, einen Paß erster Ordnung zu überschreiten. Ich blieb daher einfach da, wo wir waren, und befahl Tokta Ahun weiterzureiten, bis er die Karawane erreichte, und dann mit meiner Jurte und meinen Kisten zurückzukehren.

Währenddessen hatten Tscherdon und ich es in der nächtlichen Kälte und Dunkelheit in diesem Lager, das 4652 Meter über dem Meere lag, nichts weniger als gemütlich. Um 9 Uhr beschäftigten wir uns mit den meteorologischen Ablesungen. Dann waren wir der Untätigkeit und Erwartung preisgegeben. Wir kauerten uns dicht nebeneinander nieder, um uns warm zu halten, und unterhielten uns von ähnlichen Lagen, in denen wir uns früher einmal befunden hatten. Tscherdon hatte in dieser Hinsicht von den Manövern in Transbaikalien nicht viel zu berichten, ich aber hatte in Persien inmitten der Schakale im Freien gelegen, war am Ufer des Kara-kul im Pamir beinahe erfroren und hatte viele unheimliche Nächte in der Takla-makan-Wüste durchwacht.

Zum Schlafen war es zu kalt; die Kälte wurde immer stärker, wir hatten keine Pelze und mußten uns bewegen, um nicht zu erfrieren. Aber schließlich macht sich nach elfstündigem Ritt und all der damit verbundenen Arbeit Müdigkeit geltend, und der Kopf wird einem wüst und schwer. So krochen wir denn wieder zwischen zwei Felsblöcken, die uns Schutz gewährten, zusammen. Langgezogenes Wolfsgeheul in der Ferne ermunterte uns wieder, die Flinte wurde in Bereitschaft gehalten und die ungeduldig zwischen den Steinen scharrenden Pferde in unserer unmittelbaren Nähe angebunden. Hätten wir nur Feuer anmachen können, so wäre die Lage weniger ungemütlich gewesen, doch wie wir auch in der Nachbarschaft umhersuchten, wir fanden weder Yakdung noch Teresken. Es war zu dunkel; man konnte nur mit den Händen umhertasten, und es blieb uns nichts weiter übrig, als durch Stampfen und Armbewegungen dafür zu sorgen, daß der Blutumlauf nicht ins Stocken geriet.

Nach fünf unendlich langen Stunden hörten wir Hufe auf dem Schutte klappern. Kutschuk und Tokta Ahun kamen mit zwei Pferden und der Jurte. Eine halbe Stunde später erschien Turdu Bai mit den Kisten und Küchengeschirr auf Kamelen. Sie schoben alle Schuld auf Mollah Schah, der mit den Pferden weitergezogen sei, als Aldat ihm von einem guten Weideplatze an einer kleinen Quelle jenseits des Passes erzählt habe. Sie brachten einen Sack voll Feuerung mit, und das Mittagessen schmeckte nach siebzehnstündigem Fasten gar zu schön. Es graute schon über den kahlen Bergen, als wir uns schlafen legten.

Ermattet von den Anstrengungen des Tages und der Nacht kamen wir am folgenden Morgen nicht vor 10 Uhr in Gang; nun wurde die noch fehlende Strecke nach dem Lager Nr. 14, wo die übrigen warteten, zurückgelegt. Der Anstieg nach dem Awraspasse (4786 Meter), auf dem wir den Kalta-alagan überschreiten, ist ganz unbedeutend. Hier entrollt sich uns eine unendlich weitgestreckte, großartige Aussicht nach Süden; aber jetzt handelt es sich nicht mehr um eine einzige, leicht orientierte Bergkette, sondern um eine ganze Welt von Bergen, deren richtige Einteilung Monate in Anspruch nehmen würde.