Von dem Passe führt ein trockenes Quertal auf offenes, flaches Terrain hinab. Bei einigen Hügeln, wo eine Quelle entspringt, hatte die Karawane am vorhergehenden Abend das Lager aufgeschlagen. Mollah Schah und Musa erhielten für ihren unnötig langen Marsch gehörige Schelte.

26. Juli. Jetzt ging es nach Westen weiter, in rechtem Winkel gegen die Route der letzten Tage und in der Richtung nach dem oberen Kum-köll, der mit dem Fernglase in der Ferne zu sehen war, später aber wieder durch kleine Hügel und Bodenanschwellungen verdeckt wurde. Auch jetzt marschierten wir in einem großen, breiten Längentale, das den Südfuß der mächtigen Kalta-alagan-Kette begleitet. Im Süden begrenzt unser Tal ein kolossaler Sandgürtel, der mir anfangs eine kleinere, mit den übrigen parallellaufende Kette von Hügeln zu sein schien, sich aber, als wir näherkamen, als eine Reihe von Dünen entpuppte, die beinahe ebenso gewaltig waren wie in der Takla-makan und die gleiche Farbe hatten. Dieselben Vorbedingungen für die Entstehung eines Sandmeeres, die in der Wüste vorhanden sind, finden sich also auch hier auf 4000 Meter Höhe vor. Die nördliche Grenze des Sandgürtels markiert sich außerordentlich scharf gegen den weichen oder kiesigen Talboden, wo die Tereske und andere Brennholz liefernde Büsche zerstreut wachsen. Die Dünenkämme ziehen sich in nord-südlicher Richtung hin und scheinen von vorwiegend westlichen Winden gebildet worden zu sein.

Mit dem Sande zur Linken und dem Kalta-alagan zur Rechten wurde der Tagemarsch recht einförmig. Das einzige, was dem Auge ein wenig Abwechslung gewährte, war das Tierleben. Kulane waren den ganzen Tag außerordentlich zahlreich; wir sahen sie überall auf den gleichmäßig und langsam nach dem See abfallenden Steppen grasen und auch miteinander kämpfen.

Die Murmeltiere beobachteten uns von ihren Löchern aus. Sie sahen zu drollig aus, wenn sie auf den Hinterbeinen standen und die Vorderpfoten über der Brust kreuzten. Erst wenn die Hunde ganz nahe sind, stürzen sie sich Hals über Kopf in ihre Höhlen. Auch Hasen waren häufig, und Wildenten sah man nach dem See fliegen. Die Mücken machten einen Angriff, der jedoch bald nach Sonnenuntergang endete. Den ganzen Tag herrschte Sommer; die Mittagstemperatur stieg auf +20 Grad, und es kam uns heiß vor, weil die Luft windstill war; man würde die bedeutende Höhe vergessen haben, wenn nicht selbst geringfügige Bewegungen Atemnot und Herzklopfen verursacht hätten.

Während des Rittes wurden zwei Kulanfüllen lebend gefangen. Aldat und Tscherdon ritten auf eine Herde von 34 Tieren zu, die bei ihrem Herannahen die Flucht ergriff. Eine Mutter aber blieb mit ihrem viertägigen Füllen zurück. Als sie die Gefahr näherkommen sah, ließ sie das Junge im Stich und vereinigte sich mit der Herde. Das Füllen blieb ruhig stehen und ließ sich ergreifen, ohne auch nur einen Versuch zur Flucht zu machen. Aldat nahm es vor sich auf den Sattel, dann wurde es, in eine Filzdecke gewickelt, auf ein Kamel gelegt. Es schien diese Beförderungsart ganz natürlich zu finden, aber es war auch noch nicht lange her, seit es von der Mutter in wiegendem Gange über diese Berge, die sein Aufenthaltsort werden sollten, getragen worden war. Das andere Füllen wurde auf dieselbe Weise beim Lager Nr. 15 gefangen.

Als ich im Lager anlangte, liefen die Füllen ganz ungeniert umher und zeigten keine Spur von Furchtsamkeit, wenn man sie streichelte ([Abb. 122], [123]). Es war mein Wunsch und meine Absicht, den Versuch zu machen, sie mit Mehlgrütze großzuziehen, bis sie sich selbst ernähren konnten, was im Alter von 20 Tagen geschehen soll. Wir würden sie mit der größten Liebe gepflegt haben und sie hätten uns über die Höhen ihres Heimatlandes begleitet. Doch als wir über die Sache sprachen, versicherte Tokta Ahun, daß sie binnen fünf Tagen sterben würden; er habe achtmal versucht, Kulane aufzuziehen, aber es sei stets mißlungen.

Nun befahl ich, daß sie nach dem Platze, wo sie gefangen worden, zurückgebracht werden sollten, damit ihre Mütter sie leicht wiederfinden könnten. Tscherdon und Aldat stiegen sofort zu Pferde, aber Tokta Ahun sagte, daß dies nichts nützen würde. Er habe die Erfahrung gemacht, daß die Mutter, deren Junges man gefangen und berührt habe, von ihrem Kinde nichts mehr wissen wolle, sondern das Füllen wie einen Pestkranken fliehe. Sie scheine ihr verlorenes Kind weder zu vermissen noch zu betrauern, sondern fliehe mit der übrigen Herde und wolle nicht wieder nach dem Platze zurück.

Hätten wir dagegen eine Stute gehabt, so wäre das Aufziehen sicher möglich gewesen. Im Tschimentale sollen jährlich Massen von Füllen umkommen, weil sie in den ersten Tagen ihres Lebens den älteren Kulanen nicht folgen können, wenn diese vor einer drohenden Gefahr die Flucht ergreifen. Sie verhungern oder werden eine Beute der Wölfe. Wahrscheinlich vermögen die älteren jedoch sich zu einer geordneten Verteidigung gegen diese Raubtiere aufzuschwingen; sonst würde die neue Generation gar zu arg mitgenommen werden.

Inzwischen wurden unsere kleinen Gäste im Lager gehegt und gepflegt und lernten leicht die Mehlsuppe hinunterschlürfen. Doch sie waren dem Untergange geweiht, und als sie schon am Abend anfingen hinzusiechen und heftiges Verlangen nach der Muttermilch verrieten, ließ ich sie schlachten; es war der einzige Dienst, den ich diesen Kindern der Wildnis, die sonst in die Krallen der Wölfe gefallen wären, leisten konnte. Die Muselmänner nahmen die Häute und das Fleisch, das sie für besonders zart und wohlschmeckend hielten, mit.

Ehe die Füllen geschlachtet wurden, photographierte ich sie mehrere Male. Das eine war 90, das andere 91 Zentimeter hoch. Der Kopf ist unverhältnismäßig groß, und die Beine sind im Verhältnis zum Leib geradezu lächerlich lang entwickelt, aber diese Glieder sind ja auch dasjenige, dessen sie zuvörderst und am meisten bedürfen. Der Leib ist sehr kurz und zusammengedrückt und gibt kaum eine Andeutung von den edeln, harmonischen Formen, welche die ausgewachsenen Kulane kennzeichnen. Die, welche wir fingen, waren noch zu unerfahren, um das geringste Erstaunen über Menschen, Kamele und Zelte zu zeigen. Eine Woche später hätten sie sich weder fangen lassen noch wären sie unter uns umhergegangen, ohne einen Fluchtversuch zu machen. Man konnte sich durch Hinhalten eines Fingers überzeugen, ob sie hungrig waren; sie fingen dann an, eifrig zu saugen.