27. Juli. Nachdem die Minimaltemperatur in der Nacht knapp +1 Grad geblieben war, folgte wieder ein warmer, herrlicher Tag. Die Längentäler haben im allgemeinen ein gemäßigteres Klima, sie bilden aber auch die relativ niedrigen Gegenden des Hochlandes. Als wir uns zum Aufbruche rüsten wollten, stellte sich heraus, daß die Pferde fortgelaufen waren und sich talaufwärts nach den besseren Weideplätzen, wo sich die Kulane aufhielten, begeben hatten. Mollah Schah mußte eine halbe Tagereise zu Fuß machen, um sie zu suchen, und kam erst gegen 11 Uhr wieder.

Wir hatten bei Bulak-baschi (erste Quellen) gelagert und ritten von dort nach Westen. Rechts haben wir den ganzen Tag eine ununterbrochene Reihe von Sümpfen, Mooren und Tümpeln. Das Gras ist üppig, aber der Boden trägt nicht einmal einen Fußgänger, sondern ist außerordentlich tückisch und gefährlich. Einige Becken sind ein paar hundert Meter lang. Das Wasser, welches sie speist, sprudelt in unzähligen Quelladern unter dem Sande hervor; diese vereinigen sich weiter unten zu einem Flusse, der am Ostende des Kum-köll mündet.

Wir spähten nach dem See aus. Endlich trat im Westen sein heller Streifen hervor. Der Tag war warm und ruhig, die Mücken lästig, und eine Bremsenart, „Ila“ genannt, peinigte die Pferde und machte sie durch Eindringen in ihre Nüstern unruhig und aufgeregt. Die Kulane schützen sich gegen diese Insekten dadurch, daß sie die Nüstern beim Grasen dicht am Boden halten, die Orongoantilopen, indem sie an den heißen Tagen im Sandgürtel bleiben und erst abends nach den Weideplätzen herunterkommen.

Die Yake schützen sich auf dieselbe Weise, gehen aber tiefer in den Sand hinein, weshalb wir sie auf dem heutigen Ritte nicht sahen, während wir überall Fußspuren und Dung von ihnen erblickten. Als aber gegen 4 Uhr ein heftiges Unwetter mit Hagel und Regen losbrach, mochten sich die Yake sagen, daß ihre Feinde sich zurückziehen würden, und nun erschienen sie truppweise auf den Dünenkämmen. Erst sahen wir eine Kuh mit ihrem Kalbe den steilen Abhang herunterrutschen; sie erblickte uns rechtzeitig und kehrte sofort wieder um. Dann zeigte sich eine große Herde von mehr als 30 Tieren, die sich in einer Reihe auf einem mächtigen Dünenkamme aufstellten und sich durch die Karawane nicht erschrecken ließ. Ich mußte eine Weile halten und diesen wirklich stattlichen Anblick durch das Fernglas genießen. Die Tiere hoben sich mit außerordentlicher Schärfe rabenschwarz vom gelben Hintergrund ab. Sie waren auf dem Wege nach ihren Weideplätzen am See, als sie sich davon abgeschnitten sahen. Man konnte beinahe beobachten, welchen Genuß ihnen der noch immer auf die Erde klatschende Regen bereitete. Die in dieser Gegend lebenden Yake sollen immer dieselbe Taktik befolgen, um den Bremsen zu entgehen. Die ganze Nacht gehen sie auf die Weide, bei Sonnenaufgang aber sieht man sie wieder den Rückzug nach den Dünen antreten, wo sie ruhig bleiben, bis die Dunkelheit einbricht oder ein Sturm sie wieder herunterlockt.

Die Reihe der Sanddünen nahm vom Regen einen dunkleren Farbenton an. Man meint, solch ein heftiger, plätschernder Regen müsse alles in einen Brei verwandeln, aber nicht einmal die scharfen Kanten der Dünen werden dadurch verändert, und die Regentropfen vermögen nur kleine Gruben auf der Oberfläche hervorzubringen. Der Sand nimmt nach und nach an Höhe ab und tritt weiter zurück; rechts haben wir den See, dessen Südufer sich nach Nordwesten hinzieht; hier grasten 14 große Yake.

Tscherdon, der mit mir ritt, konnte seine Augen nicht von ihnen abwenden und bat schließlich, ob er nicht sein Glück versuchen dürfe. Er schlich sich wie eine Katze nach einem gewaltigen Stiere hin; da dieser aber ruhig stehenblieb und ihn nur wütend, ohne eine Spur von Furcht betrachtete, wurde Tscherdon dabei unbehaglich zumute und er trat ohne Blutvergießen den Rückzug an. Ich hatte ihm anempfohlen, sich mit den Yaken vorzusehen und sich lieber nicht allein auf eine solche Jagd einzulassen, weil der Yak, wenn er verwundet wird, oft den Schützen angreift.

Ein wenig weiter vorn erblickte Tscherdon einen einsamen, vier Monate alten Wolf, dem er im Galopp nachsetzte und den er auch glücklich einfing. Der Gefangene blieb gefesselt im Lager. Die Hunde behandelten ihn mit größter Gleichgültigkeit, aber die Leute gaben ihm alle möglichen liebenswürdigen Ehrentitel, in Erinnerung an die neun Schafe, die jetzt gerächt werden sollten. Tokta Ahun riet mir, gut auf die Schafe aufpassen zu lassen, denn die Wölfin, die wahrscheinlich ihre Höhle in der Nachbarschaft habe, werde ihr Junges schwerlich aus dem Auge verlieren und, wenn ihm etwas Böses widerführe, an den Schafen Rache nehmen. Zweimal hatte er junge Wölfe gefangen, und beide Male hatten ihm die älteren Wölfe einen Esel zerrissen. Ausgewachsene Kulane lassen sie in Frieden, weil sie sie im Laufe doch nicht einholen können, jüngere aber pflegen sie in schlammige Moräste hineinzujagen und ihnen dort die Kehle durchzubeißen.

Das jetzt gefangene Wölflein, das aufgezogen und mitgenommen werden sollte, überlistete jedoch seine Wächter. Es biß nachts den Strick durch und entfloh mit dem Ende desselben. Die Muselmänner hofften, daß es, wenn es wüchse, von dem Stricke, den es um den Hals hatte, erdrosselt würde; ich hielt es jedoch für wahrscheinlich, daß die Mutter die Strickschlinge rechtzeitig durchbeißen würde.

Das Lager Nr. 16 am oberen Kum-köll war in jeder Hinsicht befriedigend. Es gab dort gute Weide und Brennholz, und das Wasser des Sees war süß. Die absolute Höhe betrug hier nur 3882 Meter. Im Norden erhob sich stattlich und deutlich der Kalta-alagan und erstreckte sich, soweit das Auge reichte, nach Westen. Im Süden war die Bergwelt in dicke Wolken gehüllt.

Am folgenden Morgen lag das Boot zusammengesetzt am Ufer bereit, und mit Kutschuk als Matrosen fuhr ich mit passendem Winde über den See, indem ich alle notwendigen Instrumente für die Kartenarbeit und die Lotungen, die Jurte usw. mitnahm. Wir waren noch nicht weit vom Ufer entfernt, als ein heftiger Windstoß die Rahe abbrach, so daß wir zurückrudern mußten, um sie erst zu reparieren. Beide Stücke wurden aneinandergebunden und mit Tamariskenlatten geschient; darauf steuerten wir in der Richtung nach einem Schneegipfel in Nordnordosten über den See. Ich hatte nicht erwartet, diesen See so seicht zu finden; die größte Tiefe betrug 3,73 Meter. Am Nordufer landeten wir auf einer kleinen Insel.