Alle müssen zu Fuß gehen; das Herz klopft, als wolle es zerspringen, und man schnappt nach Luft. Und wenn man wieder im Sattel sitzt, fällt das Pferd beinahe alle Augenblicke vornüber. Es ist, als wären ihm unausgesetzt die Füße mit Bindfaden festgebunden, der bei jedem Schritt erst abgerissen werden muß. Ich reite jetzt voran, um den Boden zu erproben. Aber die Lasttiere scheuen vor den tiefsten Spurgruben und weigern sich ihnen zu folgen; sie schwenken lieber seitwärts ab, aber nur, um an noch schlechtere Stellen zu geraten.
So schreiten wir Stunde auf Stunde dahin. Dieses Land will uns festhalten. Unser Vorrücken erinnert an einen Feldzug in Feindesland, wo man auf sich selbst und seine eigenen Vorräte angewiesen ist, sich immer mehr von einer sicheren Operationsbasis entfernt und auf dem Marsche nichts weiter findet als eingeäscherte Städte, zerstörte Dörfer und verwüstete Felder. Je weiter es geht, desto deutlicher erkennt man, daß die Schwierigkeiten des Rückzuges wachsen werden, und gerade diese Schwierigkeiten sind es, die anreizen. Mit gespanntem Interesse fragt man sich, ob es wohl gelingen werde, sie zu überwinden. Und man denkt nicht im entferntesten ans Umkehren!
Es ist eigentümlich, in verhältnismäßig so kurzer Entfernung wie zwischen dem Akato-tag und diesen Gegenden so ungleichartige Naturverhältnisse zu finden. Bald muß man lange Tagemärsche machen, um eine erbärmliche Quelle zu finden; bald braucht man nur, wo man will, auf den Boden zu stampfen, um die Grube sich gleich mit Wasser füllen zu sehen.
Auf einem niedrigen sattelförmigen, die Wasserscheide bildenden Paß, nach dem wir hinsteuerten, ging gerade ein einsamer Wolf in Gedanken versunken spazieren, ergriff aber die Flucht, sobald er uns erblickte. Wir befanden uns gerade auf dem Passe (5111 Meter), als der übliche Sturm kam. Als der Donner rollte, klang es wie das Kugelrollen auf einer riesenhaften Kegelbahn oder das Bombardement einer Festung. Es war erst 4 Uhr, aber es wurde so dunkel wie an einem Herbstabend. Die Pferde gehen schräge, um den Hagelschauer zu parieren. Das Lager wurde in aller Hast mitten in einem Morast aufgeschlagen. Ehe man noch mit dem Aufschlagen fertig wird, ist man schon pudelnaß, und wenn man dabei dem Schauer nicht die ganze Zeit den Rücken zudreht, so schlägt einem der Hagel ins Gesicht. Nach zwei Stunden war der Sturm vorüber, und die Sonne guckte hervor, aber wir lagen im Schatten, und der Sonnenschein vergoldete wie hohnlächelnd die Hügel im Osten.
Der große Paßhasser konnte nicht mehr bis zum Lager gehen, sondern war jenseits des Passes zurückgelassen worden. Um zu versuchen, ob wir ihn nicht doch noch retten könnten, blieben wir einen Tag in diesem greulichen Lager in 5076 Meter Höhe. Tscherdon und Turdu Bai ritten am Morgen hin, kamen aber mit der Nachricht wieder, daß das Tier dem Tode geweiht sei. Sie hatten es dazu gebracht, sich zu erheben und einige Schritte zu gehen, dann aber war es auf die Seite gefallen, und da es nicht dazu vermocht werden konnte, aufzustehen, hatten sie es totgestochen.
Den ganzen Tag goß es. Ich hatte +2 Grad in der Jurte und konnte nichts weiter tun, als mit Pelzen zugedeckt lesen. Man muß sich sehr genau überlegen, wohin man empfindliche Sachen legen kann, denn durch das Dach tropfte das Wasser, und ich hatte an beiden Seiten des Bettes ein paar kleine Seen, die abgeleitet werden mußten. Überall ist es naß und ungemütlich; man sehnt sich von einem solchen Platze fort, einerlei wohin, denn schlimmer kann es nicht werden. Tscherdon und Turdu Bai waren vom Regen überfallen worden, als sie bei dem Kamele waren. Sie saßen fünf Stunden bei ihm, unter ihren Mänteln zusammengekauert, und ihre Pferde waren bis an den Bauch gelbbraun; nach dem frischen Regen waren sie doppelt so tief wie gestern eingesunken.
Der 14. August brach endlich mit Sonnenschein an. Die Temperatur war in der Nacht auf −3,2 Grad heruntergegangen, so daß der Boden am Morgen steinhart gefroren war und eine dünne Eiskruste die in unseren Spuren entstandenen Pfützen bedeckte, aber die Freude währte nicht lange, denn schon am Vormittag war alles wieder naß und weich.
Der heutige Tag brachte uns über diese greuliche Bergkette hinüber, die uns so viel Mühe gekostet hatte. Von ihrem leichten, hügeligen Passe aus sah man wieder ein Längental, das im Süden von einem neuen, ansehnlichen Rücken begrenzt wurde. Weiter aufwärts im Tale, nach Südwesten zu, schimmerte der Boden grün; dorthin lenkten wir unsere Schritte, denn der Weide bedurften wir jetzt am allermeisten.
Sobald wir den Platz erreicht hatten und uns endlich auf trockenem sandigem Boden befanden, wurde Halt gemacht; es war ein Vergnügen, die Tiere in dem dünnen Grase wieder aufleben zu sehen. Alles, was Bettstücke und Decken hieß, wurde auf dem Sande ausgebreitet, um im Sonnenbrande zu trocknen ([Abb. 130]); die Jurte und das Zelt trockneten am besten, wenn sie in gewöhnlicher Weise aufgeschlagen wurden.