Man wird vom Gehen schwindlig, der Boden gibt nach und scheint zu schwanken, unaufhörlich muß man stehenbleiben, um nach Luft zu ringen. Nicht einmal die ziemlich großen Schieferplatten, die hier und dort liegen, sind zuverlässig, sondern drücken sich allmählich in den Boden ein, und in der dadurch entstandenen Grube sammelt sich ein Wasserpfuhl. Man hört das Wasser unter dem Schutte sickern und brodeln; man wandert wie über unterirdische Fluten hin, die jeden Augenblick uns alle verschlingen können. Man meint, daß dieser Teig von Hügeln, der aus einer zähen Flüssigkeit oder Grütze zu bestehen scheint, mehr und mehr nach allen Seiten auslaufen müsse.
Eine solche Terrainform entsteht durch die ewigen Niederschläge, die beim Fallen in den Boden eindringen und nur einen unbedeutenden Beitrag zu den sichtbaren Flüssen und Bächen liefern. Auch das Fehlen jeglicher Vegetation mit ihren bindenden Wurzeln trägt dazu bei. Nicht selten stehen die Schieferplatten quer, und einigen Kamelen brachte das Abenteuer blutige Füße ein. An einer Stelle mußten ein paar Pferde, die buchstäblich drauf und dran waren, im Schlamme zu ertrinken, schleunigst von ihrem Gepäck befreit und herausgezogen werden.
Als die Lage gar zu schwierig wurde, schickte ich Tscherdon nach dem Kamme hinauf, um zu rekognoszieren. Er kehrte mit dem Bescheide zurück, daß dieser Kamm nur der erste einer ganzen Reihe solcher sei, die sich nach Süden ausdehnten und die Aussicht versperrten. Sie seien fleckig von Schnee, der durch sein Auftauen den Boden noch ungangbarer mache.
Seine Worte gaben endlich das Signal zum Rückzug. Wir hatten auf dieser erbärmlichen Strecke über vier Stunden verloren und uns unnötigerweise nach einer Höhe von 5248 Meter hinaufgearbeitet; schlimmer aber war, daß wir die Kräfte der Tiere so angestrengt hatten. Nach einigem Suchen fanden wir ein Erosionstal und zogen mitten in seinem Bache, der einzigen Linie, auf welcher der Boden trug, abwärts. Er bog nach Westen in das Längental ein; an seinen Ufern war der Boden ebenso lose und sumpfig wie oben auf dem Kamme. Von mehreren Seiten kamen Zuflüsse, so daß der vereinigte Fluß schließlich 8 Kubikmeter Wasser führte. Als wir endlich an seinem rechten Ufer in 5011 Meter Höhe ein wenig Weideland fanden, lagerten wir und beschlossen, die Tiere zwei Tage ruhen zu lassen.
Doch wie fiel es in diesem Lager Nr. 25 mit der Ruhe aus! Der Morgen sah allerdings vielversprechend aus, doch als ich mit dem Observieren der Sonne anfangen wollte, bedeckte sich der Himmel mit Wolken. Sodann sollten mein Bett, meine Filzdecke und mein Teppich nach der Nässe der vorhergehenden Tage getrocknet werden; doch kaum hingen sie auf der Leine, als der Himmel im Westen blauschwarz wurde. Wir konnten die Sachen kaum noch unter Dach bringen, bevor ein Hagelsturm mit Geheul und Geprassel durch das Tal fegte. Nachdem dieses Unwetter abgezogen war, hatte ich Gelegenheit, eine Sonnenbeobachtung zu machen, mit der ich eben fertig wurde, als ein neuer Sturm im Anzuge war, der ebenso schwarz wie der vorige aussah, aber siebenmal so arg war. Einige heftige Windstöße bildeten den Vortrab, dann folgten Hagel und nasser Schnee. Selten habe ich in Tibet ein ärgeres Unwetter erlebt. Es blitzte und donnerte mehrere Male in der Minute, und der Orkan fegte ganz dicht am Erdboden unmittelbar über unseren Köpfen hin. Es krachte, als zerrissen die Berge und als rollten Felsblöcke mit Donnergepolter in die Tiefe. Man schloß bei den blendenden Blitzen unwillkürlich die Augen und fühlte den Boden unter den Donnerschlägen erbeben. Es ist unheimlich und feierlich, sich in einem solchen Unwetterzentrum zu befinden und den Leidenschaften der Naturkräfte preisgegeben zu sein. Man legt seine Arbeit fort, sieht, lauscht und staunt.
Die Hunde heulten erbärmlich. Der Wind riß das Zelt der Männer um, und sie konnten es nur mit großer Mühe wieder festmachen. Die Landschaft wurde wieder mit Schnee und Hagel zugedeckt, unter welcher Decke die hungrigen Pferde ihr kärgliches Futter suchten.
Turdu Bai war den ganzen Tag mit den Kamelen draußen gewesen und kam abends heim. Sie legten sich in ihren gewöhnlichen Halbkreis und wurden bald überschneit, nachdem wir alles getan hatten, um sie warm einzupacken. Sie zitterten vor Kälte. Die Männer gaben zwei Filzteppiche her, ich einen, und die beiden, in welche die Boothälften eingenäht waren, wurden auch genommen und über die armen Tiere gedeckt.
Der zweite Rasttag war besser; die Sonne taute den Schnee auf, und der Hagelsturm kam erst um 5 Uhr. Als wir am 12. August nach Südosten zogen, um die Bergkette zu überschreiten, ging Turdu Bai mit zwei kranken Kamelen, die unbeladen blieben, voraus. Wir überholten ihn bald, denn er kam nur außerordentlich langsam vorwärts, da das eine Kamel, der Paßhasser, oft liegen blieb und sich eine Weile ausruhen mußte.
Vor uns waren keine hohen Berge sichtbar; doch der Boden war widerwärtig: ein einziger Morast von gelbem Schlamm, mit Wasser vollgesogen wie ein Schwamm, trügerisch selbst da, wo er mit dünnem Schutt bedeckt ist und sicher und vertrauenswürdig aussieht. Bei jedem Tritt sinken die Tiere fußtief ein, und da jeder Schritt ein Herausziehen der Füße aus dem zähen, saugenden Schlamme ist, ist das Vordringen sehr anstrengend. Der Boden ist jetzt so lose, daß die anfangs schwarzgähnenden Fußspuren sich bald wieder schließen und verschwinden. Im allerglücklichsten Falle sinken die Tiere nur etwa 10 Zentimeter ein, und man freut sich ihretwegen, wenn man an derartige rettende Inseln in einem unabsehbaren Sumpfe gelangt. Doch die Freude ist kurz; bald versinken sie wieder knietief, fallen, müssen von ihren Lasten befreit, herausgezogen und von neuem beladen werden. Ein fluchwürdiges Land! Daß Weide und Brennholz 5000 Meter über dem Meere fehlen, kann man verstehen, doch warum trägt uns die Erde nicht, warum droht sie die ganze Karawane zu verschlingen?
Kein einziges Fleckchen, wäre es auch nur so groß wie ein Fünfmarkstück, ist trocken; alles ist von Wasser durchtränkt; man befindet sich wie auf schlammigem Seeboden, von dem das Wasser gerade abgezapft worden ist. Die Tiere sind zu bewundern, daß sie überhaupt gehen; weshalb legen sie sich nicht nieder und weigern sich, sich in einem so barbarischen Dienste anzustrengen? Das große Kamel, der Paßhasser, hatte vollkommen recht, daß es sich nicht weiter abmühte. Das Innerste der Wüste Takla-makan ist nicht lebloser als dieses entsetzliche Bergland.