Da wir vergebens nach einem See im Westen ausschauten, beschloß ich, nach Süden abzuschwenken, um die Bergkette zu überschreiten, die von dem Gletschermassiv nach Westen ging. Das Tal war ziemlich schmal; sein Fluß führte jetzt wenig Wasser, und auf der Südseite unterhalb der Moränen fanden wir, wie beim Kum-köll, ein Gebiet von Flugsand in ziemlich mächtigen, oft isoliert liegenden Dünen, die regelmäßige Halbmonde bildeten, mit dem konkaven, steilen Abhange nach Osten.

Von dem Bache, auf dessen Uferabhange wir lagerten, erschien das Gletschermassiv im Osten ganz nahe; wir hatten es also zur Hälfte umgangen.

Fünf Stunden später kam Mollah Schah. Er hatte das Pferd ein paar Kilometer vom Lager zurückgelassen; es war weder besser noch schlechter als am Morgen gewesen. Als sich jedoch Tscherdon dorthin begab, war das Tier schon verendet. Turdu Bai ritt ein Quertal in der jetzt zu überschreitenden Kette hinauf und kehrte am Abend mit der Nachricht zurück, daß der dortige Paß nicht gefährlich sei und daß sich südlich vom Passe ein großer See ausdehne. Weideland hatte er dagegen nicht gesehen.

Er mußte also am nächsten Tage den Weg zeigen. Das Tal stieg so eben und langsam an, daß der Paß uns keine Mühe machte. Von dem 5122 Meter hohen Passe aus hatten wir das schon so oft gesehene Panorama vor uns: ein Längental und eine teilweise mit ewigem Schnee bedeckte Bergkette. Diese mußte mit dem Koko-schili identisch sein. Ein großer Teil des Talgrundes wurde von einem ansehnlichen See mit west-östlicher Richtung eingenommen.

Die Karawane, die, wie gewöhnlich, einen großen Vorsprung hatte, war, statt nach dem Ufer hinunterzugehen, noch eine ziemliche Strecke westlich vom See weitergezogen. An der westlichsten Bucht des Sees hatte sie Halt gemacht und das Lager Nr. 24 (5028 Meter) aufgeschlagen, das schlechteste, das wir bisher gehabt hatten. Soweit das Auge reichte, gab es weder eine Spur von Weide noch von Brennholz oder Dung zur Feuerung. Wir zerschlugen eine überflüssige Kiste, um wenigstens heißen Tee zu bekommen. Jedes der Tiere erhielt eine Handvoll Mais.

Kaum war das Lager in Ordnung, so brach ein wildes Unwetter los, erst Regen, dann Hagel und darauf wieder strömender Regen, der durch die Filzdecken in meine Jurte hineintropfte und rieselte. Der Sturm kam von Westen, und in der Nacht verwandelten sich die Niederschläge in Schnee. Die Kamele lagen im Halbkreise, alle an denselben in den Boden gerammten Pflock so angebunden, daß die Köpfe vor dem Winde geschützt waren. Die beiden äußersten waren mit Filzmatten zugedeckt. Sie froren derart, daß sie bebten, aber sie sind nach dem Verlieren ihrer Wolle auch beinahe nackt, und man beobachtet mit Interesse, wie die neue Wolle langsam hervorkommt und wächst. Sie wächst hier oben schneller als in den warmen Tiefländern; die Natur macht ihr Recht geltend und paßt sich den Verhältnissen an. Hätten die Pelze eine Ahnung von dem Winter gehabt, dem wir mitten im Sommer entgegengingen, so hätten sie ihre Besitzer wohl nicht verlassen.

Das Erwachen nach einer solchen Nacht ist nicht angenehm. Es ist einem kalt und frostig; alles ist feucht, Jurte und Gepäcklasten sind mit Wasser durchtränkt und die eigenen Kleidungsstücke naß. Am Morgen war die Luft mit feinem, leichtem Sprühregen erfüllt, und der Westwind heulte durch das Tal. Frierend und schauernd brachen wir mit unseren hungrigen Tieren auf.

Die neue Bergkette im Südwesten unseres Lagers sah niedrig und bequem aus, ja wir glaubten, daß sie, mit den vielen schon überschrittenen verglichen, die reine Bagatelle sein würde. Ihre Nordabhänge bestanden nicht einmal aus anstehendem Gestein, sondern nur aus niedrigen Hügeln; über diese hinüberzukommen, schien ganz einfach, aber in der Wirklichkeit wurde es das Ärgste, was uns bisher begegnet war. Zunächst war es durchaus nicht leicht, nach dem Fuße der Hügel hin zu gelangen, denn der Boden war überall sumpfig, und um die gefährlichsten Fallgruben, wo die Pferde bis ans Maul in den Schlamm gerieten, zu umgehen, mußten wir mit der größten Vorsicht weiterziehen. Wir hielten es jedoch für selbstverständlich, daß der Boden wieder hart und tragfähig werden würde, sobald wir den Abhang erreichten.

Erst ging es auch leidlich, denn der Boden bestand aus gelber Tonerde, die mit Steinen und Schieferstücken bedeckt war. Langsam zogen wir aufwärts. Nur ein großes Kamel, das gegen alles, was Paß hieß, einen ausgesprochenen Widerwillen hatte, blieb zurück und legte sich ganz gemächlich nieder; Turdu Bai blieb bei ihm.

Als wir glücklich auf den ersten Kamm hinaufgelangt waren, zogen wir auf seinem Rücken nach Südosten weiter. Ich ritt voran und folgte einer Yakspur, die anfangs zeigte, wo der Boden trug, höher oben aber in dem losen, durch und durch nassen Schmutze verschwand, in dem es unter den Hufen des Pferdes klatschte und quatschte. Schließlich sank das Pferd so tief ein, daß ich vorzog, abzusteigen und es zu führen. Ich hätte natürlich umkehren müssen, aber der Kamm erschien mir so verlockend nahe. Als ich einen Punkt erreicht hatte, wo mir der Stiefel im Schlamme beinahe steckenblieb, wartete ich auf die anderen. Die Männer gingen zu Fuß und keuchten bei jedem Schritte. Die wie immer geduldigen und fügsamen Kamele kamen hinterdrein, bei jedem Schritte fußtief einsinkend, aber doch besser von ihren Fußschwielen getragen als die Pferde von ihren Hufen. Eines von ihnen fiel und mußte abgepackt werden. Sie wunderten sich wohl, was wir mit diesen wahnsinnigen Anstrengungen auf schwankendem Boden mit merklicher Steigung und in so verdünnter Luft zu erreichen beabsichtigten.