Am 17. August brachen wir auf, um die nächste, von Osten nach Westen gehende Bergkette zu überschreiten. Der Anstieg macht sich unseren müden Tieren bald recht fühlbar. So, wie wir jetzt zogen, waren wir gezwungen, unnötigerweise über drei Pässe zweiter Ordnung zu gehen, ehe wir den Hauptpaß erreichten. Hinten im Westen erhebt sich der mächtige Gebirgsstock mit den Gletschern und den ewigen Schneefeldern im Osten erscheint ein Tafelberg, dessen Kammlinie so gerade ist, als sei sie mit einem Lineale gezogen worden; wahrscheinlich war der Berg mit dem porösen Tuff, der in diesen Gegenden allgemein vorkommt, bedeckt. Vom Passe führte ein zwischen roten Hügeln eingeschnittenes Tal langsam nach Süden. Sein Bach mündet schließlich in einen wohl 10 Kubikmeter Wasser führenden Fluß vom nächsten Gletscher. In der Nähe des Zusammenflusses hatte sich die Karawane auf einem mageren Rasenplatze, wo der sandige Boden wenigstens trocken war, im Lager Nr. 28 niedergelassen ([Abb. 132]).

Jetzt hatten wir nur noch zwei Schafe, von denen hier eines dem Hunger geopfert werden mußte. Das letzte blökte ängstlich und suchte vergeblich seinen toten Kameraden. Schlimmer war, daß Aldat, als er auf eine Orongoantilope schoß, seine Flinte ruinierte; eine hinten am Laufe befindliche Stahlschraube wurde losgesprengt und hätte ihn beinahe ins Gesicht getroffen. Zum Glück fand er die Schraube wieder; sie wurde nun mit Stahldraht und einem Lederriemen in ihrer Lage so festgemacht, daß die Flinte im Notfalle benutzt werden konnte.

Als wir am Tage darauf gerade aufbrechen wollten und die Tiere schon zum Beladen bereitstanden, verdunkelte sich der Himmel in beunruhigender Weise, weshalb wir es für das klügste hielten, noch eine Weile zu warten; wir wären in ein paar Minuten durch und durch naß geworden. So warteten wir denn einen Regenguß nach dem anderen ab, und auf diese Weise ging der Tag hin. Um 2 Uhr klärte es sich auf, aber nun war es zum Aufbrechen zu spät. Statt dessen begab ich mich mit dem großen photographischen Apparat nach der nächsten Gletscherzunge und wollte mich gerade anschicken, ein paar Aufnahmen zu machen, als der Himmel wieder seine freigebigen Schleusen öffnete. Gleichzeitig näherte sich von Süden her, schwarz wie die Nacht, ein Hagelsturm, der sich wie eine dicke Masse über die Erde hinwälzte und ihre Oberfläche hinter sich weiß färbte.

Es war uns einerlei, wohin uns unser Weg das Flußtal abwärts führte, die Hauptsache war, daß wir niedrigere Gegenden mit Weide erreichten. Wir folgten dem Flußlaufe über 30 Kilometer weit, lagerten aber eine ziemliche Strecke von seinem Westufer entfernt. Zu Anfang des Marsches hatten die Leute einen recht ungewöhnlichen Fund gemacht, nämlich ein Stück eines alten Muhammedanerhemdes, ein Tauende und ein Holz mit Kerben, wie es beim Beladen der Tiere gebraucht wird. Ob diese Sachen von einer mongolischen Pilgerkarawane oder von Hauptmann Wellbys Reise herstammten, ließ sich nicht feststellen; letzteres ist jedoch nicht unwahrscheinlich. Wellby und Malcolm reisten 1896 gleichzeitig mit mir durch Nordtibet, von Westen nach Osten, von Ladak nach Zaidam und wählten das Längental, welches meiner Route nach Süden hin zunächst liegt. Sie machten eine denkwürdige, schöne Reise. Ein paar Jahre darauf fiel Wellby im südafrikanischen Kriege, in dem auch Malcolm schwer verwundet wurde.

Der größere Teil des Tages wurde von einigermaßen gutem Wetter begünstigt; die Regenschauer fielen in solchen Pausen, daß wir dazwischen wieder trocken wurden, doch kaum war dies geschehen, so goß es wieder vom Himmel herunter, daß das Wasser von den Lasten rieselte und unsere Anzüge vor Nässe glänzten. Jolldasch fing ein ganz kleines Wölflein, einen wütenden, kleinen Teufel, der gebunden mitgenommen wurde und die verzweifeltsten Versuche zur Wiedererlangung seiner Freiheit machte.

Am 20. August war der Boden im großen ganzen so eben, daß sich keine Rinnsale oder Erosionsfurchen bilden, sondern sich das Wasser in zahllosen kleinen, trüben Lachen ansammelt. Die Grasvegetation wird allmählich besser, als wir sie bisher in Nordtibet gesehen haben, und hier und dort wächst üppiger wilder Lauch. Die Kamele fressen diese Pflanze mit Begierde, und auch in unseren Suppen schmeckte sie gut.

Nach Süden hin ist das Land bis ins Unendliche offen, und keine mächtigen Bergketten stellten sich uns mehr in den Weg. Am Horizont zeigten sich allerdings Bergkämme, aber sie sahen ganz unschuldig aus. Das Land hatte Plateaucharakter angenommen, und wir wanderten über unabsehbare Hochebenen hin. An dem Ufer eines Tümpels weideten drei große schwarze Yake. Sie setzten uns in schwerem Galopp nach, wahrscheinlich in dem Glauben, daß wir zu ihren alten Bekannten gehörten. Als sie nur noch 200 Schritt entfernt waren, erkannten sie ihren Irrtum und kehrten in langsamem Trabe um. Im Südosten erblickten wir einen ungeheueren See, an dessen Nordwestufer die Weide ziemlich gut war, weshalb wir das Lager Nr. 30 dort aufschlugen.

Der 21. August wurde zur Ruhe und zu astronomischer Observation bestimmt. Das Wetter war herrlich, wirklich warm, und Fliegen summten wieder in der Luft. Wir hatten die Zelte unweit des Ufers auf sandigen Hügeln, die das Regenwasser aufsaugen und davon nicht schlammig werden, aufgeschlagen. Der Strand selbst war flach und kiesig, und ein 50 Zentimeter hoher Kieswall zeigte, wie weit die Wellen zu dringen pflegten. Das Wasser war bittersalzig, aber in der Nähe gab es glücklicherweise eine süße Quelle. An Feuerung litten wir keinen Mangel, denn hier wuchsen Jappkakstauden in ziemlicher Menge; einige Männer brachten ganze Arme voll davon ins Lager. Ihnen war unheimlich zumute, denn sie hatten ganz seltsame Klagelaute gehört und glaubten, es seien Menschenstimmen gewesen. Doch Aldat, der von der Jagd zurückkam, erklärte, es seien Wölfe. Außer sich warf er seine Flinte hin, die ihm noch nie so schlechte Dienste geleistet. Er hatte einen Kulan und einen Yak verwundet, aber beide hatten die Flucht ergriffen. Gestern hatte er eine Orongoantilope angeschossen, deren Skelett wir später auf dem Marsche fanden; das Fleisch und die Eingeweide waren von Wölfen gefressen worden. Es fing an Zeit zu werden, daß Aldat uns etwas Fleisch verschaffte, denn wir lebten jetzt meistens von Reis und Brot. Ein paar Konservendosen hatte ich noch, und Tscherdon bewirtete mich täglich mit einer vortrefflichen Suppe von grünen Erbsen, wildem Lauche und Liebigs Fleischextrakt, der mir auf dieser Reise große Dienste leistete.

Jetzt wurde folgende Verabredung getroffen. Am 22. August sollte Kutschuk mich schräg über den See nach einem ziemlich bedeutenden Gipfel, der sich im Südosten zeigte, hinrudern. Gleichzeitig sollte die Karawane nach Westen und Süden um den See herummarschieren und am Ufer vor dem erwähnten Gipfel Halt machen. Da ich fürchtete, daß es ihnen vielleicht unmöglich sein möchte, auf diesem Wege hinzugelangen, ließ ich Mollah Schah auf Rekognoszierung dorthin reiten. Er kam am Abend wieder und versicherte, daß keine Hindernisse vorlägen. Im Westen hatte er einen zweiten, ebenso großen See gesehen, in den sich wahrscheinlich das Schmelzwasser des Gletscherstockes ergoß. Die Sache lag also klar, und ich hielt es für selbstverständlich, daß die Karawane vor uns an dem verabredeten Platze eintreffen würde, da Tiefenlotungen und andere Beobachtungen naturgemäß ziemlich viel Zeit kosteten. Tscherdon wurde daher ermahnt, bei der Ankunft ein Feuer anzuzünden, das uns abends als Leuchtfeuer dienen sollte und nach welchem wir, wenn es nötig wäre, unseren Kurs rechtzeitig ändern könnten.

Warm und klar brach der Tag an; nur einige leichte Wölkchen segelten an dem türkisblauen Himmel, und spiegelblank lag der See. Während die Karawane beladen wurde, brachten wir das Boot am Ufer in Ordnung. Segel, Ruder und Rettungsbojen wurden mitgenommen, im übrigen nur die notwendigen Instrumente. Wir fuhren eine gute Weile vor der Karawane ab, sahen aber nachher ihre lange Reihe am Ufer entlang schreiten.