Mit der Uferlinie beginnt die zusammenhängende Salzkruste, die den ganzen Seeboden bedeckt und hier anfänglich 2–4 Zentimeter dick war. Sie bricht unter unseren nackten Füßen. Wir mußten das Boot nämlich erst 1½ Kilometer in den See hineinziehen, ehe es schwamm, und in dieser Entfernung vom Strande betrug die Tiefe noch kaum 50 Zentimeter. Jetzt steuerten wir erst nach einer kleinen Insel in Ostsüdosten. Kutschuk brauchte nicht zu rudern, sondern schob das Boot vorwärts; das Ruder scharrte wie auf Stein, wenn es die allmählich immer fester werdende Salzkruste berührte.

Dieser umfangreiche See ist nur ein kolossaler Salztümpel ohne Spur von Leben. Keine Schwimmvögel, keine Wassertiere, keine Algen waren zu sehen. Auch der Uferstreifen ist, soweit der Wellenschlag reicht, unfruchtbar; nur auf den sandigen Hügeln, welche die Wasserfläche um einige Meter überragen, wächst Gras.

Wir landeten an der kleinen, birnförmigen Insel, deren größte Höhe 5 Meter über dem Wasserspiegel nicht übersteigt. Sie liegt wie eine Semmel im See und hat vortreffliches, geschütztes und unberührtes Weideland. Das Gerippe eines Vogels war das einzige Lebenszeichen, das wir finden konnten. Die Aussicht aber ist großartig und orientierend. Nach Westen und Osten erstreckt sich völlig offenes Land, auf dem bis an den Rand des Horizontes auch nicht der kleinste Berggipfel sichtbar ist. Im Nordwesten glänzt das mächtige Firnmassiv, vor dessen Gletscherzungen wir vor ein paar Tagen lagerten. Im Süden erscheinen flache, weich abgerundete Landrücken und im Norden die sich hie und da bis zu Schneebergen erhebende größere Kette, die wir zuletzt überschritten hatten.

Darauf steuerten wir nach Südosten in der Richtung des vereinbarten Sammelplatzes. Nur in einem Ringe um die Insel herum lag Kies auf plastischem blauem Ton, dann aber setzte die Salzkruste wieder ein. Die Tiefe nahm ein wenig zu, so daß Kutschuk das Boot nicht mehr mit dem Ruder weiterstoßen konnte, sondern rudern mußte.

Die Tiefenverhältnisse in diesem See waren höchst unerwartet. Der Boden ist beinahe ganz eben, und die größte Tiefe betrug nur 2,33 Meter. Der See liegt also wie eine papierdünne Wasserschicht über der Salzkruste und ist nur halb so tief wie die Kara-koschun-Sümpfe. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Lotungsstellen beliefen sich auf einen oder ein paar Zentimeter. Ich hatte eine mehrere hundert Meter lange Lotleine mit Bleigewicht mitgenommen, doch meistens genügte das 2,13 Meter lange, in Dezimeter und Zentimeter eingeteilte Ruder.

Gerade im Osten schien sich der See bis ins Unendliche zu erstrecken, einer Meeresbucht vergleichbar; dies beruhte aber auf einer durch Luftspiegelung hervorgerufenen Sinnestäuschung.

Es war ein wunderbarer, in Wahrheit höchst außergewöhnlicher Tag, den wir auf diesem Salzsee zubrachten. Das Wetter war prächtig; kein Lüftchen regte sich, und der Himmel spiegelte sich deutlich im Wasser wieder. Nur um die Randgebirge herum lag ein Kranz von dichteren weißen Wolken. Die Sonne, ein seltener Gast in diesen Gegenden, wärmte ordentlich; man freute sich, wieder etwas vom Sommer zu sehen, und träumte von den entflohenen Annehmlichkeiten dieser Jahreszeit. Es war schon wohltuend, das Gesicht in der Strahlenflut baden zu können und nach all der Nässe und Kälte in der Nachbarschaft des Arka-tag einmal wirklich das Gefühl des Trockenseins zu haben, aber ohne die giftigen Insekten, die tiefer unten die treuen Sommerbegleiter der Sonne bilden. Um uns herum ist es so still wie im Grab; keine Fliege summt in der Luft, kein Fisch plätschert im Wasser, das leblos daliegt wie eine chemische Lösung, überall war es still und friedlich wie an einem Sonntage. Die vor kurzem noch so unruhigen Geister der Luft und des Wetters hatten sich einen freien Tag gemacht, wahrscheinlich nur, um sich zu neuem wildem Streitgetümmel auszuruhen.

Die Landschaft hat in dieser reinen, verdünnten Luft einen ganz ungewöhnlichen, leichten Ton. Man könnte sie mit einer Braut in weißer und hellblauer Seide vergleichen; es ist das duftigste Aquarell in den zartesten Farben, denn alles ist ätherisch und durchsichtig wie eine Luftspiegelung oder ein Traum. Nur unmittelbar beim Boote schimmert das Wasser grün, sonst ist es hellblau vom Widerscheine des Himmels.

Welch herrliche Art, nach dem nächsten Lagerplatze zu gelangen, verglichen mit dem Reiten mit der schwerfälligen, müden Karawane! Ich saß im Vorderteile des Bootes so bequem wie in einem Lehnstuhl und machte meine Beobachtungen und Aufzeichnungen wie vor einigen Monaten auf der Fähre. Der Kurs war ein für allemal gegeben, und ein Blick nach dem Berggipfel genügte zur Kontrolle der Richtung. Die Geschwindigkeit wurde alle fünf, die Tiefe alle zehn Minuten gemessen, und Kutschuk sang und summte zu den Ruderschlägen allerlei Weisen. Er ruderte das Boot mit einem Ruder, das bald an der Backbord-, bald an der Steuerbordreling senkrecht ins Wasser getaucht wurde. Mast und Segel waren in der Mitte des Bootes querüber festgebunden, um uns nicht im Wege zu sein. Mäntel hatten wir nicht mitgenommen; hätte ich mich erwärmen müssen, so würde ich mit dem zweiten Ruder geholfen haben, nun aber freute ich mich untätig meines Daseins, aller Hagelschauer uneingedenk. Die Temperatur stieg auf 14 Grad und betrug im Wasser 17,1 Grad; es war ordentlich warm.

Das Wasser ist so salzig, daß die ins Boot fallenden Tropfen wie Stearin erstarren. Nachdem das Wasser verdunstet ist, bleibt eine kreideweiße dünne Glocke zurück, die jedoch gewöhnlich einfällt. Das Lotungsruder wird so weiß, als wäre es angestrichen, unsere Hände werden weiß und rauh, unsere Kleider von Spritzern weißgetüpfelt, und der Strommesser glitzert mit tausend Facetten. Die Ränder und der Boden des Bootes sehen aus, als wäre es kürzlich zu einem Mehltransport benutzt worden.