Während der ersten Stunden sahen wir die Karawane am Westufer entlang schreiten, und ich beobachtete mit dem Fernglase ihren gewöhnlichen ruhigen Gang und ihre Marschordnung. Sie beschrieb einen Bogen, während wir in gerader Linie nach dem Sammelplatze ruderten. Zuerst entfernten wir uns demnach voneinander, darauf verschwand die Karawane hinter den Uferhügeln, mußte aber bald am südlichen Ufer wieder auftauchen, und dann würden wir uns einander wieder nähern und schließlich an demselben Punkte zusammentreffen. Aber sie erschien nicht wieder. War sie vielleicht auf schwankenden Boden gestoßen und mußte einen Umweg machen, sammelten am Ende die Leute unterwegs noch Brennholz oder war gar Wildbret geschossen worden, das erst abgehäutet, zerlegt und eingepackt werden mußte?

Kilometer auf Kilometer blieb die Tiefe 1,88 Meter. Stunde auf Stunde schien sich der Abstand zwischen uns und dem Südufer nicht zu verringern. Aber, wie gewöhnlich, verging die Zeit auf dem Wasser schnell. Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit leichten, dünnen Wolken, und die blaue Wasserfläche nahm eine marmorierte Schattierung an. Das Boot schoß in gerader Linie nach Südosten, und das Wasser plätscherte um das Ruder; dies war der einzige Laut, der die Stille auf diesem tibetischen „Toten Meere“, dessen Spiegel 4765 Meter über dem Weltmeere liegt, unterbrach.

Um 4 Uhr guckte die Sonne wieder hervor. Unter der sinkenden Sonne schien sich der See am weitesten nach Westen auszudehnen; es ist die Strahlenbrechung, die diese Sinnestäuschung hervorruft. Die Karawane war nicht zu sehen, aber die Entfernung war auch bedeutend, und sie mochte wohl hinter einigen Uferhügeln marschieren.

Gegen Abend sah der vor kurzem noch so klare, blanke Wasserspiegel beim Südufer mattgeschliffen aus. Ein brausendes Geräusch ließ sich immer deutlicher vernehmen und wurde von Kutschuk für das Rauschen eines in der Nähe mündenden Flusses gehalten. Bald wurde uns jedoch klar, daß das Brausen von einem sich erhebenden Winde herrührte, in dessen Bahn wir bald hineingerieten. Der Wind kam von Osten; es ruderte sich schwer, und als er stärker wurde, hißten wir Segel und änderten den Kurs in Südwest ab. Mit reißender Fahrt und in hohem Seegange strichen wir nach dem Ufer hin, wo sich die Brandung weißschäumend und donnernd über scharfkantige Kiesel wälzte, die das Segeltuchboot aufzuschlitzen drohten. Das Segel wurde rechtzeitig gerefft, Kutschuk sprang ins Wasser, ich half mit dem Ruder, und so brachten wir das Fahrzeug unverletzt an Land und zogen es hoch am Ufer hinauf.

Bevor die Dämmerung in Dunkelheit überging, eilten wir nach den nächsten Hügeln hinauf, um nach der Karawane auszuspähen. Doch von Menschen und Tieren war keine Spur zu entdecken! Die ganze Gegend lag schweigend und ausgestorben, beinahe unheimlich vor uns, und mir war zumute wie beim Eintreten in eine Klosterruine, in der seit tausend Jahren niemand gewesen ist. Während Kutschuk Jappkakbüschel sammelte, ging ich weiter in die Hügel hinein, wurde aber von ein paar Buchten und Lagunen aufgehalten, deren nur von einer außerordentlich dünnen Wasserschicht bedecktes Salz wie Eis glänzte. Ein Kulanschädel lag, verwittert und gebleicht, an einem Abhange, und in dem losen Erdreiche stand eine Bärenspur eingedrückt. Ich lauschte und rief, aber die Karawane war und blieb verschwunden.

148. Tscherdons Yak. ([S. 361.])
Von links nach rechts: Mollah Schah, Turdu Bai, Kutschuk.

149. Ein erbeuteter Yak. ([S. 361.])