150. Ein junger Kulan. ([S. 362.])
151. Kopf und Seitenfransen des Yaks. ([S. 361.])
Als ich nach dem Landungsplatze zurückkehrte, war es schon dunkel. Kutschuk hatte einen gewaltigen Armvoll Jappkak zur Feuerung zusammengesucht, und ich half ihm den Vorrat noch vergrößern. Jetzt war es ganz klar, daß sich den anderen irgendein unerwartetes Hindernis in den Weg gestellt haben mußte, sonst wären wenigstens ein paar Reiter nach dem Sammelplatze gekommen, um uns Bescheid und — was für uns das Wichtigste war — Essen, Wasser und warme Kleider zu bringen. Erst überlegten wir, ob wir nicht den heftigen, günstigen Wind benutzen und westwärts segeln sollten; aber in der Dunkelheit wäre dies doch zu gewagt gewesen, besonders da der Wind immer heftiger wurde. Vielleicht hatte die Karawane auch einen so weiten Umweg machen müssen, daß sie noch gar nicht hier sein konnte.
Es blieb uns also kein anderer Ausweg, als uns auf beste Weise für die Nacht einzurichten. Ein ebener Fleck wurde für das Lager aufgesucht, der ganze Feuerungsvorrat dort aufgestapelt, alle Sachen aus dem Boote geholt und dieses selbst in seine beiden Hälften auseinandergenommen. Letztere wurden aufgerichtet und bildeten so vorzügliche Schilderhäuschen, die uns gegen den Wind schützten. Wir waren gerade in Ordnung, als es zu regnen begann. Nun wurden die Boothälften, gegen je ein Ruder gelehnt, in einem Winkel von 45 Grad aufgestellt; wir hatten sowohl ein Dach über dem Kopfe wie Schutz vor dem Winde. Ich nahm die eine Rettungsboje, Kutschuk die andere, und mit diesen als Kopfkissen gelang es uns, solange die Luft noch warm war, eine Weile zu schlafen.
Um 9 Uhr zog ich die Chronometer auf und besorgte eine meteorologische Ablesung, während Kutschuk Feuer anmachte. Dann blieben wir noch ein paar Stunden sitzen und stellten philosophische Betrachtungen an. Es wäre zu schön gewesen, wenn wir eine Tasse heißen Tee und ein bißchen Brot oder wenigstens einen Becher Wasser gehabt hätten. Ich zog mir aus dieser Fahrt die Lehre, mich künftig nie ohne Proviant und warme Decken für die Nacht aufs Wasser zu begeben!
Als alle Feuerung verbrannt war, krochen wir in die Koje; jetzt kamen uns die Boothälften wieder vorzüglich zustatten. Erst wurde das Segel auf dem Kiese ausgebreitet, der dadurch auch nicht viel weicher wurde, dann wurde die Rettungsboje zur Hälfte in den Boden eingegraben, darauf legte ich mich entsprechend zusammengekrümmt nieder und zuletzt deckte Kutschuk die eine Boothälfte über mich. Alle Ritzen, durch die Zug kommen konnte, verstopfte er mit Sand, wobei er ein Ruderblatt als Spaten benutzte. Der Boden des Bootes war nur 1–2 Zoll über meinem Kopfe, und ich lag wie eine Leiche in ihrem Sarge, welcher Gedanke sich um so mehr aufdrängte, als Kutschuk draußen stand, Sand aufgrub und um mich herumschüttete. Drinnen war es so eng, daß ich mich in meinem Grabe nur mit Mühe umdrehen konnte, und ebenso dunkel wie in der Ruhestätte der Toten.
Ein ganzer, auf dem Wasser zugebrachter Tag greift an und macht hungrig, und wenn man nichts zu essen bekommt, friert man leicht; aber in unseren kleinen „Zelten“ wurde es bald warm. Kutschuk packte sich auf dieselbe Weise ein. Ein prächtiges Boot, das uns erst den ganzen Tag getragen hatte und uns hinterdrein noch als Zelt diente! Die Annehmlichkeit wurde noch größer, als es wieder zu regnen begann und die schweren Tropfen auf dem straffgespannten Bootboden wie Trommelwirbel schmetterten. Wir unterhielten uns eine Weile; Kutschuks Stimme klang durch die beiden Segeltuchwände wie eine Stimme aus dem Grabe, und auch meine tönte dumpf und hohl. Doch die Müdigkeit machte sich geltend, und wir schliefen, Wölfe, Bären und unsere eigene treulose Karawane vergessend, auf unserem Kirchhofe ein.
Ein paarmal wachte ich von der eindringenden Nachtkälte auf, schlief aber wieder ein, und als endlich das Morgenlicht unter den Bootrelingen hereinflutete, sah ich zu meinem Erstaunen, daß es schon 7 Uhr war. Kutschuk wurde gerufen und mußte den Sargdeckel öffnen; richtig stand die Sonne schon hoch über dem Horizont. Wir waren starr vor Kälte und sammelten schleunigst Feuerung, die mit den letzten Zündhölzern in Brand gesteckt wurde und uns wieder neues Leben gab. Es wehte frisch und gleichmäßig aus Osten, und da von der Karawane nichts zu sehen und zu hören war, blieb uns nichts weiter übrig, als westwärts zu gehen und sie zu suchen.
Also wurde das Boot wieder zusammengefügt, getakelt, ins Wasser gesetzt und bemannt, das Segel wurde aufgespannt, das eine Ruder diente als Segelbaum, das andere als Steuer, und mit sausendem Winde strichen wir längst des Südufers hin. Der Wind war ziemlich stark, der See ging hoch, die Jolle rollte ordentlich, und Kutschuk, der vorn im Boote saß, wurde seekrank. Die Geschwindigkeitsmessungen und die Lotungen wurden fortgesetzt und die Route eingetragen. Nachdem wir eine gute Stunde unterwegs waren, konnte ich mit dem Fernglas am Westufer des Sees zwei weiße Punkte wahrnehmen, die wir für die Jurte und das Zelt hielten. Kleine schwarze Punkte, die beide umgaben, mußten unsere Leute und Tiere sein. Nach drei Stunden waren wir dort. Tscherdon und Aldat wateten uns entgegen, um die Jolle vorsichtig ans Land zu ziehen. Der Karawane war richtig von einem mächtigen Fluß, den zu durchwaten unmöglich war, der Weg abgeschnitten worden. Der Fluß kam von einem großen See im Westen. Sie waren daher nach der Quelle zurückgekehrt, bei der wir sie fanden, und hatten die ganze Nacht auf einem Hügel ein Feuer unterhalten, das uns als Richtschnur dienen sollte, wenn wir draußen auf dem See umherirrten. Aldat hatte einen Kulan geschossen, denn frisches Fleisch war uns hochnötig. Das Wölflein hatten sie jedoch so freigebig damit traktiert, daß es an Überfütterung starb.