Sobald wir an Land gekommen waren, mußte Tscherdon mir ein Frühstück mit Kaffee bereiten; der Rest des Tages wurde zu verschiedenen Nacharbeiten benutzt. Jetzt handelte es sich darum, nach welcher Seite wir zunächst unsere Schritte lenken sollten. Gingen wir nach Westen, so brauchten wir drei Tage zur Umgehung des dort liegenden Sees, und im Osten hatten wir unseren großen Salzsee. Im Süden versperrte uns der Fluß, der von dem westlichen, entschieden süßen See Wasser nach dem salzigen führte, den Weg. Von Umkehren konnte noch keine Rede sein; dies durfte erst geschehen, wenn das morastige Hochland so fest gefroren war, daß der Boden trug. Ich beschloß daher, die ganze Karawane mit der Jolle über den Fluß zu führen.
Die Karawane mußte also nach der schmalsten Stelle des Flusses ziehen, während ich mit Kutschuk nach dem Mündungsgebiete ruderte. Die Breite beträgt hier etwa 300 Meter, und unmittelbar vor der Mündung lag eine Bank mit nur 50 Zentimeter Wasser, die eine prachtvolle Furt gewesen wäre, wenn sie nicht in der Mitte eine schmale Rinne von 2,56 Meter Tiefe gehabt hätte. Wir fuhren nach dem schmalen Übergange, wo die anderen warteten und alles Gepäck abluden. Auch hier ist das Wasser scharf salzig, obwohl die Strömung von dem Süßwassersee ziemlich stark ist; man sieht, wie sich süßes und salziges Wasser miteinander vermischt, wobei Flockenbildungen und Wirbel entstehen wie bei Zuckerwasser.
Die beiden Ufer bestanden aus hartem Kies. Die schmalste Stelle, wo die Überführung stattfinden sollte, war 58 Meter breit. Die größte Schwierigkeit war das Ausspannen eines Taues zwischen beiden Ufern. Beinahe alle Stricke, mit denen die Packlasten auf Kamelen und Pferden festgebunden wurden, mußten dazu genommen und aneinandergebunden werden. Am linken Ufer wurde das eine Ende festgemacht, dann wurde das Seil flußabwärts gezogen, worauf ich aus allen Kräften in einem Bogen hinüberruderte, während Kutschuk mit dem anderen Ende bereitstand, am rechten Ufer ans Land zu springen. Wir trieben indessen, da das Seil sich als zu kurz erwies, an der hier vorspringenden Landspitze vorbei und mußten uns wieder zurückschleppen und noch ein Ende anbinden, worauf dasselbe Manöver mit besserem Erfolge wiederholt wurde. Das Tau wurde nun auch an diesem Ufer festgebunden und so straff gezogen, daß es die Wasserfläche nicht mehr berührte.
Die Pferde sollten hinübergetrieben werden, aber sie ließen sich nicht dazu bringen, ins Wasser zu gehen. Es gelang erst, als wir eines von ihnen hinüberbugsiert hatten. Am schlimmsten war das Übersetzen der Kamele ([Abb. 133], [134], [135]). Sie ließen sich nicht bewegen, selbst hinüberzuschwimmen. Wir mußten sie einzeln mit dem Boote holen. Dabei wird das Kamel ins Wasser getrieben, und ein Strick wird ihm um den Kopf geschlungen. Diesen hält Turdu Bai, der im Achter des Bootes sitzt, über Wasser. Ich ziehe das Boot an dem ausgespannten Seile entlang quer über den Fluß. Da es dem Kamel aber durchaus nicht einfällt zu helfen, sondern es sich ganz bequem im Wasser ziehen läßt, habe ich die ganze durch die unaufhörlich saugende Strömung verursachte Wucht auf meinen Händen ruhen, und ich muß beim Weiterschieben alle meine Kräfte aufbieten, um das Seil nicht loszulassen, in welchem Falle natürlich die ganze Bescherung nach dem See hinuntergetrieben wäre und das Kamel leicht hätte verloren gehen können. Ich brachte es jedoch nach dem anderen Ufer hinüber, wo es eine Weile zappelte, bis es festen Boden unter sich fühlte und für gut fand, sich wieder auf eigene Füße zu stellen. Das Wasser strömte von seinen Seiten, als es dort in der Einsamkeit stand und sich verwundert nach seinen Kameraden umsah.
Nach dem zweiten und dritten Kamel wurde das Tau so schlaff, daß es ins Wasser hing; es mußte mit den übrigen Laststricken verstärkt werden, so daß es doppelt wurde und straffer war. Mitten in dieser Arbeit riß das erste Seil, und wir konnten wieder von vorn anfangen. Meine Hände waren schon ganz abgeschürft. Tscherdon mußte die Überführung der drei übrigen Kamele besorgen; endlich hatten wir alle Tiere unversehrt drüben. Das letzte Schaf, das sich daran gewöhnt hatte, bei den Kamelen zu kampieren, schwamm von selbst hinüber.
Schließlich wurde das Gepäck hinübergebracht; dann wurde das Lager auf dem rechten Ufer aufgeschlagen. Die Wassermenge dieses Flusses betrug 47,5 Kubikmeter in der Sekunde. Es war der größte Fluß, den ich bisher in Nord- und Mitteltibet gesehen hatte. Verschiedene Wassertierchen wurden von der Strömung aus dem Süßwassersee mitgeführt, um, sobald die Salzmischung ihnen zu stark wird, einem sicheren Untergang entgegenzugehen.
Ein Kamel und zwei Pferde hatten wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken und trugen daher während der nächsten Tage kein Gepäck. Auch mein alter Wüstenschimmel bedurfte der Ruhe, und ich bestieg deshalb ein anderes Pferd. Gewöhnlich pflegte ich meine Reitpferde so zu dressieren, daß sie stillstanden, sobald ich eine Kompaßpeilung vornehmen wollte. In dieser Beziehung war das Wüstenpferd vorzüglich. Ich brauchte nur die Hand in die Kompaßtasche zu stecken, so stand es ohne weitere Aufforderung unbeweglich still.
Wir zogen die aus lauter weichem Material, ohne Spur von festem Gestein bestehenden Hügel, welche die beiden großen Seen im Süden begrenzten, hinauf. Hier und dort wuchs an den Bächen vortreffliches Gras, das nebst Quellen und brennbaren Sträuchern zum Rasten aufforderte; aber die Tiere waren jetzt so ausgeruht, daß wir unseren Weg fortsetzten. Ein niedriger Kamm wird überschritten; südlich davon erscheint ein neuer See, der keinen sichtbaren Abfluß hat, aber doch süß ist.
Zwischen den Hügeln im Südwesten des Sees grasten 18 Yake, und höher hinauf sah man eine Yakherde von über hundert Tieren, alten und jungen; der Boden erschien von ihnen ganz schwarz punktiert. Während wir sie beobachteten, wurde es sowohl im Westen wie im Osten dunkel, und das Rollen des Donners, das wie das Brüllen des Löwen ein tyrannisches Warnungssignal zum Aufpassen ist, verkündete, daß ein Sturm im Anzuge war. Der Hagelschauer schlug mit überwältigender Macht nieder, die Yake verschwanden im Nebel, und Aldat, der mit der Flinte auf der Schulter nach den Höhen auf der anderen Seite des Tales geeilt war, ebenfalls. Er wurde sich selbst überlassen, während wir längs des Sees weiterzogen und an einem einige Kilometer von seinem Südufer gelegenen Tümpel das Lager aufschlugen.
Gegen 9 Uhr ertönten Rufe durch die Dunkelheit, und ein paar Leute wurden ausgeschickt, um Aldat entgegenzugehen, der ganz müde nach Hause kam und unter der Last eines großen Fleischstückes und eines Yakschwanzes keuchte. Er hatte geglaubt, daß wir am See bleiben würden, und deshalb Pelz und Flinte liegen lassen, um sie später zu holen. Sein Opfer war ein ziemlich großes Yakkalb, das beim ersten Schuß zusammengebrochen war. Die anderen Tiere hatten nicht die Flucht ergriffen, sondern sich nur ein wenig höher auf die Hügel hinaufbegeben. Aldat hätte leicht noch einige schießen können, hatte es aber für unnötig gehalten.