Da der folgende Tag, ein Sonntag, zur Ruhe bestimmt wurde, begab er sich mit Kutschuk nach der Stelle, und beide holten eine ganze Ladung Fleisch, das eine unschätzbare Verstärkung unseres sehr kümmerlichen Proviants war. Tscherdon briet mir ein paar Schnitzel, die nicht schlecht waren; es war aber auch ein junges Tier mit zartem Fleisch.

Am 27. August ritten wir direkt nach Süden. Auch an diesem Abend lagerten wir im Lager Nr. 35 am Ufer eines großen Salzsees, wo es in der Nachbarschaft eine Quelle gab und wo die Weide zu gut war, als daß wir hätten vorbeiziehen können ([Abb. 136], [137], [138]).

Am 28. August wurden wir wieder von einem Labyrinth von Tümpeln, Seebuchten und Wasserläufen aufgehalten. Einer der letzteren war recht bedeutend und hatte eine starke Strömung. Mollah Schah versuchte es, an ein paar Stellen hinüberzukommen, aber das Wasser war zu tief.

Jetzt standen wir von neuem da, von einem unüberschreitbaren Flusse gehemmt, und bereiteten uns gerade vor, an seinem linken Ufer hinaufzuziehen, um weiter aufwärts nach einer Furt zu suchen. Doch über uns lauerte ein anderer, wohlbekannter alter Feind. Obwohl Ostwind wehte, verfinsterte sich der westliche Horizont, und bleischwere Wolkenmassen wälzten sich über das Land wie eine Schlagwelle, die auf ihrem Wege alles zu begraben droht. Das Ganze glich einem riesenhaften Netzzuge oder einem Heere, dessen beide Flügel in gleichmäßigem Takt zum Angriff stürmten. Die Wolken des linken Flügels hatten dunkelrot gefärbte Ränder, die auf dem rechten waren rabenschwarz. Die alleräußersten Vorposten waren in die unglaublichsten, von einem dämonischen Sturm gejagten Gestalten zerrissen. Noch badet sich die Landschaft im Osten in Licht und Sonnenschein. Doch von Westen her schnürte sich das unheimliche Netz immer dichter um uns zu. Wir beschlossen also, schleunigst zu lagern, aber ja nicht zu nahe an dem Ufer dieses Flusses, der vielleicht von den heftigen Niederschlägen anschwellen würde. Wir halfen alle beim Aufrichten des Jurtengestelles und hatten gerade ein paar Filzdecken über die Dachlatten gezogen, als der Sturm über den Teil der Erdoberfläche, auf dem wir uns befanden, hinfuhr und die Hagelschauer an der Erde entlangfegten. Es schmerzt im Gesicht und an den Händen, als sei jedes Hagelkorn aus einem Blasrohr geschossen, und man läuft buchstäblich Spießruten, ehe man unter Dach kommt.

Am anderen Morgen war das Wetter wenig angenehm. Im Norden hatten wir jetzt den letzten Salzsee und im Süden einen neuen See von achtunggebietenden Dimensionen. Von diesem strömt das Wasser, wie auch der von Westen kommende Fluß, nach dem ersteren hin. In seinem Unterlaufe erweitert sich der Fluß zu nicht unbedeutenden Becken. In ein solches ruderten wir aus Unkenntnis der Flußrichtung hinein und gerieten dort in eine Sackgasse. Auf dem innersten Ufer saßen ungefähr 50 Gänse, die vermutlich auf ihrer Winterreise nach Indien hier Rast hielten. Alle flogen langsam und niedrig, außer einer, die auf dem Wasser liegenblieb und untertauchte, als wir an sie heranruderten. Wir verfolgten sie nahezu eine Stunde. Das Untertauchen dauerte immer kürzere Zeit, und als sie nur 10 Meter vom Boote auftauchte, begann ich, sie mit der einzigen vorhandenen Waffe, dem Ruder, zu harpunieren. Mehreremal wurde sie von dem Blatte gestreift und schließlich mit einem gutgezielten Schlage getötet, worauf sie gerupft wurde, um uns eine angenehme Abwechslung im Speisezettel zu bereiten.

Nachher fanden wir die Mündung des Flusses in dem sehr breiten Arme, der vom Süßwassersee in den salzigen geht. Wir bestiegen am anderen Ufer einen Hügel und sahen uns dort beinahe auf allen Seiten von ansehnlichen Wasserflächen umgeben. Gerade nach Osten erstreckte sich die Landenge, auf deren äußerster Zunge wir uns befanden, im Norden dehnte der Salzsee seinen großen Wasserspiegel aus, und im Süden lag der neuentdeckte süße See. Die Mittelpartie dieser Landenge bestand aus einer kleineren Bergkette, an deren Südfuß es gute Weide und reichlich Wildbret zu geben schien. Ehe wir noch in dunkler Nacht nach dem Lager zurückkehrten, hatte ich schon den Plan zu einer besonderen Exkursion um diesen neuen See gefaßt.

Dreißigstes Kapitel.
Über stürmische Seen und himmelhohe Berge.

Das Lager Nr. 36 am Flusse wurde jetzt zur Operationsbasis gewählt. Hier sollten Turdu Bai, Aldat und Nias mit allen Kamelen und vier müden Pferden zurückbleiben. Mich sollten Tscherdon, Mollah Schah und Kutschuk begleiten, und die Karawane aus dem Maulesel, sieben Pferden und den Hunden bestehen. Wir hatten Proviant für eine Woche und nahmen nur absolut notwendige Sachen, Filzdecken und Pelze mit. Meine Instrumente wurden in das Futteral des großen photographischen Apparates gepackt; in diesem von Seen überschwemmten Hochlande war auch das Boot unentbehrlich. Nur die Hälfte meiner Jurte wurde mitgenommen, d. h. die Holzgitter, die den unteren Teil ihres Gerüstes bilden. Das Gepäck war also leicht; es wurde zu Boot nach dem gegenüberliegenden Ufer gebracht. Die Pferde durchwateten den Fluß.

Darauf wurde die Karawane beladen, und wir setzten uns in Marsch. Doch wir waren noch nicht weit gelangt, als uns der Sund zwischen den Seen Halt gebot; wir mußten wieder alles abpacken, das Gepäck hinüberrudern und die Pferde über den Sund schwimmen lassen. Endlich standen wir jedoch auf der Spitze der Enge und konnten im Ernst darauf losgehen, indem wir dem Nordufer des Süßwassersees folgten. Bald erreichten wir jedoch einen Teil desselben, wo die Berge steil ins Wasser abfielen, ja sogar überhingen, so daß wir zu einem Umweg über den Kamm gezwungen wurden. Dort hatten wir sowohl links wie rechts weitgedehnte Wasserflächen.

An einem kleinen Bache wurde unsere sehr provisorische Jurte aufgeschlagen. Auf den Abhängen weidete 300 Schritt von uns entfernt eine Herde von elf großen schwarzen Yaken, die nicht die geringste Miene zur Flucht machten. Man konnte sich versucht fühlen zu glauben, daß sich Nomaden in der Gegend aufhielten und zahme Yake bei sich hätten. Doch als unsere Pferde auf die Weide geschickt wurden und allmählich nach den besseren Weideplätzen hinaufgingen, blähten die Yake ihre Nüstern auf, spähten aufmerksam nach unserer Richtung hin und bewegten sich dann in langsamem Trab über den Kamm nach dem Salzsee.