Sie müssen großes Vertrauen zu der Wahrheit ihrer Religion besitzen, da sie das Opfer eines ganzen Jahres voller Strapazen, Entbehrungen und Kosten bringen, um nur die heilige Stadt zu sehen und an den dortigen Tempelfesten und Prozessionen teilzunehmen. Sie richten es stets so ein, daß ein Pilger, der schon in Lhasa gewesen ist, mitkommt, und von Zaidam nehmen sie Führer, die alle geeigneten Lagerplätze kennen. Vier Monate sind sie unterwegs und richten sich ihr Karawanenleben so angenehm wie möglich ein. Während des Marsches sammeln sie „Argussun“ (Argol oder Yakdung) zum Brennen und sitzen abends um ihre Feuer, bereiten sich Tee und essen Tsamba, das tibetische Nationalgericht. Mit gespannter Erwartung nähern sie sich dem Ziele ihrer Träume, sehen eine Bergkette nach der anderen hinter sich verschwinden und empfinden ohne Zweifel, wenn hinter der letzten Höhe endlich Lhasas weiße Tempelfassaden glänzen, dieselbe heilige Ehrfurcht, die den Mekkapilger ergreift, wenn er zum ersten Male in seinem Leben vom Berge Arafat seine heilige Stadt erblickt.
Es war ein seltsames Gefühl, diese Pilger in der Nähe zu wissen und in den Spuren zu ziehen, die nach Lhasa führten. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, mich ihnen anzuschließen, nur Schagdur mitzunehmen und als Burjate verkleidet mit ihnen zu ziehen. Aber nein, es ließ sich nicht ausführen; ich hatte für den Winter andere Pläne und durfte mein Programm nicht ändern.
Wir folgten den wie helle Kreise in den Sand gedrückten Spuren der mongolischen Kamele. Im Norden unseres Weges zieht sich die Astin-tag-Kette so weit nach Osten und Westen hin, wie das Auge reicht. Gegen Abend nahm die Luft einen hellblauen Farbenton an, war aber im Zenit glänzend weiß, — wahrscheinlich brachen sich die Mondstrahlen in seinen Eisnadeln; die Berge leuchteten in rosa Schattierungen, alles zeigte sich in schwachen, winterkalten Tönen; auch wenn man von lauter Wärme umgeben wäre, würde man sehen, wie diese Landschaft unter der vernichtenden Macht der Kälte erstarrt ist.
Wir wandern in dem Tale nach Osten und gelangen an den am Nordfuße des Akato-tag gelegenen Salzsee Usun-schor. Hier entspringen mehrere Süßwasserquellen, und nur da, wo sich ihre Rinnsale in den See ergießen, liegt Eis. Sonst ist das mit Salz gesättigte Wasser offen, obwohl es eine Temperatur von −7,9 Grad hat.
Es war schön, am Abend des 5. Dezember wieder daheim zu sein und im Lager alles gut und ruhig vorzufinden. Die Quellen von Temirlik waren jetzt von mächtigen Eisblöcken und Eiskuppeln umgeben. Togdasin hatte sichtlich einen ernstlichen Stoß bekommen, denn sein Zustand hatte sich nicht gebessert. Er wohnte in einer Grotte neben mir, und ich nahm mich in den Tagen, die ich jetzt im Hauptquartier zubrachte, seiner sehr an. Als das Hauptquartier Ende Dezember nach Tscharchlik verlegt wurde, kam er mit, und ich sah ihn dann erst im April des folgenden Jahres wieder. Er war ein Krüppel geworden; die Füße waren ihm buchstäblich Stück für Stück abgefallen, aber er war heiter und zufrieden, und ich gab ihm soviel ich konnte für seinen Lebensunterhalt.
In betreff der mongolischen Karawane erzählte Schagdur, daß sie einen Tag in Temirlik gerastet und aus 75 Männern, lauter Lamas, und zwei Weibern bestanden habe. Einer dieser Priester hatte einen besonders hohen vornehmen Rang, und ihm wurde von den anderen die größte Ehrfurcht erzeigt. Ungefähr 25 von den übrigen waren so arm, daß sie zu Fuß gingen und nur unter der Bedingung mitkommen durften, daß sie ihren wohlhabenderen Kameraden dienten. Letztere hatten eine Reisekasse von 10 Jamben pro Mann und außerdem noch eine Kasse von 120 Jamben, die für den Dalai-Lama bestimmt waren, weil sie für alle Feste und Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen, bezahlen müssen. Dies ist der Peterspfennig, von dem der Papst in Lhasa lebt.
Die Schar war gut bewaffnet und besaß 30 mongolische Flinten, 2 Berdan- und 1 Winchestergewehr; sie waren also auf die Abwehr tangutischer Räuberanfälle vorbereitet. Schagdur hatte einige von ihnen aufgefordert, mit ihm auf die Kulanjagd zu gehen, sie hatten aber erwidert, daß jegliches Blutvergießen verboten sei, weil es die Wallfahrt besudeln würde.
Der Mann, der zurückgeblieben war und den wir gesehen hatten, war ein Lama, der zehn Jahre in Lhasa gelebt hatte und jetzt noch drei dort bleiben sollte. Ich fragte mich, ob er Schagdur wohl wiedererkennen würde, wenn es uns später noch gelingen sollte, in die heilige Stadt zu gelangen.
Die Karawane zählte 120 Kamele und 40 Pferde. Außerdem hatten sie 7 Paradepferde bei sich, die mit der größten Sorgfalt gepflegt wurden und als Geschenk für den Dalai-Lama bestimmt waren. Der Proviant bestand aus gehacktem Fleisch in kleinen gedörrten, gefrorenen Stücken, geröstetem Weizenmehl und Tee.
Mit der größten Neugierde hatten sich die Pilger unser Lager angesehen und die Veranlassung meines Besuches zu erforschen versucht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie bei der Ankunft in Lhasa ihre in dieser Beziehung gemachten Entdeckungen den betreffenden Behörden meldeten und daß dies eine der Ursachen war, weshalb die Grenze gegen Norden mit so großer Aufmerksamkeit bewacht wurde. Ich erhielt später eine Bestätigung für diesen Verdacht.