Die Maulesel gehen sicherer als die Pferde; daher mußte einer von ihnen meine Instrumentenkiste tragen. Endlich erreichen wir den Paß und haben von seinem scharfen Kamme eine großartige Aussicht. Mit einem Blick beherrscht man alle diese mächtigen, mit blendenden Schneepanzern bekleideten Bergäste, und im Westen breitet sich ein unentwirrbares Durcheinander von Felsen aus. Das Tal, das uns nach dem Passe hinaufgeführt hat, liegt wie eine schattige, jäh abfallende Rinne unter unseren Füßen, und wir erstaunen, daß es möglich gewesen ist, in ihm hier heraufzuklimmen. Im Norden erhebt sich der gewaltige schneebedeckte Gebirgsstock Illwe-tschimen mit seinen vielen bizarren Gipfeln, die wir von früheren Exkursionen her kannten.
Nach der üblichen Rast zu Beobachtungen sehnte ich mich nur nach dichteren Luftschichten und Schutz gegen den Wind. Jetzt folgen wir einem imposanten Tale, das auf beiden Seiten mehrere Nebentäler empfängt. Ihre Mündungen gleichen gigantischen Toren zwischen lotrechten Felswänden. Wenn man in die Tore hineinsieht, erblickt man im Hintergrunde die wunderlichsten Berggestalten, wo der Schnee auf allen Vorsprüngen in Friesen und Mustern liegt; in dem gedämpften Purpur der Abendsonne gleichen sie Galerien und Dekorationen in einem tibetischen Tempel.
Sobald die Pferde im Lager von ihren Lasten befreit worden waren, ergriffen sie die Flucht, wurden aber nach einer Weile wieder eingefangen und angebunden. Weide gab es nämlich in dieser Gegend (4057 Meter) nicht. Der Wind weht noch immer, und die Glut des Kohlenbeckens reicht nicht aus, um die Tinte in meiner Feder flüssig zu halten. Ich habe −12 Grad in der Jurte. Durch die unvermeidliche Zugluft von allen Seiten brennt mein Licht in drei Stunden herunter und ist von dicken Stearinstalaktiten umgeben. Tscherdon schoß einen Yakstier, und ich bedauerte Turdu Bai, Tokta Ahun und Chodai Värdi, die den Yak um 9 Uhr abends bei grimmiger Kälte zerlegen sollten. Solange das Fleisch warm war, konnten sie sich daran die Hände wärmen, aber gegen Mitternacht kehrten sie in das Lager zurück mit einem Bündel steinhartgefrorener Fleischstücke, die unter den Beilhieben wie Glas zersprangen.
Beim nächsten Lagerplatze fanden wir in den harten, gefrorenen Büscheln der Hochlandsteppe gutes Brennmaterial, und der Schnee schenkte uns Wasser. Am folgenden Morgen vergoldete die Sonne die Gipfel des Illwe-tschimen, während wir noch im Schatten lagen; es wehte nicht, wir sehnten uns in den Sonnenschein hinaus und waren bald im Gange. Von dem obenerwähnten Gebirgsstock geht ein Tal aus, dessen Gehänge außergewöhnlich gute Weide tragen. Daher blieben wir hier nach einem kurzen Tagemarsch, und ich war gerade dabei, das Stativ des Theodoliten aufzustellen, als der Weststurm kam und jeder Arbeit im Freien ein Ende machte. Er riß das Zelt der Leute um; es flog fort und landete auf dem Eise des Talgrundes.
Längs des zunächststehenden Berges sahen wir einen Mann auf einem Kamel reiten. Ich glaubte, es möchte ein Bote an mich sein, und schickte daher Tokta Ahun aus, um Erkundigungen einzuziehen. Der Mann war, wie sich herausstellte, ein Mongole und gehörte zu einer Pilgergesellschaft aus Kara-schahr, die auf dem Wege nach Lhasa war. Die anderen waren am Morgen hier vorbeigekommen, er aber war zurückgeblieben, weil sein Kamel nicht so schnell hatte laufen können.
166. Islam Bai und Kutschuk stoßen vom Lande ab. ([S. 389.])
Im Hintergrund die kleine isolierte Bergpartie am Nordwestufer des Ajag-kum-köll.
167. Das nach dem Passe Gopur-alik hinaufführende Tal. ([S. 391.])
Mongolische Pilger begeben sich jährlich aus den russischen und chinesischen Vasallenländern im Norden über Temirlik, Ghas und Zaidam nach der heiligen Stadt. Sie wandern stets im Spätherbst oder Winter dorthin und kehren im nächsten Jahre um dieselbe Zeit wieder zurück. Während der warmen Jahreszeit gehen sie nie über Abdall, weil die Bremsen ihnen die Kamele ruinieren würden. Auf der Rückreise sind sie stets übel daran, weil ihnen von ihren Tieren nur noch wenige geblieben sind, und die meisten Männer gehen zu Fuß. In Abdall pflegen sie zu versuchen, ihre erschöpften Kamele gegen Pferde zu vertauschen, um dadurch instand gesetzt zu werden, ihre noch weit entfernte Heimat zu erreichen. Ein schwächliches Kamel hat gleichen Wert mit einem Pferd, drei schlechte Kamele mit einem gesunden, ein ganz abgetriebenes mit einem Esel. Ihren Proviant verwahren die Pilger in Säcken und Kisten, und auf der Rückreise kaufen sie in Abdall neue Vorräte. Wenn sie auf der Hinreise in das Land der Zaidammongolen gelangen, lassen sie alle Kamele bei ihren Stammverwandten zurück und reisen auf gemieteten Pferden weiter. In Zaidam haben viele Mongolen hierdurch ein bedeutendes Einkommen.