Pechschwarz senkte sich diese Nacht auf unser Lager herab; der Himmel war mit dichten, undurchdringlichen Wolken bedeckt, kein Unterschied machte sich zwischen Land, Wasser und Atmosphäre bemerkbar; unser kleines Gemeinwesen verschwand in einem unergründlichen, kohlschwarzen Raume. Öffne ich den Vorhang vor der Tür der Jurte, so fällt eine schwache Lichtstraße über den Boden, im übrigen ist das vor der Jurte der Leute brennende Feuer das einzige, woran das Auge einen Anhaltspunkt findet. Das Innere meiner Wohnung ist gemütlich möbliert, der Fußboden da, wo meine Kisten stehen, mit einem Chotaner Teppich bedeckt, mein Bett auf der Erde ausgebreitet, und auf ihm sitze ich mit gekreuzten Beinen, meine Aufzeichnungen machend oder an meinen Kartenblättern zeichnend. Tscherdon bringt von Zeit zu Zeit ein Kohlenbecken herein, ohne welches man bei 20 Grad Kälte schwer arbeiten könnte.

Wenn ich jetzt, nachdem Jahre vergangen sind und ich wieder von allem, was mir am liebsten ist, umgeben bin, zurückdenke an diese langen kalten, stillen Winterabende in Tibet, wundere ich mich beinahe, daß mir in dieser tödlichen Einsamkeit, die Tage und Jahre hindurch immer gleich einsam blieb, die Zeit nie lang geworden ist. Doch das beständig unerschöpfliche Arbeitsfeld hielt mich aufrecht; ich hatte stets treue, zuverlässige Diener, und für jeden Tag des Jahres hatte ich ein kleines Buch mit Bibelsprüchen, das, wie ich wußte, auch täglich in meinem Elternhause gelesen wurde.

Wie eine schwere Last lag es mir freilich auf dem Herzen, wieder einen Kranken im Lager zu haben, und Togdasins kurze Gebetrufe an den Gott der Muhammedaner, „Ja Allah, Ej Chodaim“, ließen mir keine Ruhe. Nicht einmal Kiplings herrliche Lieder in „The seven seas“ konnten meine Gedanken ablenken, als ich diesen Abend zur Ruhe ging.

Die Rückreise nach Temirlik, die am 22. November angetreten wurde, nahm 12 Tage in Anspruch und führte uns über die Bergketten Kalta-alagan und Tschimen-tag und zweimal über den Akato-tag.

Der erste Tagemarsch wurde fürchterlich. Wir gingen nach Westen und hatten den Wind, einen halben Sturm mit −2 Grad um 1 Uhr und −10 Grad um 2 Uhr, gerade entgegen; selten habe ich mich so gelähmt und erschöpft gefühlt. Es erfordert Geduld, der Karawane zu folgen und sich die Hände abwechselnd vor Kälte erstarren zu lassen. Die über Nacht auf dem Ajag-kum-köll entstandene dünne Eisdecke wurde vom Sturme zersplittert und nach Osten getrieben; der See sah unheimlich, kalt und dunkelblau und vom Wellenschaume weißgestreift aus. In solchem Wetter mit unserem kleinen Boote unterwegs zu sein, wäre wohl der sichere Untergang gewesen. Der ganze östliche Teil des Sees ist nämlich nur einen oder ein paar Dezimeter tief, das Boot wäre gegen den hier etwas festeren Eisrand geworfen und zerschnitten worden, und der Seeboden besteht aus Schlamm, in welchem man rettungslos versinkt. Die Kosaken hatten auf ihrem Jagdausfluge die Mündung des Flusses zu überschreiten versucht, aber das erste Pferd war bis an den Hals in den Schlamm gesunken und hatte nur mit großer Mühe noch gerettet werden können.

Der Tschimen-tag zeichnete sich auch an dem Punkte, wo wir jetzt diese Kette überschritten, durch eine höchst sonderbare Architektur aus. Das Tal, aus welchem man nach dem Passe hinaufgeht, liegt selbst so hoch, daß man die Paßschwelle kaum gewahrt. Auf der nördlichen Seite ist das Gefälle aber um so steiler. Hier stürzt sich ein zwischen nackten Wänden und Vorsprüngen eingeklemmter Hohlweg wie eine Treppe über Felsenschwellen und Gesteinplatten jäh nach dem Tale hinunter. Wir hatten einen langen Marsch gemacht; die Karawane ging voraus, und ich erreichte den Anfang dieses Korridors erst bei Einbruch der Dunkelheit. Islam erwartete mich mit einer Laterne, aber mein Pferd wäre trotzdem beinahe gestürzt, da es von einer Treppenstufe auf die andere springen mußte. Tief unter uns im Tale bei dem sandumgürteten und zu gewaltigen Eisblöcken gefrorenen Wasser der Quellen von Kum-bulak leuchtete das Lagerfeuer, und nach vielen Mühen erreichte ich meine Jurte, die auf einem steil in die Tiefe abstürzenden Felsenabsatze aufgeschlagen war. Erst am Morgen, als wir reisefertig waren, merkte ich, wie gefährlich diese Lage gewesen war. Die Jurte stand gerade in der Mündung eines Abzugskanales für alle Blöcke, die von den oberhalb zunächst stehenden Felswänden abstürzten. Dann und wann ertönte in der Nacht das Echo eines Blocksturzes, aber meine Jurte war doch verschont geblieben.

Der Zug weiter durch das Tal hinunter war nicht leicht. An ein paar Stellen, wo der Granit mehrere Meter hohe Stufen in der Rinne selbst bildete, mußten alle Tiere abgeladen und dann vorsichtig an den Platten hinuntergelassen werden. Einmal überschritten wir eine gewaltige Eistafel, die den Talgrund wie gegossenes Porzellan ausfüllte und sich allen Spalten und Ritzen anschmiegte. Ihre glatte Oberfläche mußte erst mit Sand bestreut werden, damit die Pferde nicht fielen. Es war wirklich schön, diesen von Blöcken und Schutt angefüllten Hohlweg hinter sich zu haben und wieder in das Tschimental zu gelangen, wo wir an der Stelle lagerten, an der wir vor einem Monat mit der Hilfskarawane zusammengetroffen waren.

Von hier aus wurde Kutschuk mit dem sich jetzt etwas besser befindenden Togdasin und dem Boote nach Hause geschickt, während wir anderen nach Norden weiterzogen, um über den Akato-tag zu gehen.

Die Nacht auf den 28. November war mit ihren −24,6 Grad die kälteste, die wir bisher in diesem Winter gehabt hatten.

Ein düsteres, steiles Granittal führt nach dem 4926 Meter hohen Passe Gopur-alik im Akato hinauf ([Abb. 167]). Mit einem Male konnten wir nicht hinauf gelangen, sondern lagerten in dem Tale zwischen Massen von Felsblöcken, wo es weder Wasser noch Feuerungsmaterial und auch kein Gras gab. Am folgenden Morgen strengten wir uns weiter mit dem Erklimmen der Abstürze an. Die Pferde atmen so schnell und mühsam, daß man erwartet, ihre Lungen würden zerspringen; sie bekommen keine Luft und müssen unaufhörlich ausruhen, um nicht zusammenzubrechen. Der Paß ist scharf wie eine Klinge und fällt nach beiden Seiten jäh ab. Alle gehen zu Fuß; ich lasse mich hinaufbugsieren, indem ich mich am Schwanze meines Pferdes halte. Lasten gleiten ab, und Pferde fallen. Hier heißt es aufpassen und zugreifen, sonst könnten sie in das abschüssige Tal Hunderte von Metern tief hinabrollen und zu Brei zerschmettert werden. Der Westwind heult so regelmäßig wie ein Passatwind, und es ist bei −15 Grad recht fühlbar kalt.