Als der Vorrat hinreichend groß war, ließen wir uns mit umgehängten Pelzen am Lagerfeuer nieder, stellten die kupferne Kanne mit Wasser auf die Glut und bereiteten uns ein hochfeines Abendessen, das für mich aus Ochsenschwanzsuppe, Käse, Brot und Kaffee bestand, während sich Tokta Ahun an einer Hammelkeule gütlich tat und Tee dazu trank. Dann blieben wir noch gemütlich sitzen, qualmten mit unseren Pfeifen und schmiedeten großartige Pläne für die beschlossene Winterreise durch die Wüste Gobi nach den Kara-koschun-Sümpfen, die Tokta Ahun so genau kannte wie seine Tasche.
Der Wind flaute ab, der Himmel klärte sich auf und kündigte eine kalte Nacht an. Um 9 Uhr hatten wir −14 Grad, die Feuerung war zu Ende, und es war Zeit, sich schlafen zu legen. Mein ehrlicher Ruderer hörte meinen Vorschlag, die beiden Boothälften als Zelte zu benutzen, mit skeptischer Miene an; er mußte aber bald eingestehen, daß es eine außerordentlich schlaue Idee war. Wir rollten uns wie Knäuel unter der Bootschale zusammen und sahen mit einem gewissen Beben einer eiskalten Nacht entgegen. Ich schlief auch nur einige Stunden. Dann jagte mich die starke Kälte von −22,1 Grad auf, und ich weckte meinen Reisekameraden, der mir aus diesem nicht für helle Sommerträume geschaffenen Neste heraushalf.
Wir waren halb erfroren, als wir aus unseren dünnen Schalen krochen. In den Füßen hatte ich das Gefühl verloren, obwohl sie in vier Paar Strümpfen und gewaltigen, von Ali Ahun angefertigten, mit Lammfell gefütterten Stiefeln steckten. Unsere erste Sorge war daher, Material zu einem ordentlichen Feuer zu sammeln, und an diesem mußte ich mich ausziehen, um das Blut durch Reiben wieder in Umlauf zu bringen. Doch die Nachtkälte liegt einem noch den ganzen Tag in den Knochen, bis man wieder in seine gewöhnlichen, relativ bequemen Verhältnisse gelangt.
Bei 19 Grad Kälte stießen wir das Boot vom Lande ab und ruderten im herrlichsten Wetter über den See in der Richtung der Gegend, wo die Karawane, unserer Meinung nach, angelangt sein und uns erwarten mußte. Die Maximaltiefe betrug hier 24 Meter.
Schon weit draußen vom See aus glaubten wir, auf der rechten Spur zu sein, und vermeinten, Zelt und Jurte und Pferde zu sehen. Als wir uns aber genügend genähert hatten, um die Gegenstände mit dem Fernglase deutlich erkennen zu können, verwandelten sich jene beiden in zwei kleine Hügel, diese aber in eine Kulanherde. Wir landeten jedoch, um zu konstatieren, daß die Karawane hier vorbei und nach Westen weitergezogen war. Zwei Bären waren kürzlich nach Osten getrabt, um die Murmeltiere in ihrem tiefen Winterschlafe zu stören.
Es blieb uns also nichts weiter übrig, als am Ufer entlangzurudern, um die Unseren aufzuspüren. Ganz hinten im Westen zeigte sich unter der sinkenden Sonne eine Rauchwolke, wir konnten aber nicht entscheiden, ob sie von einem Feuer herrührte oder aus von fliehenden Kulanen aufgewirbeltem Staube bestand. Ein stumpfer Vorsprung nach dem anderen wurde in der Dämmerung umschifft, und Tokta Ahun schob jetzt das Boot in seichtem Wasser mit dem Ruder längs des Ufers weiter. Ich saß ganz steif gefroren in der vorderen Hälfte des Bootes, der Ruderer aber hielt sich warm und sang ein schwermütiges Lied aus den Hütten von Abdall. Schließlich drang ein Feuerschein durch das Dunkel, aber diese nächtlichen Feuer sind, so belebend sie auch anfangs wirken, meistens trügerisch. Nachdem wir drei Stunden auf den Schein zugerudert waren, verschwand er wieder. Wir setzten jedoch unseren Weg fort und stießen von Zeit zu Zeit gellende Rufe aus, die endlich durch Hundegebell beantwortet wurden. Da loderte das Feuer in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf, und ein Fackelträger nahm uns am Ufer in Empfang.
Togdasin, den wir gleich Aldat im Gebirge gefunden hatten, schien zu demselben Schicksale verurteilt zu sein wie dieser. Die Krankheit nahm sichtlich eine Wendung zum Schlechten. Der Mann lag, wie die Muselmänner zu tun pflegen, wenn sie sich schlecht befinden, auf den Knien mit vornübergebeugtem Leibe und auf die Erde gelegtem Kopfe; er konnte sich nicht überwinden zu essen, wollte aber unaufhörlich kaltes Wasser haben und phantasierte und stöhnte bei jedem Atemzuge.
Tokta Ahun teilte mir mit, daß diese Krankheit, die wohl eine außerordentlich bösartige Form von Bergkrankheit ist, unter den Jägern und Goldgräbern in diesen Gebirgen ziemlich häufig auftrete. Sie heißt bei den Muselmännern einfach Tutekk (Atemnot, Bergkrankheit), oder sie sagen auch „Is allup getti“ (hat die Bergkrankheit bekommen), gleichviel, ob von einem Mann, Pferd oder Kamel die Rede ist. Ist man früher einmal schwer krank gewesen, so hat man wenig Aussicht auf Genesung. Der von dem Übel Befallene hat anfangs das Verlangen, sich nach dem Tieflande hinunterzuflüchten, wohin er jedoch nie wieder gelangt, wenn er nicht im Gebirge selbst wieder gesund wird. Zwei Goldgräber waren diesen Sommer auf dem Wege nach ihrer Heimat bei Temirlik daran gestorben. Doch wenn die Krankheit schon Fortschritte gemacht hat, soll der Unglückliche seinen Zustand nicht mehr beurteilen können; er weiß nichts davon, daß er krank ist, und kann über sein Befinden keine Auskunft geben. Die Symptome bestehen in Anschwellen des Körpers, Schwarzwerden der Beine, gänzlichem Verschwinden des Schlafs und des Appetits, Schmerzen in Kopf und Herzen, dazu Durst, geschwächte Herztätigkeit und abnehmende Körpertemperatur. Nach Tokta Ahuns Erfahrung sollte Tabakrauchen das beste Mittel dagegen sein; deshalb sah man ihn beständig mit der Pfeife im Munde. Ich selbst habe die Bergkrankheit nicht kennen gelernt, nicht einmal in 5500 Meter Höhe. Die Hauptsache ist, sich nicht zu überanstrengen.
Wieder beschlich uns das Gefühl, den kalten, grausamen Tod in unserer Gesellschaft zu haben, als folge er, auf sein schon auserkorenes Opfer lauernd, mit der Sanduhr in der Hand der Karawane treu über alle Pässe und Ebenen. Am schlimmsten ist, daß man sich völlig machtlos fühlt, dem Kranken zu helfen, und sehen muß, daß die Behandlung, die man ihm zuteil werden lassen kann, erfolglos bleibt.
Sowohl für den Kranken wie für die Seefahrer war ein Ruhetag notwendig. Islam Bai erhielt diesen Tag eine Aufgabe zu lösen. Er sollte mit Kutschuk über den See rudern und eine Lotungsreihe ausführen, deren ich zur Vervollständigung der Seekarte bedurfte ([Abb. 166]). Das Kniffliche dabei war nur, daß Islam nicht schreiben konnte; er mußte daher mechanisch wie ein selbstregistrierender Apparat arbeiten. Die Uhr konnte er immerhin ablesen und verstand auch, alle fünfzehn Minuten die Lotungen anzustellen. Beim ersten Punkte knüpfte er einen Bindfaden mit einem Knoten um die Lotleine, beim zweiten Punkte einen mit zwei Knoten usw. Nachher wurden diese Abstände von mir mit dem Bandmaße gemessen. Die gemessene Linie konnte ich selbst vom Ufer aus feststellen, und die Durchschnittsgeschwindigkeit des Bootes war bekannt.