164. Turdu Bai und Kutschuk mit dem zusammengelegten Faltboot. ([S. 384.])

165. Der Verfasser im Faltboot auf dem Ajag-kum-köll. ([S. 384.])

Am Morgen des 18. November wurde das Boot ([Abb. 164]) zu einer Fahrt über die salzigen Tiefen des Ajag-kum-köll instand gesetzt ([Abb. 165]). Es wurde von Tokta Ahun gerudert und trug eine bedeutende Last, denn wir nahmen außer Segeln, Rudern, Rettungsbojen, Tiefenlotungsapparaten und Instrumenten auch Proviant für zwei Tage, nämlich Fleisch, Konserven, Brot und Kaffee, ferner Geschirr zum Bereiten der Speisen, eine Tschugun (Kupferkanne) mit Wasser und einen kleinen Beutel mit Eisstücken mit. Schließlich versahen wir uns auch mit Pelzen und Filzdecken; so war der Raum in dem kleinen Fahrzeug überall besetzt. Ich peilte ein für allemal ein kleines vorspringendes Vorgebirge im Südwesten ein, auf das wir in gerader Linie zusteuerten. Das Wetter war herrlich, der See lag ruhig und still, und nur eine kaum merkbare Dünung bewegte seine Fläche.

Einmal in der Viertelstunde maß ich die Geschwindigkeit und lotete die Tiefe, die nach der Mitte des Sees, wo sie 19,63 Meter betrug, zunimmt. Unweit des Nordufers stießen wir auf ein dünnes, loses Eisfeld, das mit Leichtigkeit forciert wurde. Diese Eisscheiben, die nur 1 Zentimeter dick waren, glänzten so intensiv im Sonnenschein, daß ihr Anblick ohne Schneebrille nicht zu ertragen war. Wahrscheinlich breitet sich vom Flusse eine Süßwasserschicht über den salzigen See aus, und diese ist es, die gefriert.

Das Arbeiten mit der Lotleine, die jedesmal, wenn sie heraufgeholt wurde, gefror und so steif wie Holz wurde, war ein ziemlich frostiges Vergnügen, und ich konnte mir zwischen den verschiedenen Lotungen kaum die Hände wieder warm reiben.

Die Stunden enteilten, ohne daß wir uns dem Vorgebirge merklich näherten. Aber wir kreuzten den See ja auch in der Diagonale. Am Nachmittag erhoben sich Staubwirbel und Tromben auf dem südlichen Ufer und verschmolzen bald zu einer einzigen graugelben Wolke, die über den Erdboden hinjagte. Das bedeutete nichts Gutes. Hier herrschte sichtlich starker Nordwestwind. Noch eine Weile, und wir hörten ein Brausen im Westen; die ersten Windhauche erreichten uns, den eben noch blanken Wasserspiegel trübte eine leichte Kräuselung, die mit großer Schnelligkeit zu Wellen und Wogen anschwoll, und je weiter wir in den Bereich der Windpeitsche eindrangen, desto höher wurden die Wogen. Wir behielten den Kurs bei, bis das Stampfen des schwerbeladenen Bootes uns zwang, nach Süden und Südosten zu rudern. Das einzige, was wir jetzt zu tun hatten, war, zu versuchen, möglichst schnell das nächste Ufer zu erreichen, denn es war nur zu wahrscheinlich, daß der Wind in einen Sturm ausartete und uns gegen eine unwirtliche Küste schleudern könnte, wo das zerbrechliche Fahrzeug vielleicht zerfetzt würde. Die Dämmerung war schon eingetreten, und es wäre unter allen Verhältnissen mit Gefahr verknüpft gewesen, in der Dunkelheit bei schwerem Seegang zu landen.

Die Karawane hatte Befehl, an demselben Tag 5 Stunden weit am Nordufer entlangzugehen und in dem neuen Lager nachts ein Feuer zu unterhalten, das uns zur Leitung dienen sollte, falls wir die Nachtzeit zur Rückfahrt benutzten. Dieses Feuer ist uns jedoch überhaupt nicht zu Gesicht gekommen, weil die Entfernung zu groß und die Luft voll dicken Staubes war.

Mittlerweile tanzte das Schiffchen auf seiner gefährlichen Straße weiter. Glücklicherweise hatten sich Wind und Wellen über das Eis am südlichen Ufer hergemacht; dieses hätte sonst unser Boot wie mit Messern zerschnitten. Die weiße Linie, die vor uns in der Dunkelheit leuchtete, war die Brandung der schäumenden Wogen am Ufer, das glücklicherweise aus Sand bestand und ziemlich steil nach dem See abfiel. Ehe wir uns dessen versahen, befanden wir uns mitten in der tobenden Brandung. Das Boot wurde von einer Welle auf das Ufer geworfen, aber vom zurücklaufenden Wasser sogleich wieder mitgezogen, dann von neuem emporgeschleudert, so daß seine Holzrahmen knackten und der Segeltuchrumpf sich bis zur Gefahr des Zerplatzens ausbauchte. Doch nun sprang Tokta Ahun ins Wasser, und mit vereinten Kräften zogen wir das Boot an Land, was uns jedoch erst gelang, nachdem ein paar heranstürmende Wellen hineingeschlagen waren und einen Teil unserer Habseligkeiten durchnäßt hatten.

Wir lagerten unmittelbar am Ufer im Schutze eines kleinen Hügels. Hier gab es sehr viele Köuruk-Pflanzen, eine Art kleiner, niedriger holziger Steppengewächse, die ein vortreffliches Feuermaterial abgaben und von denen wir einen gewaltigen Haufen sammelten. Das einzige Zeichen von Leben waren Gänsefedern und Kulanspuren. Von der Landschaft war nichts zu sehen, denn wir waren von undurchdringlicher Nacht umgeben und fanden das Brennmaterial nur mit Hilfe hier und dort angezündeter kleiner Filialfeuer.