Als Teilnehmer waren Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai, Tokta Ahun, Chodai Bärdi und Togdasin, der die betreffende Gegend ganz genau kannte, ausersehen. Kutschuk und Nias begleiteten uns den ersten Tag, um die Pferde führen zu helfen, die, ausgeruht und munter, anfangs ihre Lasten abzuschütteln versuchten. Es waren ihrer 13; wir hatten auch 4 Maulesel, dafür aber keine Kamele. Ich hatte mir selbst das Versprechen gegeben, daß ich es nicht wieder so schlecht haben sollte wie das letztemal, und nahm daher einen reichlichen Vorrat Konserven, sowie den Ofen mit. In Temirlik sollte Schagdur Chef sein und mit den meteorologischen Ablesungen fortfahren. Mein sämtliches zurückbleibendes Gepäck wurde zum Schutze vor Feuersgefahr in einer der Grotten untergebracht, an deren Eingang beständig Wache gehalten werden sollte.

Da das Gebiet, welches wir jetzt erforschten, den Gegenden, die wir im vorigen Sommer gesehen hatten, sehr ähnelte, werde ich mich in der Folge kurz fassen. Sechs Tagemärsche führten uns nach dem Ajag-kum-köll, wohin wir 140 Kilometer hatten. Den ersten Tag durchquerten wir das Tschimental, seinen ebenen, unfruchtbaren Lehmgrund und auf seiner Südseite einen Gürtel von höchstens 15 Meter hohen Dünen und traten darauf wie durch ein Riesenportal von lauter Granitfelsen in den Tschimen-tag ein. Die ganze Zeit über stiegen wir nach Süden aufwärts. Von unserem Lager, wo ich es bald ebenso warm und gemütlich hatte wie in Temirlik, beherrschte man das ganze Tal nach Norden hin bis an den Akato, dessen domförmiges Gebirge sich ohne eine Spur von Schnee auf seinem Kamme gen Himmel erhob.

Als ich nach einer herrlichen Nacht aus meinen Träumen geweckt wurde, konnte ich mich erst gar nicht in die Tatsache hineinversetzen, daß wir uns jetzt wieder auf dem Marsche befanden. Die kurze Ruhezeit war gar zu schnell vergangen. Doch zu Grübeleien haben wir keine Zeit; das Frühstück wird gebracht und verzehrt, dann geht es wieder vorwärts durch eine Gebirgslandschaft von Granit in allen erdenkbaren Abarten. Jetzt führte uns Togdasin nach dem Tschimen-tag über eine Kette von Vorbergen auf einem bequemen Passe, auf dem der Schnee eine zusammenhängende Decke bildete. Die Löcher der Murmeltiere waren zur Hälfte vom Schnee verstopft, in welchem auch keine Spuren von diesen Tieren zu sehen waren. Sie waren schon für den Winter zu Bett gegangen und hatten es gut und warm in ihren Höhlen. Sie tun wohl daran. Nordtibet ist schon im Sommer so unfreundlich, daß man gut tut, es im Winter zu meiden.

Der Hauptpaß, der uns über den Tschimen-tag selbst führte, war sehr bequem und bestand aus weichen, abgerundeten Hügeln ohne anstehendes Gestein. Auf seiner Südseite gelangten wir in dasselbe Längental, das wir im Juli weiter oben im Osten gekreuzt hatten. Unweit des Lagers heißt die Gegend Att-attgan (das erschossene Pferd), weil dort ein Jäger, der längere Zeit Pech gehabt hatte und am Verhungern gewesen war, schließlich sein Pferd hatte erschießen müssen, um Fleisch zu bekommen. Unser Lagerplatz am Flusse heißt Mölle-koigan (der fortgeworfene Sattel), weil er hier seinen Sattel im Stiche gelassen hatte.

Als wir auf der anderen Seite in ein schmales Tal eintraten, das nach dem Kamm der Kalta-alagan-Kette hinaufführte, scheuchten wir eine friedlich an den Abhängen weidende Yakherde auf. Sie ergriff die Flucht und erschreckte ihrerseits eine Kulanherde, die sich höher oben befand. Jetzt wälzten sich die schweren Bataillone lawinengleich in Wolken von Sand und Staub den Berg hinab.

Im Süden des Passes haben wir einen steilen Abstieg in einer mit Granitblöcken und Schutt besäten Talfurche. Nach dem Austritt aus der trompetenförmigen Mündung des Tales schwenkt unser Weg nach Südwesten und Westen ab und begleitet den Fuß der Bergkette ([Abb. 162], [163]), deren Ausläufer und Verzweigungen von Wetter und Wind in launenhafter Weise geformt worden sind. Sie gleichen Tischen, Lehnstühlen, Schalen und Hälsen mit Köpfen, und manchmal hat sich die Kraft des Windes quer durch dünnere Partien durchgefressen.

Der Ajag-kum-köll blitzte am südwestlichen Horizont wie eine riesenhafte Schwertklinge. Da aber der Weg dorthin noch weit war, lagerten wir in der Einöde, wo trinkbares Wasser in 1,42 Meter Tiefe gegraben wurde.

Während des Rasttages, der hier unseren Tieren geschenkt wurde, erhielten Tscherdon, Togdasin, Islam Bai und Turdu Bai die Erlaubnis, auf die Jagd zu gehen. Sie ritten in zwei Partien, aber nur die beiden letztgenannten kamen abends wieder. Wir zerbrachen uns natürlich sehr den Kopf darüber, was den anderen passiert sein könnte, und als der Abend und die Nacht vergingen, ohne daß sie etwas von sich hören ließen, fürchteten wir, daß sie sich verirrt hätten. Erst am nächsten Morgen gegen 10 Uhr kamen sie in traurigem Zustand im Lager an. Eine Archariherde verfolgend, waren sie wilde Täler hinaufgeritten, hatten, als es gar zu steil wurde, ihre Pferde zurückgelassen und waren über Block- und Geröllmassen weiter geklettert. Auf einmal war Togdasin buchstäblich zusammengebrochen und hatte über entsetzliche Kopf- und Herzschmerzen geklagt. Er konnte keinen Schritt mehr gehen und sich, als Tscherdon die Pferde geholt hatte, nicht einmal im Sattel halten. Die Nacht verbrachten sie infolgedessen mitten im ärgsten Geröll, wo sie nicht einmal Wasser zum Trinken hatten. Der Kranke hatte den Kosaken gebeten, allein ins Lager zurückzukehren, da er selbst auf alle Fälle bald sterben werde und es ihm ganz gleichgültig sei, wo dies geschehe.

Beide blieben in der Kälte liegen, und Tscherdon rüttelte von Zeit zu Zeit Leben in seinen Kameraden und hinderte ihn am Erfrieren. Beim ersten Tagesgrauen machten sie sich wieder auf und schleppten sich langsam nach dem Lager hinunter. Togdasin befand sich in höchst bedauernswertem Zustande und mußte auf seinem Pferde festgebunden werden, als wir nach dem Seeufer hinabritten und in einer Gegend lagerten, die nur spärliche Jappkakbüschel und kleine Eisschollen am Ufer aufzuweisen hatte ([Abb. 161]).