Unsere Karawane war wieder zu einer ansehnlichen Reiterschar angewachsen, als wir am 20. Oktober die Richtung nach Nordosten, nach Temirlik, einschlugen. Die bösen Geister des Westwindes hatten sich wieder verschworen, uns noch einmal tüchtig durchzubleuen, bevor wir bei den Fleischtöpfen des Hauptlagers anlangten.
Auf halbem Wege begegnete mir Schagdur; mit militärischer Haltung saß er wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde. Unser Zusammentreffen war freudig, und wir hatten einander viel zu erzählen. Die meteorologischen Ablesungen hatte er vortrefflich besorgt, und die selbstregistrierenden Instrumente waren fehlerlos gegangen. Es dämmerte schon, als wir die Quellen von Temirlik erreichten. Hier kamen mir Faisullah und Kader, der mit auf der Fähre gewesen war, entgegen und zeigten mir unsere sechs ausgeruhten Kamele, die den ganzen Sommer ungestört geweidet hatten. Am rechten Ufer des kleinen Baches, der von den Quellen gebildet wird, stiegen die Funken mehrerer Feuer in die Luft empor; hier stand das neue Hauptquartier wie ein Dörfchen. Dort sah man zwei Zelte und die große mongolische Jurte, eine von Schilf und Zweigen erbaute Hütte, ganze Stapel von Maissäcken und den schwereren Teil der Kamellasten ([Abb. 158]). Ali Ahun, der Schneider, und Jakub, der Postdschigit, begrüßten uns hier, und dazu noch viele Leute, die ich noch nie gesehen hatte und die nur zufällige Gäste waren.
Auf dem linken Ufer steht eine doppelte Lößterrasse. Auf dem unteren Absatz war bereits meine kleine Jurte aufgeschlagen und der angeheizte Ofen hineingesetzt. In die obere Terrasse, die eine lotrechte Wand bildet, haben die Mongolen in alten Zeiten Grotten hineingegraben, die vorzügliche Zimmer abgeben ([Abb. 159]). Eines von ihnen hatte Schagdur schon als eine vortreffliche photographische Dunkelkammer eingerichtet, und sämtliches photographisches Zubehör stand dort bereit zur Benutzung beim Entwickeln der Platten, die während der tibetischen Expedition aufgenommen worden waren.
Damit war diese mühevolle Reise beendet, und wir konnten uns mit gutem Gewissen ein paar Wochen der Ruhe hingeben. Die Reise hatte zu großartigen geographischen Entdeckungen geführt, aber sie hatte auch bedeutende Opfer an Strapazen, Leiden und Leben gekostet. Von den 12 Pferden lebten nur noch 2 und von den 7 Kamelen Los 4. Eines von ihnen erreichte glücklich Temirlik und stand zwei Tage stolz aufrecht in dem gelbgewordenen Grase; am dritten Tage legte es sich hin und starb, ohne die Weide auch nur angerührt zu haben. Und auch ein Menschenleben war verloren gegangen.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Über sechs Pässe.
Nachdem ich in der Jurte an den Quellen von Temirlik ordentlich installiert war, wurde der Tag folgendermaßen eingeteilt: erst schlief ich gründlich aus, dann aß ich mein Frühstück, beschäftigte mich einige Stunden damit, Beobachtungsreihen und Tagebücher ins Reine zu schreiben, um die Abschriften nach Hause schicken zu können, und schrieb Briefe nach Europa; hierauf las ich schwedische Zeitungen in einem von Islam gebauten Lehnstuhle am Ofen, in dem beständig ein gemütliches Feuer knisterte. Wenn es dunkel wurde, wurde die schwarze Grotte erleuchtet, wo ich bis zum späten Abend Platten entwickelte. War ich mit allen diesen Arbeiten fertig, so erhielt ich in der Jurte mein Mittagessen oder Abendessen, wie man es nennen will.
Meine Zeit wurde aber auch von vielen anderen Dingen in Anspruch genommen. Löhne für die vergangene Zeit wurden ausbezahlt. Wir kauften vier vortreffliche Kamele und besaßen jetzt im ganzen 14. Musa aus Osch und der junge Kader wurden entlassen, weil sie sich nach Hause zurücksehnten; der erstere mußte die gewaltige Post mitnehmen, die ich für Kaschgar fertiggemacht hatte. Diese Post war in vieler Beziehung wichtig. Ich hatte einen Überschlag über den Bestand der Reisekasse gemacht und erkannt, daß er nicht ausreichte. Ich schrieb daher an meinen Vater und an den schwedischen Gesandten in Petersburg und bat, daß eine größere Summe in russischem Papiergeld an Generalkonsul Petrowskij geschickt werden möchte, der letzteres dann in chinesisches Silbergeld einwechseln und mir im nächsten Sommer nach Tscharchlik schicken sollte. An Oberst Saizeff schrieb ich und bat ihn, mir eine neue Sendung Konserven nach Osch zu schicken.
Vom 25. Oktober bis zum 4. November machten die Kosaken einen Jagdausflug nach dem Kum-köll; sie wurden von Tokta Ahun, Mollah und Togdasin begleitet und sollten ein paar Aufgaben lösen. Da ich selbst nicht Zeit hatte, den Tschimen-tag und den Kalta-alagan auch von dieser Gegend aus zu überschreiten, erhielt Schagdur den Auftrag, eine Kartenskizze von dem Wege, den sie zurücklegten, zu zeichnen, auf dem ganzen Zuge meteorologische Beobachtungen auszuführen und namentlich die Höhe der Pässe zu bestimmen. Er löste diese Aufgabe tadellos, und seine Karte stimmte vorzüglich, wie sich bei der später von mir ausgeführten Kontrollrechnung herausstellte. Jedenfalls füllte Schagdur durch diese von ihm gemachte Arbeit eine wichtige Lücke in meinen eigenen Aufnahmen aus. Als die Kosaken wiederkamen, brachten sie obendrein noch eine ganze Herde erlegten Hochwildes mit ([Abb. 160]). Aber kalt und unfreundlich war es in den Bergen gewesen, die jetzt vom Scheitel bis zur Sohle kreideweiß glänzten.
Unser Lager bot denselben lebhaften Anblick dar wie früher Tura-sallgan-ui am Tarim. Alle Goldgräber und Jäger, die von Bokalik zurückkehrten, statteten uns natürlich einen Besuch ab, und aus den Tiefländern kamen Leute, welche Dienst suchten. Doch auf meiner Terrasse hatte ich Ruhe und Frieden und Aussicht auf das Lager jenseits des Baches, über den eine kleine Brücke führte. Nur Hunderte von Raben störten mich mit ihrem heiseren Krächzen und mußten jedesmal, wenn eine astronomische Beobachtungsreihe vorgenommen werden sollte, durch einige Flintenschüsse erst verscheucht werden.
Am 11. November waren wir wieder zum Aufbruch bereit. Es war mein Wunsch, ein vorher nie besuchtes Gebiet des Tschimen-tag und des Akato-tag zu erforschen, eine Karte davon aufzunehmen und so eine große Lücke in meiner Karte von Nordtibet auszufüllen. Ein Vergnügen war es nicht, diese neue Exkursion, die mindestens einen Monat in Anspruch nehmen würde, im bitterkalten Winter anzutreten; lieber wäre ich nach den östlichen Wüsten gegangen, wohin ich mich sehr sehnte, aber auch diese Arbeit mußte ausgeführt werden.