Am Morgen des 15. Oktober fanden die Männer eine nur ein paar hundert Meter entfernte Süßwasserquelle, und da das Lager in jeglicher Hinsicht vortrefflich war, beschlossen wir, hier den Gang der Ereignisse abzuwarten. Mollah Schah, der auf Kundschaft ausgewesen war, erklärte, das gestrige trügerische Feuer sei von Jägern angezündet worden, die jetzt mit ihren gesammelten Fellen nach Tschertschen zurückkehrten und uns augenscheinlich absichtlich auswichen, weil sie nicht wissen konnten, was für Leute wir sein würden. Wir waren also wieder auf uns selbst angewiesen und wußten nicht, was wir von der Hilfsexpedition und der Zuverlässigkeit des Kuriers Togdasin denken sollten. Tscherdon hatte von ihm etwas Pulver und Blei erhalten und war den ganzen Morgen fort, um uns eine Antilope zu verschaffen. Den Tieren ist jedoch in dieser von Jägern oft besuchten Gegend schwer beizukommen.

Um 2 Uhr kam er mit leeren Händen wieder. Dafür aber sagte er, daß er im Westen etwas Schwarzes sehe, von dem er erst geglaubt habe, es sei eine Kulanherde, das er jetzt jedoch für Reiter halte, die sich unserem Lager näherten.

Ich eilte mit dem Fernglase hinaus. Eine berittene Schar sprengte wirklich in einer Staubwolke heran. Von einem Hügel beobachteten wir die Schar mit größter Spannung. Sie war noch weit, weit entfernt, aber über den Vegetationsgürtel hinweg, den sie noch nicht erreicht hatte, gut zu sehen. Infolge der Luftspiegelung schien sie etwas über dem Erdboden zu schweben, doch an den auf und nieder hüpfenden Bewegungen merkte man, daß die Männer im Galopp ritten. Jetzt verschwanden sie zwischen der dunkleren Vegetation, aber die Staubwolke erhob sich noch über den Büschen. Es mußten die Unseren sein, die unser Signalfeuer nicht bemerkt hatten, sondern erst in der Frühe weitergeritten waren, bis sie die Spur der Kamele gefunden hatten und dann umgekehrt waren, um uns ausfindig zu machen.

Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als zwei Reiter diesseits des Gebüsches auftauchten; dann erschienen noch zwei und eine ganze Herde von Pferden, die jene vor sich her jagten. Sie ritten in Karriere. Jetzt erkannte ich Islam an seinem Lederbaschlik. Er ritt auf einem Schimmel an der Spitze. Er trieb sein Pferd zu noch schnellerem Laufe an, so daß er einige Minuten vor den anderen ankam, stieg in einiger Entfernung ab und grüßte. Er sah gesund und munter aus und meldete, daß im Hauptquartier alles in Ordnung sei. Die übrigen waren Musa aus Osch, Chodai Värdi und Tokta Ahun aus Abdall.

Es war ihr Feuer gewesen, das wir gesehen hatten. Sie waren richtig in aller Frühe aufgebrochen und scharf nach Westen geritten, bis sie unsere Spuren gesehen und erkannt hatten, daß wir aneinander vorbeigegangen waren.

Islam hatte 15 fette, starke Pferde, sowie Proviant mit und brachte mir lauter erfreuliche Nachrichten. Der Postdschigit Jakub war aus Kaschgar gekommen, und mit einem Schlage wurde ich durch Brief- und Zeitungspakete meiner Heimat und der Zivilisation wieder ganz nahegerückt. Kurz nach unserem Aufbruch von Mandarlik hatten sie das Lager nach Temirlik verlegt, wo sie sich bei mongolischen Erdhöhlen niedergelassen hatten. Der Amban von Tscharchlik hatte in eigener hoher Person dort einen Besuch abgestattet, ebenso der Mongolenhäuptling Pschui aus Zaidam, aber beide hatten wieder heimkehren müssen, ohne mich zu sehen. Ersterer hatte 30 mit Mais beladene Esel mitgebracht. Seit ein paar Wochen hatten die Daheimgebliebenen unsertwegen in der größten Unruhe geschwebt, da wir versprochen hatten, höchstens 2½ Monate fortzubleiben, und nur für diese Zeit Proviant mit hatten.

Hunderte von Fragen und Antworten kreuzten einander, und erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Die Männer saßen lange plaudernd an einem großen, flammenden, jetzt von vielen Händen unterhaltenen Feuer; sie hatten einander so viel zu erzählen, und alle waren froh und zufrieden über das Wiedersehen. Welch ein Unterschied gegen den Abend vorher, an dem wir, von allem entblößt, aufs Geratewohl Halt gemacht hatten! Die Raben des Elias waren wiedergekommen, und unsere dreimonatigen Mühen und Strapazen hatten ihr Ende erreicht.

Eine Veranlassung zur Trauer war Aldats Tod. Sein Bruder Kader Ahun hatte sich selbst nach Tschimen begeben, um ihn zu treffen, und erhielt jetzt eine eingehende Beschreibung von der Krankheit und dem Tode seines Bruders. Er erkannte auch, daß wir gut gegen Aldat gewesen waren, alles getan hatten, um ihn zu retten, und daß alle sein Hinscheiden beklagten. Kader Ahun sagte, daß er auf die Trauerbotschaft vorbereitet gewesen sei. Vor einiger Zeit habe er geträumt, daß er über eine große Ebene reite und meiner Karawane begegne. Vergebens habe er unter den Leuten seinen Bruder gesucht, und als er erwacht sei, habe er gewußt, daß Aldat ein Unglück zugestoßen sein müsse. Wir rechneten aus, daß der Traum genau mit Aldats Tod zusammentraf, und daß er nicht erdichtet war, konnte Schagdur konstatieren. Kader Ahun hatte dem Kosaken nämlich lange, bevor Nachrichten von uns eingelaufen waren, sein Gesicht mitgeteilt und hinzugefügt, daß Aldat sicher tot sei. Dies war der einzige Fall von Telepathie, der mir auf meinen Reisen vorgekommen ist.

Nach weiteren zwei, der Ruhe, Lektüre und astronomischen Beobachtungen gewidmeten Tagen ritten wir am 18. Oktober fast 50 Kilometer ostwärts über kahle Einöden und Sandgürtel. Unsere Kamele und letzten Pferde wurden unbeladen langsam nachgeführt. Es war sehr behaglich, wieder auf einem großen, fetten, ausgeruhten Pferde zu sitzen, und ich freute mich, daß unsere überlebenden Tiere jetzt über ein halbes Jahr in Frieden weiden und der Ruhe pflegen würden; sie hatten es verdient.

Bag-tokai (der Gartenwald) ist der Name einer kleinen, armseligen Oase, die von Quellen aus dem sonst ganz sterilen Erdreich hervorgezaubert worden ist. Hier trafen wir acht Männer aus Bokalik, die auf dem Heimwege nach Tschertschen 11 Yake, 4 Kulane und 2 Orongoantilopen geschossen hatten. Sie konnten beim Verkauf der Felle auf guten Verdienst rechnen. Wir gaben ihnen so viel Reis, wie wir entbehren konnten; sie hatten den ganzen Sommer nur von Yak- und Kulanfleisch gelebt, und wir wußten selbst, was es heißt, es schlecht zu haben, und wie schön es ist, wenn der Speisezettel ein wenig Abwechslung bringt.