Beim Masar Chodscham, der ein Ende vom rechten Ufer liegt, wurde Rast gemacht, und wir alle, außer Kader, der die Fahrzeuge bewachen sollte, wanderten durch den lichten Wald dorthin. Der Masar ist über dem Grabe von Hasrett-i-Achtam Resi Allahu Anhu errichtet worden, eines Heiligen, der zur Zeit des Propheten diese Gegenden durchwandert haben soll. Man findet hier einige trockene, graugelbe Lehmhaufen, die wimpelgeschmückte Stangen und Antilopenschädel trugen und mit einem Reisiggehege umgeben waren, um Schafen und Rindern das Entweihen des Ortes unmöglich zu machen. Auf der Südseite erhob sich ein sehr einfaches Chaneka (Bethaus) aus lotrecht in die Erde geschlagenen Pfählen und Stangen mit einem Dache darüber.
Die Muselmänner brachten dem Heiligen ihre Huldigung dar und hielten eine längere Andacht; hell erklang des Mollah „Allahu ekbär“ durch die tiefe Stille des Waldes. Es liegt wirklich etwas Feierliches in solchem Gottesdienst. Wir waren von dem tiefsten Schweigen umgeben; nur die schlummernden Blätter, die noch an ihren dünnen Stielen saßen, zitterten leicht in einem hier im Walde kaum merkbaren Winde. Ein Heiligtum kann keinen friedlicheren Platz finden als hier, fern von allen Fahrstraßen an einem Flusse, der jetzt zum erstenmal von Menschen befahren wird. Nicht das geringste Geräusch störte die Ruhe des Waldes, nur ein Hase war bei unserem Herannahen entflohen. „La illaha il allah“ verkündete die tiefe Stimme des Mollah voller Überzeugung, und die Worte verhallten in der Ferne zwischen den Pappeln.
Ende November wird der Tag des Heiligen von den Einwohnern von Awwat gefeiert, die sich dann in ziemlich großer Zahl hierher begeben und drei Tage im Walde bleiben. Der Scheik, der Wächter des Heiligengrabes, hält sich um diese Zeit in einer benachbarten Hütte auf, wohnt aber sonst in Awwat.
Als wir nach den Schiffen zurückkehrten, tat es uns leid um den jungen Kader, der nichts von der Herrlichkeit zu sehen bekommen hatte, und er erhielt daher Erlaubnis, sich in unserer Spur allein nach dem Masar zu begeben und dann in der nächsten Flußbiegung mit der Fähre zusammenzutreffen. Doch wir waren noch nicht weit gelangt, als er schon angelaufen kam, als gälte es, sein Leben zu retten. Die düstere Waldeinsamkeit und die gespensterhaft wehenden Wimpel hatten ihn so erschreckt, daß er jede Lust verloren hatte, den Heiligen mit seinem Besuche zu beehren. Den jungen Helden erfüllte Angst, als Reiser unter seinen eigenen Tritten knackten, er hielt jeden Busch für einen Räuber und glaubte, lebende Wesen winkten mit den Lumpen der Grabstangen.
Der Name des heutigen Rastortes, Kalmak-kum, zeugte wieder davon, daß in längst entschwundenen Zeiten einmal Mongolen an diesem Flusse gewohnt haben. Hier lebten drei Hirtenfamilien mit 300 Schafen. Sie hatten ein „Tor“, eine Art Falle, um Raubvögel zu fangen, aufgestellt, die aus vier, in der Erde quadratisch befestigten, elastischen Gerten bestand, deren Spitzen sich einander zukehren und die ein sackförmiges Netz ausgespannt halten. Oben entsteht also eine Öffnung, durch welche der Falke auf das unten im Netz festgebundene Huhn oder die Taube stößt. Wenn er sich mit seiner Beute aufschwingen will, drehen sich die elastischen Gerten, wodurch sich die Öffnung des Netzsackes schließt und das Netz über den Falken fällt, der nun darin verwickelt und gefangen ist.
Während der folgenden Tagereise war der Fluß ungewöhnlich gerade. Im großen und ganzen waren jedoch die Tage einander ziemlich gleich. Man glaube aber nicht, daß ich die Reise einförmig gefunden und den Tag herbeigesehnt hätte, an welchem unsere Fähre im Eise einfrieren würde, welcher Tag früher oder später kommen mußte. Mir war jeder Tag, der hinging, von immer größerem Interesse. Ich lebte das Leben des Flusses mit und beobachtete gespannt seine ersterbenden Pulsschläge und seinen launenhaften Lauf durch Innerasiens innerstes Tiefland. Es machte mir Vergnügen, den Gang der Instrumente zu verfolgen, die das Herannahen des Winters, das Abnehmen der Wärme und das Kürzerwerden der Tage anzeigten, und die Karte des unendlichen Flusses entwickelte sich Blatt um Blatt.
Obgleich meine Leute nicht aus demselben Grunde wie ich an der Drift der Flottille Gefallen finden konnten, folgten sie ihr doch mit großem Interesse. Immer lebhafter wurde abends am Lagerfeuer die Unterhaltung, und man rechnete die Tage bis zur Ankunft an den großen Stationen Awwat und den Mündungen des Aksu-darja und des Chotan-darja aus; Schah-jar war noch so weit entfernt, daß es noch nicht in Frage kam. Doch vergingen ihnen die Tage jedenfalls oft recht langsam. Es bedurfte indessen nur z. B. des Einfangens einer Wildente, um Leben in die Gesellschaft zu bringen und ihnen ein wenig Zerstreuung zu gewähren. Ein solches Kerlchen plätscherte heute im Schutze eines gestrandeten Reisigbündels, als die mit Kasim und Nasar bemannte Avisofähre vorbeitrieb. Letzterer hatte seinen Platz im Achter der großen Fähre verlassen müssen, weil er von dem ewigen Inswassersteigen wunde Füße bekommen hatte. Die Ente muß krank oder verängstigt gewesen sein, denn sie ließ sich mit den Händen greifen und wurde in mein Zelt gesetzt. Dort aber kam sie bald auf andere Gedanken, entwischte uns wieder und schwamm dann zwischen den Fähren, bis sie von neuem eingefangen und auf der Proviantfähre angebunden wurde, deren Menagerie sich so um ein neues Mitglied vergrößerte.
Wir hatten jetzt nur noch 16,8 Kubikmeter Wasser unter der Flottille, und die Aussichten für die Fortsetzung der Fahrt begannen wieder bedenklich auszusehen.
29. Kasim mit seinem Fang. ([S. 61.])