Am 15. Oktober erinnerte der Fluß anfangs an eine verfitzte Schnur, nachher aber wurde er wieder ganz ordentlich. Es gilt als Regel, daß der Fluß da, wo er Bogen macht, auch schmal, tief und langsam ist, da aber, wo er eine gerade Richtung einhält, seicht, schnell und breit wird; das Gefälle ist hier größer. Manchmal sieht es aus, als sei das Wasser unschlüssig, nach welcher Seite es fließen solle; es scheint stillzustehen und zu überlegen, wohin der Boden sich neige.

Die Lailiker fingen an, mutlos zu werden, als sie Tag für Tag immer weiter von Haus und Heim fort- und immer tiefer in unbekannte Einöden und Wälder hineingetragen wurden. Es belebte sie jedoch ein wenig, daß wir bei Kuiluschning-baschi auf einen braven Mann stießen, der Jussup Do Bek hieß, hier in der Gegend seine Schafherden hütete und meine Leute damit beruhigte, daß es für sie die einfachste Sache auf der Welt sei, auf der großen Karawanenstraße über Aksu nach Hause zurückzukehren. Der erste Dschigit aus Kaschgar, der meine Post nach Dural bringen sollte, mußte schon unterwegs sein und sollte mit Jussups Hilfe in Aksu angehalten und an den Fluß hinuntergeschickt werden, welches Arrangement denn auch vortrefflich gelang.

Am 17. passierten wir einen der Mündungsarme des Kodai-darja, der uns aber nur wenig Wasser zuführte. Der Jarkent-darja läuft jetzt eine Strecke weit gerade nach Norden; die Windungen rauben uns nicht so viel Zeit wie bisher, doch wurde eine zurückgelegt, die sich einem vollständigen Kreise näherte und deren Landzunge nur zwanzig Klafter breit war. Ohne Zweifel wird das nächste Hochwasser diese Landzunge durchbrechen. Das Ufer ist 3½–4 Meter hoch, und seine Wand wird von beiden Seiten unterwaschen, so daß die Landzunge immer schmäler wird, bis sie schließlich einstürzt und der Fluß dann die Windung verläßt, die wie ein toter Schmarotzer liegen bleibt. Derartige tote Krümmungen oder Altwasser (Boldschemal) kamen in diesem Teile des Flußlaufes besonders häufig vor. In ihrem Bogen steht beinahe stets ein kleiner halbmondförmiger Köll mit klarem Wasser.

Von einem an Reisig und verdorrten Bäumen reichen Punkte am rechten Ufer sahen wir Rauchwolken aufsteigen, und bald flackerten Feuerzungen zwischen den Bäumen. Der Mollah erklärte, es seien Hirten, die auf diese Weise Tiger und Wölfe zu verscheuchen suchen. Tigerspuren hatten wir in den letzten Tagen wiederholt auf den Ufern gesehen. Als wir gerade vor dem Platze waren, sahen wir denn auch richtig ein paar Hirten am Ufer. Doch sowie diese die Fähre, das gespenstische weiße Zelt und die rabenschwarze Hütte erblickten, ergriffen sie die Flucht und liefen, was das Zeug halten wollte, Schafe, Hunde und Feuer ihrem Schicksal überlassend. Soviel wir auch riefen und ihrer durch Späher habhaft zu werden suchten, sie waren und blieben verschwunden, und wir mußten also auf Aufklärung über diese Gegend verzichten. Was sollten diese einfachen, redlichen, halbwilden Waldmenschen übrigens auch beim Anblick der Fähre denken, die wie ein Riesenschwan am Waldrande entlang geschwommen kam! Sie konnten doch nur denken, es sei ein böser Geist aus der Tiefe der Wüste, der auf der Streife sei und suche, wen er verschlingen könne.

Die Tendenz des Flusses, hier in der Gegend seine Windungen oft auszugleichen, ist in der Beschaffenheit des Bodens begründet. Dieser besteht aus Sand, und in dem losen, leicht niederstürzenden Material führt das Wasser ohne sonderlichen Widerstand seine Unterminierungsarbeit aus. Auf die Veränderlichkeit des Flusses gründet sich wieder der Umstand, daß der Wald spärlich ist und an den Ufern nicht alt werden kann. Die äußersten Pappeln stehen wie wartend da, bis die Reihe zu fallen an sie kommt, wenn die Jarwand unter ihnen abrutscht.

Am 18. Oktober hatten wir wieder Pech mit dem Winde. Als wir nach Norden kamen, herrschte nördlicher Wind, als aber der Flußlauf sich nach Nordosten wendete, kam der Wind auch aus dieser Richtung, und schließlich sprang er sogar nach Osten um. Das Bett war ziemlich offen und flach, und wir hatten von den Ufern und ihrer Vegetation wenig Nutzen. Die Luvseite des Zeltes war wie ein Trommelfell nach innen gekehrt, und faßte man das Zelttuch an, so fühlte man sofort, mit welcher Kraft dieser saugende Wind die Fähre nach Lee hinüberpressen mußte. Die Leute hatten den ganzen Tag vollauf damit zu tun, uns vor Kollisionen mit den Ufern zu bewahren, und hatten kaum Zeit, ihr einfaches, aus Brot und Melonen bestehendes Frühstück zu verzehren.

Auch am folgenden Tage tat uns der Wind großen Abbruch, und jetzt bereitete sich ein kleiner Sturm vor. Die Luft war mit Flugsand gesättigt, und die Sonnenscheibe zeichnete sich im Zenith nur wie ein schwach sichtbarer, gelbroter Schild ab. Man sah nicht, wohin es ging; die Ufer verschwammen in der dicken Luft, es sauste und pfiff in dem jungen Walde, und überall flogen gelbe, harte Blätter prasselnd umher. In scharfen Biegungen, wo die Gegenströmung einen Strudel bildet, sammeln sich diese Laubmassen zu kleinen Sargassoseen an; ein großer Laubkuchen dreht sich im Wirbel, und von seiner Peripherie sondert sich ein langer, schmaler Laubstreifen ab, der nach und nach wieder ins Treiben gerät, um dem nächsten Strudel zuzueilen.

Wir mühten uns einige Stunden gegen den starken Wind ab und wollten gerade Halt machen, als der Mollah erklärte, der Fluß werde bald einen Bogen nach Süden machen. Er hatte recht, und bei reißendem, günstigem Winde sauste die Fähre an den Ufern vorbei, so daß das Wasser um den Vordersteven brauste. Es dauerte jedoch nicht lange, so machte der Fluß wieder einen Bogen und setzte seinen Weg nach Nordosten fort. Wir rasteten nun einige Stunden in einer ruhigen Bucht.

Als der Wind sich etwas gelegt, ging es weiter. In der Dämmerung trat wieder völlige Ruhe in der Atmosphäre ein, und wir beschlossen, im Mondschein weiterzufahren. Die Route wurde beim Lichte der photographischen Laterne aufgezeichnet, die den Kompaß, die Uhr und die Karte schwach beleuchtete, aber nicht die freie Aussicht auf die mondbeglänzte Landschaft vor mir störte. Von hinten schwach von dem roten, von vorn grell von dem bläulichen Lichte beleuchtet, sahen die Männer phantastisch aus, und ihre sonst dunkeln Silhouetten hoben sich scharf gegen das glitzernde Spiel der Mondstraße auf dem Flusse ab.

Spät abends legten wir am Ufer von Jekkenlik-köll an, wo es vorzügliches Brennholz in Menge gab. Als wir am 20. Oktober früh vom Ufer abstießen, war von den mächtigen Stämmen, die wir zu unserm Feuer benutzt hatten, nur noch ein grauer, rauchender Aschenhaufen übrig. Das Bett des Jarkent-darja war heute außerordentlich regelmäßig gebaut, und dieselben Formationen, dieselben Krümmungen kamen abwechselnd immer wieder. Sie waren wie nach ein und demselben Muster gezogen.