Obwohl es spät war, beschlossen wir noch einen Tschugulup (Flußbogen) zurückzulegen. Die Dämmerung senkte sich auf den spiegelblanken Fluß herab, dessen Oberfläche die Ringel der Strömung nur schwach zeichneten, und die Gegend war so still, daß man sein eigenes Herz klopfen hören konnte. Um die Leute aufzuheitern, holte ich unser Symphonion und ließ Islam Bai für Musik sorgen. Die Männer hatten ihre Freude daran und hörten andächtig zu, und Kasim hielt sich mit der Avisofähre uns möglichst nahe. Die hellen Töne des Instruments klangen wehmütig und melancholisch, als die Cavalleria von Stapel ging, sie klangen voll und festlich, als Carmen durch den Wald hinzitterte; feierlich klang es, als die Töne der schwedischen Nationalhymne über dem schweigenden Wasser des Jarkent-darja erschollen, und als ein Parademarsch abschnurrte, war es, als glitte die Fähre im Siegeszuge langsam, aber sicher, von Fanfaren und Militärmusik begrüßt, gerade auf ihr Ziel zu. Es war ein entzückender, friedlicher Abend. Die Luft war von Waldgeruch und den Düften der Wiesen und Kamischfelder erfüllt, und in der Luft herrschte eine feierliche Stille wie in einer Kirche. Das kleinste Geräusch, das dieses großartige, einsame Schweigen unterbrach, machte sich geltend, Sandkörner, die vom Uferrande ins Wasser fielen, eine Ente, die in einer geschützten Bucht schwamm, ein Fisch, der in dem rabenschwarzen Schatten unter der Uferwand plätscherte, ein Fuchs, der im Schilfe raschelte. Während die Dunkelheit schnell hereinbrach, trug uns die Strömung immer tiefer in die geheimnisvolle Landschaft hinein, gleich Geistern und Schatten einer anderen Welt, und die Bewohner des Waldes lauschten den Tönen unserer Spieldose gewiß voller Erstaunen. Es war nicht die beste Musik, die man hören kann, aber in der Umgebung, in der sie ertönte, wirkte sie wunderbar und mit einschmeichelndem Zauber, während die große Stille zu kühnen Träumen einlud.

Die Wassermassen, die uns im Laufe des Tages Gesellschaft geleistet hatten, sollten wieder eine Nacht Vorsprung gewinnen, als wir am linken Ufer unter herbstlich gelben Pappeln rasteten. Spät abends wurde eine Flußmessung vorgenommen, die 26,7 Kubikmeter in der Sekunde ergab. Nichts hindert den Fluß, an einem Tage wasserreicher als am vorhergehenden zu sein; teils kann der Zufluß aus dem Gebirge wechseln, teils können durch Verteilung des Luftdruckes und durch den Wind zufällige, natürliche Verdämmungen entstehen, die das nachdrängende Wasser für einige Zeit in seinem Fließen hindern oder aufhalten.

11. Oktober. Leichter, feuchter Nebel lag über dem Jarkent-darja, als wir um 7 Uhr das Ufer verließen. Als wir durch diesen Nebel nach Süden gingen, fiel der Widerschein der Strahlen der aufgehenden Sonne verschleiert auf die Wasserfläche, und die kleine Fähre und die Jolle zeichneten sich mit den darinstehenden Männern und deren langen Stangen wie schwarze Schattenrisse auf dem mit Licht gesättigten Hintergrunde ab. In einer geschützten Bucht lag auf dem Wasser eine einsame Ente, die das sich ihr bietende, ungewöhnliche Schauspiel ruhig betrachtete, als unsere kleine Flottille an ihr vorbeitrieb. Sie mußte aber ihre Neugierde teuer bezahlen und schmeckte uns zu Mittag vorzüglich.

Der Fluß verändert seine Eigenschaften nicht, er ist noch ebenso krumm, und da es obendrein heftig wehte, kamen wir nicht weit. Der Kopf kann einem bei diesen Windungen schwindeln; Sonnenschein und Schatten, Wind und Lee wechseln unaufhörlich ab; bald friert man, bald wird man gebraten, bald geht es verzweifelt langsam, bald mit schwindelnder Fahrt. In scharfen Biegungen verliert die Wassermasse durch die Reibung und den Druck gegen das Jarufer einen guten Teil ihrer Geschwindigkeit, welche Kraft in eine andere Arbeit, die Auswaschung des Ufers, umgesetzt wird. Auf diese Weise werden die Windungen im Laufe der Jahre immer größer. Man findet auch gewöhnlich, daß die Fahrgeschwindigkeit hinter den schärfsten Biegungen abnimmt.

Bei Duga-dschaji-masar stieß Ibrahim wieder zu uns. Außer einem ganzen Armvoll Melonen, Möhren, roten Rüben, Zwiebeln und Brot brachte er auch seine Mutter und seinen jüngeren Bruder mit, so daß wir neue Passagiere an Bord hatten.

Die Uferterrasse beim Lager lag 2,1 Meter über dem Wasserspiegel, und trotzdem war der Waldboden noch vom Hochwasser des Sommers feucht. Der Fluß ist also seitdem an diesem Punkte über 2 Meter gefallen. Je weiter wir kamen, desto schmäler, tiefer und langsamer wurde er, und nicht selten betrug seine Breite nur 15 Meter. Wir sehnten uns nach dem Aksu-darja, wo Mollah uns dreimal soviel Wasser versprach, und wir fuhren jetzt gewöhnlich täglich 11 Stunden. Mir wurde der Rücken ganz steif, wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch saß, und ich ersann daher eine neue Methode, die wenigstens einige Abwechslung brachte. Ich setzte mich in die kleine Jolle, machte mir dort von Filzdecken und Kissen ein Ruhebett zurecht und hatte alles Zeichenmaterial und die nötigen Instrumente bei mir. Um wirklich ungestört zu sein, hielt ich mich weit vor der Fähre und glitt nun ruhig und friedlich den Fluß hinunter. Die Pfeife im Munde, die Feder in der Hand und die Karte auf den Knien, freute ich mich der großen Stille; bequemer kann man durch ein unbekanntes Land wirklich nicht reisen.

Am 13. Oktober hatten wir die gewundenste Fahrt, die wir bis jetzt gemacht hatten. Man sitzt mit der Karte vor sich und fürchtet beinahe, eine Schleife einzeichnen zu müssen, dann aber biegt der Fluß im letzten Augenblick nach der entgegengesetzten Richtung ab. Die zweite Windung war noch toller; nach vierthalbstündiger Drift kamen wir wieder bei denselben Pappeln an, an denen wir vorübergefahren waren.

Der Tag war naßkalt und unfreundlich, und wir müssen uns ordentlich in Pelze hüllen. Die Fährleute sitzen in ihre Tschapane eingewickelt da und geben acht, daß wir nicht auf Grund stoßen und sie ins Wasser springen müssen. Islam und Mollah zogen vor, auf kürzeren Wegen, welche die Flußbiegungen berührten, durch den Wald zu gehen. Sie waren sieben Stunden fortgewesen, als wir sie am Ufer, wo sie an einem Feuer schliefen, wieder auffischten. Sie hatten nur zwei Stunden gebraucht, um diesen Punkt zu erreichen, und hätten wir nicht ihr Feuer erblickt, sie würden uns nicht bemerkt, sondern dort ruhig weitergeschlafen haben.

Die ersten Frostnächte prägten dem Walde, der jetzt überall gelb ist, ihren Stempel auf. Nach einer frischen Brise trieben wir auf einer wahren Laubstraße. Der Wind hatte Massen gelben Laubes in den Fluß gefegt, dessen Fläche eine lange Strecke weit gelbgetüpfelt war. Man braucht nur einen Blick auf die nächste Umgebung zu werfen, um zu sehen, daß der geringste Windhauch auf die Fähre einwirkt: bald treiben die Blätter an uns vorbei, bald sind wir die schnelleren; ist es aber völlig windstill, so haben wir gleiche Fahrt mit ihnen.

Am 14. Oktober lagerten wir in der Jiggdelik genannten Gegend. Am rechten Ufer erhebt sich im Walde eine mit Tamarisken bewachsene Düne, auf welcher eine Stange aufgerichtet ist, die anzeigt, daß sich in der Nähe ein Masar oder Heiligengrab befindet. Unser Mollah war wiederholt dort gewesen, um Rubine zu suchen, die in dem vom Sande abgeschliffenen Feuersteinschutte, der eine ausgedehnte offene Ebene zwischen der Grenze des Wüstenmeeres und dem Walde bedeckt, zu finden sein sollen. Er hatte in der Nähe des Grabes übernachtet und eine bleiche, flackernde Flamme über der Kuppel schweben sehen. Rubine scheint er aber nicht gefunden zu haben.