Achtes Kapitel.
Der große, einsame Tarim.
Am 22. Oktober legten wir den geradesten Teil des ganzen Flusses zurück. Nur eine einzige Stelle war insofern kritisch, als das Wasser sich dort in zwei Arme teilte, von denen wir den kürzesten wählten. Ich untersuchte vorher mit der Jolle die Tiefen und fand den Arm passierbar. Die Wassertemperatur war jetzt bis auf +10 Grad heruntergegangen; ich hatte daher keine Lust zum Baden. Kasim dagegen hatte entschieden andere Ansichten von der Nützlichkeit eines Bades. Er stand wie gewöhnlich im Achter der Proviantfähre und schob sie mit der Stange vorwärts, wendete aber dabei zu große Kraft an und fiel rücklings in den Fluß, zur riesigen Freude der anderen.
Gerade vor uns verschwindet die breite Straße des Flusses in unendlicher Ferne; es ist eine Serie horizontaler Striche, weißer und schwarzer; die ersteren sind in Verkürzung gesehene Wasserflächen, die letzteren aber Sandbänke und Anschwemmungen.
So kurz die folgende Tagereise auch war, gewährte sie doch viel Abwechslung, und die Männer mußten die ganze Zeit die Augen offen halten. Je mehr wir uns Awwat nähern, desto zahlreicher treten Hirten auf, und ihre Hütten werden auf beiden Ufern immer häufiger. Auf dieser Tagereise passierten wir den Punkt, wo der Kaschgar-darja, unser alter Bekannter Kisil-su, sich in zwei engen, größtenteils von Sand, Schlamm und Vegetation verstopften Armen in den Jarkent-darja ergießt, wobei er ihm nur einen geringen Zuschuß von Wasser zuführt.
Wir waren noch nicht weit gelangt, als ein Reiter am Ufer erschien. Doch sowie er uns erblickt hatte, verschwand er wieder zwischen den Büschen; wir entnahmen daraus, daß es ein Kundschafter gewesen. Nach einer Weile sprengte denn auch richtig ein ganzer Reitertrupp auf das Ufer zu; sie stiegen von den Pferden, breiteten Teppiche auf der Erde aus und luden uns zu einem aus Trauben, Melonen und Brot bestehenden Dastarchan ein. Es war der Joll-begi (Weginspektor) von Jangi-Awwat, der hierher geschickt worden war, um uns willkommen zu heißen. Nach kurzer Rast fuhren wir mit dem Weginspektor als Gast an Bord weiter, während seine Schar uns am linken Ufer begleitete.
Bald darauf tauchte noch eine Schar Reiter in feinen, farbenprächtigen Chalaten und teilweise von ungewöhnlich distinguiertem Aussehen auf. Auch jetzt mußten wir Halt machen und wieder einen Dastarchan annehmen. Es war der Vornehmste der Andischaner Kaufleute in Awwat; auch er wurde an Bord genommen; seine Reiter ritten auf dem rechten Ufer. Wir hatten jetzt also auf beiden Ufern Gefolge.
Noch eine Strecke weiter wurde unsere Ankunft von etwa 30 Reitern an einem Ufervorsprunge erwartet, der mit Früchten, Brot, Eiern und ganzen geschlachteten Schafen vollständig übersät war. Diesmal war es der Bek von Awwat, der in höchsteigener Person uns bewillkommnen wollte; auch er gesellte sich zu den übrigen Gästen auf dem Achterdeck, das jetzt reicher bevölkert war als je zuvor. An den Ufern folgten unserem Zuge ganze Reiterschwadronen. Eine so festliche, stattliche Prozession hatte der Jarkent-darja wohl noch nie gesehen. Acht Falkner zu Pferd waren mit; zwei trugen Adler ([Abb. 33]), die anderen Jagdfalken, deren wilde Augen unter Kappen verborgen waren; sie gehören bei Galaaufzügen mit zum Staate. Später gaben uns die Raubvögel und ihre Pfleger eine Tamascha (Vorstellung, Schauspiel), die vier Hasen und ein Reh einbrachte.
Beim Dorfe Mattan blieben wir einen Tag, der jedoch nicht unbenutzt geopfert wurde. Ich entwickelte Platten, machte eine astronomische Bestimmung, maß die Wassermenge und sammelte wichtige Aufklärungen über die Gegend und den Fluß bis zur Mündung des Aksu-darja. Die Leute wußten von keinem Hindernisse auf dem Wege dorthin zu erzählen und versicherten, daß wir dann so viel Wasser im Flußbette haben würden, daß es mit rascher Fahrt vorwärtsgehen würde.
Nachdem alle für ihre Dienste entschädigt worden waren und der Bek uns einen neuen, in der Gegend heimischen Jäger und einen neuen Hund besorgt hatte, der den Namen „Hamra“ (Reisegefährte) erhielt, fuhren wir am 25. Oktober tiefer in die Einöden hinein. Die Wassermenge war auf 14,3 Kubikmeter gesunken.
Eine Tatsache, die uns sehr zustatten kam und über deren Dasein und Erklärung man uns in Mattan Bescheid gab, war, daß der Fluß im Oktober wieder ein wenig zu steigen anfängt. Dies würde als Anomalie erscheinen, wenn man nicht eine befriedigende Erklärung dafür erhielte. Der Grund liegt darin, daß das Wasser vieler Bewässerungskanäle, das in dieser Jahreszeit nicht länger für die Äcker gebraucht wird, in Gestalt von Quellen in den Fluß zurückkehrt. Am 26. Oktober fanden wir 17 Kubikmeter, fast 3 Kubikmeter mehr als gestern.