Der 27. war ein interessanter Tag, denn wir wußten, daß wir am Abend an die Mündung des Aksu-darja gelangen würden. Es war ein stiller, herrlicher Herbstmorgen; der Fluß war blank wie ein Spiegel, in dem sich die Ufer so scharf widerspiegelten, daß man genau aufpassen mußte, um zwischen Spiegelbild und Wirklichkeit unterscheiden zu können.

Alten Wald gibt es hier nirgends, nur junge Pappeln, dagegen aber Tamarisken und anderes Gesträuch in Menge. An einem Punkte, wo wir an Land gingen, ergriff Hamra die Flucht, und erst nachdem eine richtige Treibjagd auf ihn angestellt worden war, gelang es uns, ihn wieder einzufangen. Er war ein Wilder, der lange nicht heimisch wurde, und vergeblich versuchte Jolldasch, ihn zum Spielen zu bringen.

Mit steigender Spannung spähten wir nach dem Erscheinen des großen Flusses aus, der für die Männer von Lailik ein Fremdling war, von dessen Dasein sie nur hatten erzählen hören und dem sie sich nun mit einem gewissen Respekt nahten. „Hinter jener Pappel dort,“ erklärte Mollah, „wird er erscheinen.“ Als er sich hierin irrte, versuchte er es mit der nächsten Biegung und verriet damit bloß, daß er hier weniger gut Bescheid wußte als bisher.

Mittlerweile nahm die Stromgeschwindigkeit ab, und schließlich ging es so langsam, daß die Fähre mit den Stangen weitergestoßen werden mußte. Die Leute stießen, schoben und sangen im Takte, denn unser Ziel mußten wir zum Abend erreichen. Bei einer Gelegenheit blieb Alims Stange im Schlamme stecken, während die Fähre weitertrieb; er aber wußte guten Rat, er entledigte sich der Kleider, schwamm zu seiner Stange hin, machte sie los und kehrte dann schwimmend mit ihr nach der Fähre zurück.

Mittags hatten wir in der absoluten Windstille echte Sommerhitze, und ich saß in Hemdärmeln und sog den Duft von Aprikosen, Trauben und Birnen ein, die in einer Schüssel auf dem Teppiche lagen.

Nach ein paar letzten Krümmungen schien sich die Landschaft vor uns aufgetan zu haben, und jetzt trat der mächtige Aksu-darja in all seiner Herrlichkeit hervor ([Abb. 34]). Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten die Männer von Lailik diesen Riesenfluß und fragten: „Sollen wir uns auf seine unruhige Fläche hinauswagen?“

Merkwürdigerweise biegt der Jarkent-darja gerade beim Zusammenflusse nach Nordwesten ab. Der Aksu-darja kommt von Nordnordwest, und der vereinigte Fluß, der von da an meistens Tarim genannt wird, obwohl bis in die Lop-nor-Gegend noch hin und wieder der Name Jarkent-darja vorkommt, wendet sich nachher nach Osten. Der Aksu-darja ist hinsichtlich der Richtung der bestimmende und, nach Aussage der Eingeborenen, auch zu allen Jahreszeiten der wasserreichere der beiden Flüsse.

Wir verließen den letzten Vorsprung des rechten Ufers und gingen nach dem linken Ufer hinüber. In dem untersten Teile hatte die Strömung nicht nur aufgehört, sondern kehrte unter dem mächtigen Drucke des Wassers des Aksu sogar um. Es hing an einem Haare, so wäre unser Fahrzeug in den nächsten Wasserwirbel hineingezogen worden. Es gelang uns aber noch im letzten Augenblick, am Ufer festen Fuß zu fassen und die Fähre zu vertäuen, sonst wären wir unfehlbar mit fortgerissen worden, und das hätte uns nicht gepaßt, da wir beabsichtigten, an der Stelle des Zusammenflusses selbst, Jarkent-darjaning-kuilüschi, Rast zu machen, um das Fahrwasser genauer zu untersuchen, bevor wir die Reise fortsetzten ([Abb. 35]).

Der Ruhetag wurde zu allerlei Arbeiten benutzt; ich machte eine astronomische Bestimmung, entwickelte und kopierte Platten, photographierte, machte einen Ausflug mit der Jolle, um das geeignetste Fahrwasser zu sondieren, und kam erst lange nach Mitternacht zur Ruhe. In dem großen Flusse war das Wasser im Gegensatze zu dem des Jarkent-darja, das sich infolge des langsamen Fließens klären kann, sehr trübe. Massen von Wildgänsen flogen über das Lager weg in herrlicher, bewundernswert geordneter, pfeilspitzenförmiger Phalanx, zwischen deren Flügeln sich oft ein paar einzelne Vögel befinden. Ich habe die weiten Reisen dieser klugen Vögel stets bewundert und angestaunt; sie kommen vom Lop-nor und gehen über Jarkent nach Indien. Sie flogen etwa 200 Meter hoch und schrien die ganze Zeit, und ehe noch die eine Schar wie ein Punkt am Horizont verschwunden war, kam schon die zweite mit demselben ängstlichen Geschrei von Osten herangesaust. Diese eilfertigen Pilger finden ihren Weg durch die Luft so sicher, wie die Bächlein der schmelzenden Schneefelder und der Gletscher den Weg nach dem Lop-nor finden. Vielleicht sind sie, gleich den Wassertropfen, willenlose Sklaven einer ihnen innewohnenden Naturkraft. Ich ziehe indessen vor zu glauben, daß sie sich, wenn sie oben in der Luft schreien, über den Weg, den nächsten Rastort oder die ihnen drohenden Gefahren beraten. Gewiß ist, daß man der Phalanx, wenn sie auf unermüdlichen Flügeln über die Erdenmisere hinwegjagt, mit sehnsüchtigen Blicken folgt.

Als wir am Morgen des 29. vom Lande abstießen, klang das „Bißmillah“ der Muselmänner nachdrücklicher als gewöhnlich, und sie standen auf ihren Posten mit gespannten Muskeln und faßten die Stangen mit so festem Griffe, daß die Knöchel der Hände weiß aussahen. Es war jedoch nicht so gefährlich, als sie geglaubt hatten. Die Fähre wurde allerdings von einem ziemlich heftigen Wirbel erfaßt und drehte sich einmal rund herum, glitt dann aber ebenso sicher wie sonst weiter.