Wir hatten nicht weit bis zu dem Punkte, wo der Weg zwischen Chotan und Aksu den Tarim kreuzt; dort gibt es eine Fähre, die sechs Kamele auf einmal überzusetzen vermag.
30. Oktober. Der Fluß war heute wunderbar gerade; keine einzige Biegung betrug 60 Grad, alle waren stumpf und langgestreckt. Der Flußweg war daher nicht viel länger als der Pfad, der längs des linken Ufers nach der Gegend von Schah-jar geht. Die letzte Strecke vor der Dämmerung spähte ich gespannt nach rechts, nach Süden, um mir die Mündung des Chotan-darja nicht entgehen zu lassen. Endlich zeigte sich in dem jungen Walde eine breite Gasse, ein flaches, ein paar Meter über dem Spiegel des Aksu-darja liegendes Bett, das jetzt ganz trocken und leer war. Während der kurzen Zeit, in welcher der Chotan-darja Wasser führt, soll er ein gewaltiger Fluß sein, und tatsächlich wird der Aksu-darja unterhalb dieser Einmündung viel breiter und reich an Anschwemmungen. Doch die Richtung des Hauptflusses wird durch den Nebenfluß nicht im geringsten beeinflußt. Wieder wurde ich an die verhängnisvolle Wüstenreise von 1895 erinnert, doch ich sah in dem Chotan-darja einen treuen Freund wieder, der mir einst das Leben gerettet.
Die Landschaft ist in dieser Gegend einförmig, offen und flach; alles ist groß angelegt: die Wasserflächen sind ausgedehnt, das Schwemmland endlos, die Ufer etwa einen Kilometer auseinander und der Wald so weit entfernt, daß man die Pappeln kaum in der Mittagsbrise rauschen hört.
An Bord herrscht eine heitere Stimmung, und die Männer von Lailik betrachten mit größter Spannung die neue Welt, die sich vor ihren Augen aufrollt. Der Joll-begi ist noch bei uns; er sitzt vor meinem Zelte und gibt mir wertvolle Auskunft über die Gegend, die Namen der Ufer, Hirten und Dörfer und das Wechseln der Wassermenge im Laufe des Jahres. Der neue Hund Hamra fängt allmählich an, sich in sein Schicksal zu finden und sich umzugewöhnen. Er sieht Jolldasch beim Mittagessen sehr auf die Finger, läßt sich aber noch nicht herab, mit ihm zu spielen. Einer unserer Hähne pflegt auf dem First des Zeltes zu sitzen und zu krähen, und die Hühner, die jetzt auf der großen Fähre frei umherlaufen und picken dürfen, machen mir nicht selten eine Visite.
Die Fähre glitt mit außergewöhnlicher Schnelligkeit den endlosen Fluß hinab, und es war schon tief in der Nacht, als wir nicht ohne Schwierigkeit an einem abschüssigen Ufer anlegten. Die ausgelassene, laute Unterhaltung der Leute am Lagerfeuer wurde von dem Bellen einiger verirrter Füchslein, die nach ihrer Mutter schrien, begleitet; so deutete ich mir wenigstens die eigentümlichen Töne, die aus dem Walde erschallten.
Am Morgen des 31. Oktober hatten wir uns noch nicht weit vom Ufer entfernt, als der Wind aufsprang und in kurzer Zeit zu ungewöhnlicher Stärke anschwoll. Ich war winterlich angezogen, im Pelze, mit einer Reisedecke und in Filzstiefeln; trotzdem erfror ich beinahe in diesem heimtückischen Winde, der gerade ins Zelt hineinfuhr und dessen Leinwand wie einen Ballon zu zersprengen drohte. Die Finger erstarren vor Kälte, und man kann nicht so fein wie gewöhnlich zeichnen; man muß dann und wann aufstehen, sich die Hände reiben und die Füße warmstampfen. Das Flußbett ist so breit und flach, daß der Sturm ungehindert über das Land und die Wasserfläche hinfahren kann, welch letztere gestern noch ruhig wie ein Spiegel lag und jetzt zu schaumgekrönten Wellen aufgerührt ist, die so gegen den Vordersteven der Fähre schlagen, daß das ganze Schiff bebt. Da das Zelt fortzufliegen drohte und nicht einmal die Strömung länger gegen den Gegenwind ankonnte, ließ ich halten, obwohl wir nur ein paar Stunden unterwegs waren.
Sobald wir am Lande angelegt, ein Feuer angezündet und uns etwas gewärmt hatten, ließ ich die Jolle auftakeln und eilte, zur großen Bewunderung der Männer, die das Segelboot bei solchem Wetter noch nicht fahren gesehen, auf dem Wege, den wir gekommen waren, wieder zurück. Das leichte Boot flog buchstäblich über das Wasser; die heftigsten Windstöße schienen es so zu heben, daß sein Boden die Wasserfläche nur streifte. Über einen Sandgrund glitt ich wie über ein Nichts hinweg; es knackte im Maste, und das Steuerruder wurde sehr angestrengt, aber es war herrlich in dieser wilden, großartigen Einsamkeit, und bald war die Fähre hinter einer Landspitze verschwunden.
Nun war ich wieder ganz allein im Herzen von Asien; nur die schäumenden Schlagwellen, die herbstlich gelben Schonungen und der in ungezügelter Raserei dahinjagende Wind leisteten mir Gesellschaft, und ein Gefühl des Wohlbehagens erfüllte meine Seele, als gehörten diese unendlichen Strecken mir, und als könnte ich, unabhängig von Mandarinen und Häuptlingen, hier im Lande herrschen, wie ich wollte. Der Wind flüsterte mir ins Ohr, daß dieser gewaltige Fluß hier viele tausend Jahre auf mein Kommen gewartet habe und daß der Tarim, dem Gebote eines höheren Willens gehorchend, seine blanke Bahn nur deshalb durch die Wüste ziehe, damit er mir die beste Fahrstraße nach dem Herzen des Kontinents bieten könne. Wer konnte mir das Eigentumsrecht auf diesen Wasserweg streitig machen? Vielleicht die Hirten, die mit ihren Herden an den Ufern wanderten und wie erschreckte Antilopen entflohen, sobald wir lautlos hinter den Landspitzen auftauchten? Wer konnte uns anhalten, uns Zoll und Paß abfordern? Vielleicht die Tiger, deren smaragdgrüne Augen abends zwischen den Nadeln der finsteren Tamariskendickichte funkelten? Niemand kannte diesen Fluß besser als ich. Die Jäger, diese Kinder wilder Wälder, die wir tagelang mitnahmen und die wir verabschiedeten, sobald ihr Wissen erschöpft war, kannten nur die Gegend, innerhalb deren Grenzen sie der Spur des flüchtigen Hirsches zu folgen pflegten, aber jenseits dieser Grenzen verloren sie sich in Mutmaßungen über das für sie Geheimnisvolle und wußten weder, woher der Fluß kam, noch wohin seine unerschöpflichen Wassermassen eilten. Ich dagegen sammelte in meinen Tagebüchern alles, was die Söhne des Landes wußten; ich lebte Stück für Stück mit diesem rastlosen Flusse, ich fühlte ihm jeden Abend den Puls und maß seine Wassermenge genau, und ich wußte, daß, wenn der Fluß auch Jahrtausende hindurch derselbe geblieben war, er doch sein Bett veränderte, während sein Wasser seinem Untergange in dem fernen Lop-nor entgegeneilte, wo es in anderer Gestalt wieder auferstehen und seinen Kreislauf zwischen Himmel und Erde fortsetzen würde. Die Geschichte und der Lebenslauf des Tarim lagen bei mir in Wort, Bild und Karte wie in einem Archive verwahrt, und kein Tag verging, ohne daß sich das Material vermehrte und zu einer Monographie anwuchs, von der ich in dieser Arbeit nur einen ganz geringen Teil, ohne die ermüdenden Einzelheiten, mitteile.
Auf einer solchen Eilfahrt bei günstigem Winde gedenkt man gar nicht der zunehmenden Entfernungen. Endlich aber erwachte ich aus meinen Träumen, steuerte nach dem nächsten Ufer, zog das Boot hinauf und vertäute es und ging dann in den jungen Wald hinein, um ein Feuer anzuzünden und mein mitgebrachtes Frühstück zu verzehren.
Auf der Rückfahrt dachte ich an die nächste Zukunft und sah sie in den lichtesten Farben glänzen. Was sie in ihrem Schoße tragen konnte, wußte ich nicht, aber ich wußte, daß alle Pläne, um gut zu gelingen, klug ersonnen sein mußten, und deshalb drängten sich mir eine Menge Fragen auf: Würden wir mit dem ganzen Flusse vor Eintreten der Winterkälte fertig werden? Wo sollte das Hauptquartier, von dem die großen Exkursionen ausgehen sollten, aufgeschlagen werden? Würden die Dschigiten mich finden und mir gute Nachrichten aus der Heimat bringen? — Zu rechter Zeit war ich wieder an Bord und kopierte Negative. Ich wollte der Sicherheit wegen von allem zwei Exemplare haben. So wurden z. B. die täglichen Aufzeichnungen erst mit Bleistift in kleine Bücher geschrieben und dann abends mit Tinte in das große Tagebuch eingetragen. Dies verursachte viel Extraarbeit, verlieh aber auch ein Gefühl der Sicherheit; ein Exemplar wenigstens mußte doch glücklich mit heimgebracht werden können.