Das einzige, was meine Geduld sehr auf die Probe stellte, war der Wind oder vielmehr, daß wir meistens Gegenwind hatten. Am 1. November machte der Fluß eine Biegung nach Norden, und der Wind kam aus derselben Richtung. Vorn im Zelte hatte ich den ganzen Tag Schatten, obwohl die Sonne gerade jetzt ein willkommener Gast gewesen wäre. Die Minimaltemperatur war auf −8,8 Grad heruntergegangen, das Wasser in dem auf meinem Nachttische stehenden Glase und die Tinte waren gefroren, und ich schauderte, wenn ich in die eiskalten Kleider kroch. Es wäre einfach gewesen, ein Kohlenbecken in das Zelt zu stellen, aber ich wollte dies so lange wie möglich vermeiden, um den Gang der selbstregistrierenden Instrumente nicht zu stören.
Von Kara-tograk an ist der Fluß so gerade wie noch nie. Er erstreckt sich unendlich weit nach Nordnordosten und vor uns, am Horizont, schien die Wasserfläche direkt in den Himmel überzugehen; es ist, als verließe sie die Erde und ergösse sich in den grenzenlosen Weltenraum.
Während der letzten Tage hatten wir beobachtet, daß der Fluß ein wenig stieg, was davon kam, daß die Kanäle für dieses Jahr gesperrt worden waren und nun dem Flusse den Rest der Anleihe zurückzahlten. Die gewaltige Wassermasse arbeitete mit großer Energie in dem Bette, und an ein paar Stellen, wo die Sanddünen unmittelbar nach dem Ufer abfielen, sah man, wie sie an der Basis unterminiert wurden, so daß allmählich immer neuer Sand nachrutschte.
Wo die Uferwand aus Lehm besteht, ist sie oft nicht nur lotrecht, sondern hängt sogar über. Gerade als wir an solch einem vorspringenden Tische vorbeistrichen, stürzte dieser ins Wasser, überschüttete die Steuerbordseite mit einer kalten Dusche und verursachte solchen Seegang, daß die schwere Fähre stark schaukelte. Ziemlich oft ertönen dumpfe Schüsse wie von einer fernen Festung, wenn Blöcke, die ihr Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen, ins Wasser stürzen.
Eine Strecke weiter unten tauchte eine einsame Wanderin aus dem Schilfe auf. Sie rief uns an und sagte, sie wolle uns zehn Eier schenken. Die Fähre wurde nur so nahe ans Ufer geschoben, daß ihr Achter das Schiff berührte, Islam nahm das Bündel mit den Eiern in Empfang und gab der Frau einige Münzen. Wir brauchten nicht einmal anzuhalten, um das Geschäft abzuschließen. Doch keiner an Bord konnte sagen, wer die Wanderin sei. Es ging uns mit ihr wie mit dem Winde, wir wußten nicht, woher sie kam, noch wohin sie ging.
35. Landung an der Mündung des Aksu-tarja. ([S. 84.])
36. Unser Nachtlager bei Ala Kunglei Busrugvar. ([S. 92.])
An dem Lagerplatze dieses Abends, der Leschlik hieß, führten die Fährleute zur Belustigung der anderen ein komisches Schauspiel auf. Zwei Männer tragen je einen Kameraden wie einen Mehlsack auf dem Rücken. Dieser wird, ohne den Zweck zu ahnen, an Händen und Füßen gebunden, jene haben sich mit Stöcken bewaffnet und prügeln aus Leibeskräften auf einander los. Die Schläge treffen die unglücklichen Mehlsäcke, die in Wut geraten und einander ausschimpfen. Wenn es dem einen Träger gelungen ist, dem Sacke seines Gegners einen Hieb zu versetzen, so sucht sich der Gegner zu rächen und prügelt den Sack des ersten Trägers so, daß der Stock pfeift. Das Opfer treibt dann seinen Träger an, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und dieser schlägt nun wieder — nicht den, der die Prügel ausgeteilt hat, sondern seinen gefesselten Reiter. Palta und Naser waren es, die schlugen, und Kasim und Alim diejenigen, welche die Schläge erhielten. Palta und Naser lachten, daß ihnen Tränen in die Augen traten, während Kasim und Alim vor Wut heulten und die Zuschauer, zu denen auch ich gehörte, vor Lachen beinahe erstickten. Um Gelegenheit zur Rache zu erhalten, schlugen Kasim und Alim vor, sie wollten nun auch eine Weile die Rolle der Träger spielen, wogegen aber die beiden anderen protestierten; sie hatten zu nachdrücklich drauflosgeschlagen und hatten nun ein schlechtes Gewissen. Diese Posse hatte den Vorteil, daß beide Parteien in der Abendkälte erwärmt wurden.