Neuntes Kapitel.
In schwindelnder Fahrt flußabwärts.
Die Temperatur der Luft und des Wassers war in langsamem, aber stetigem Sinken begriffen, und es war klar, daß der Tag, an welchem das Treibeis seine größten Dimensionen annehmen würde, nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Die Achterdeckspassagiere ließen sich von der Kälte nicht anfechten. Jetzt hatten sie immer ein größeres Feuer auf dem Herde und hockten in ihren Pelzen um die Glut herum, plaudernd, Märchen erzählend, Kader als Vorleser zuhörend oder Brot backend. Auch die Fährleute wärmten sich dort der Reihe nach ein bißchen, ich aber konnte meinen Schreibtisch nur zwischen langen Kompaßpeilungen verlassen, um ihrem Beispiele zu folgen.
Der Joll-begi versäumte nie, mir alle Namen oder Flußbettveränderungen mitzuteilen, doch heute, 2. November, war er unpäßlich. Er bekam eine Dosis Chinin und hatte sie kaum hinuntergeschluckt, als er auch schon versicherte, er fühle sich bedeutend besser. Die Einbildung tut viel hier auf Erden. Der gute Mann war gewiß ganz einfach seekrank infolge der rasenden Geschwindigkeit unserer heutigen Fahrt.
In der kalten, ruhigen Morgenluft, in welcher der Schall scharf und deutlich weithin über die Wasserflächen getragen wird, hörte es sich an, als würden in der Gegend eine Masse Häuser niedergerissen, denn unausgesetzt stürzten Sandmassen und Erdblöcke, die über Nacht gefroren, in der Sonne aber wieder aufgetaut waren, in den Fluß. Es ging prächtig. Nur einmal fuhren wir fest; es sah eigentümlich aus, als das Wasser plötzlich um die Fähre, die eben noch so schön mit dem Strome trieb, zu kochen und zu schäumen anfing. Es brauchte aber keiner hineinzuspringen, denn da das Vorderende aufgerannt war, drehte sich das ganze Fahrzeug im Kreise und wurde dadurch wieder flott.
Kasim geht wie gewöhnlich voran und unaufhörlich ruft er und warnt vor Untiefen, steckengebliebenem Treibholz, abgestürzten Uferwällen oder anderen kritischen Punkten. Palta führt das Kommando auf der großen Fähre; er ist stets kaltblütig und guter Laune, brüllt aber die Männer im Achter fürchterlich an, wenn ein schnelles Manöver ausgeführt werden muß, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die anderen setzen blindes Vertrauen in seine Seetüchtigkeit; er hat aber auch mehrere Jahre die Fähre zwischen Lailik und Merket geführt.
Heute durfte keiner schlafen; alle standen mit festgefaßten Stangen spähend da, als ob sie eine Katastrophe erwarteten. Die Strömung ließ ihnen keine Ruhe, und immer schneller ging es den Tarim hinunter.
Ein einziges Mal, in einer scharfen Biegung, in der die Strömung die Fähre mit wilder Hast gegen das Ufer drängte, konnten sie nicht ausweichen. Das schwere Fahrzeug trieb gerade auf das steile Ufer los, und nun galt es, rechtzeitig mit den längsten Stangen das Vorderschiff abzustoßen, die Fähre in einen spitzen Winkel mit dem Ufer zu bringen und sie so zu drehen, daß sie wieder mit der Strömung parallel lag. Doch die Leute kamen nicht mehr dazu; es ging zu schnell, das Vorderende stieß mit aller Kraft auf, und ein paar Purzelbäume waren die Folge. Weiter geschah kein Unglück, nur ein paar Schaufeln Erde fielen auf das Deck. Wir legten jetzt 78 Meter in der Minute zurück.
Von der Walddüne Balik-ölldi (der tote Fisch) an wird die Stromgeschwindigkeit noch größer. Hier hat sich der Fluß auf einer Strecke von zwei Tagereisen seit drei Jahren ein neues Bett gegraben. Das alte, Kona-darja, bleibt trocken und verlassen zur Linken liegen, mit ihm auch der Wald.
In dem neuen Stromlaufe veränderte sich auf einmal der Charakter des Flusses. Er wurde schmal und gerade, und man sah alle Kennzeichen dafür, daß er von der Erosion des Wassers noch nicht genug ausgearbeitet worden war. Die Landschaft war öde, der Boden bestand aus Sand. Das Bett ist außerordentlich scharf markiert. Da wo die Krümmungen das Bett noch nicht haben erweitern können, gleicht es einem engen Korridor, und von den hohen, jähen Ufern stürzen Massen von Sand und ganze Blöcke in den Fluß, so daß es aussieht, als steige am Wasserrande Rauch auf. Wiederholt liefen wir Gefahr, von derartigen Erdrutschen ertränkt zu werden. Wenn je, so hieß es hier aufpassen; es ging mit schwindelnder Fahrt, und wir hatten das Gefühl, als würden wir widerstandslos in einen Strudel hineingerissen; doch es blieb uns nichts weiter übrig, als bereit zu stehen und die Stöße zu parieren.
Nun hörten wir Kasim der großen Fähre ein verzweifeltes Halt zurufen. Der Fluß war nur 20 Meter breit, mitten im Fahrwasser war eine treibende Pappel auf Grund geraten, und auf derselben hatte sich eine solche Masse von Reisig und Schilfwurzeln aufgehäuft, daß das Ganze einen kleinen Holm bildete. Weißschäumend wirbelte das Wasser um den Holm, und wäre die Fähre der Strömung gefolgt, so hätte sie unfehlbar anprallen müssen und wäre dann von der Wucht des Stoßes und dem nachdrängenden Wasser zum Kentern gebracht worden.