Nur 50 Meter trennten uns von der gefährlichen Stelle; die Katastrophe schien unvermeidlich. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen; ich fürchtete, daß in diesen kochenden Strudeln alles verloren gehen könnte, und an Bord herrschte ein entsetzlicher Wirrwarr. Im letzten Augenblick gelang es dem flinken Alim, mit einer Leine an Land zu springen. Das Ufer war sehr steil, und beinahe wäre er in den Strom hinuntergerutscht, faßte aber noch festen Fuß und zog die Leine aus Leibeskräften an, unterstützt von den anderen, die unter dem wilden Ruf „ja Allah“ die Stangen entgegenstemmten. Die Fähre machte kurz vor dem Holme Halt, und die Strömung kochte und wogte um sie herum.
Um Kasim rekognoszieren zu helfen, stieg ich in die Jolle, die ich mitten in der Strömung verankerte, um auch mit dem Strommesser die Geschwindigkeit zu messen. Doch in dem hier herrschenden Sog war dieses Manöver ziemlich gefährlich, ehe man es richtig ausführen konnte. Das erste Mal war ich drauf und dran zu kentern; das Boot war halb voll Wasser und das in Arbeit befindliche Kartenblatt durchweicht. Sowie der Anker Grund gefaßt hatte, legte sich die Jolle so schief, daß die eine Längsseite gegen die Strömung lag; doch nachdem das Ankertau in das Vorderteil gezogen worden war, legte sich das Boot parallel mit ihr, ängstlich wie ein Pendel schwingend. Der Strommesser zeigte 101 Meter in der Minute, welche Geschwindigkeit sich während der ganzen Tagereise nicht verminderte.
Unterdessen gelang es den Männern, den Vordersteven der Fähre von dem gefährlichen Holme abzuhalten, und nun ging es über die schäumende Stromschnelle hinweg. Nachher wurde die Fahrt durch dieses öde Land, wo kein lebendes Wesen an den Ufern zu sein schien, ungehindert fortgesetzt. Nicht weit südlich vom Jangi-darja sollen Jäger dann und wann Spuren von wilden Kamelen finden, doch an den Fluß selbst kommen diese scheuen Wüstentiere niemals.
An dem Masar Ala Kunglei Busrugvar, wo sich einige Hirten aufhielten, erschien es uns passend, die Nacht zu bleiben, um so mehr, als die Männer dem Heiligen dafür danken wollten, daß er uns unbeschädigt über die Stromschnellen hatte kommen lassen.
Die Fähre mitten in der reißenden Drift zum Halten zu bringen, war nicht leicht. Ich landete zuerst mit der Jolle, Alim warf mir eine Leine zu, und dann zog ich die Fähre so dicht ans Ufer, daß er an Land springen und das übrige besorgen konnte ([Abb. 36]).
Als die Fähre vertäut war, rüttelte das Wasser an ihr; es knackte in ihrem Holzwerke, und um die Jolle herum, die vor dem Vordersteven angebunden war, brodelte weißer Schaum. Es dröhnt von den Jarufern, wo Blöcke herabstürzen, man hört den Sand sausend die Böschungen herunterrutschen, und es knistert in dem Lagerfeuer auf dem kahlen Ufer, sonst aber ist die Gegend friedlich, sogar die Hunde sind zur Ruhe gegangen, denn hier ist nichts anzubellen.
Am 3. November schlängelte sich das Bett mehr, die Fahrt war aber ebenso gut. Es wurde uns nur schwer, in scharfen Buchten mit Gegenströmung glatt durchzukommen. In einer solchen wäre die Jolle beinahe zwischen den beiden Fähren zerquetscht worden, wenn ich sie nicht noch im letzten Augenblick hätte retten können. Morgens früh war eine kleine Wasseransammlung am Ufer mit dünnem, spiegelblankem Eise bedeckt, dem ersten, was wir bisher gesehen. Schließlich passieren wir den Punkt am linken Ufer, wo der Jangi-darja wieder in den Kona-darja mündet; damit wird die Geschwindigkeit des Wassers wieder die gewöhnliche. In Tellpel, dem heutigen Lagerplatze, wohnen neun Hirtenfamilien mit 8000 Schafen.
Die Hirten dieser Gegend bedienen sich des folgenden Fischereigerätes. Es ist ein Netz, das fächerartig in einer dreizinkigen Gabel, die unmittelbar über der Wasserfläche an einer Achse befestigt ist, ausgespannt wird. Das Ganze gleicht einem Fledermausflügel, der mittelst einer Leine unter das Wasser herabgelassen und wieder in die Höhe gezogen werden kann. Wenn der Flügel heruntergelassen und aufgespannt ist, wird der Fisch in die Falle gejagt, und wenn man fühlt, daß er gegen das Netz stößt, schließen sich die Arme der Gabel, das Netz faltet sich wie eine Tüte und wird emporgezogen.
Der Joll-begi war verabschiedet worden; ein Hirt, der in der Geographie des Landes weniger gut als wünschenswert gewesen wäre, bewandert war, hatte uns nur einen Tag begleitet, aber in Tellpel fanden wir einen alten Ehrenmann, der für uns unschätzbar war. Er hieß Mollah Faisullah, war 54 Jahre alt, hatte einen großen weißen Bart und trug eine gewaltige Hornbrille; er war stets heiter und gesprächig und las den Achterdeckpassagieren vor.
Am 4. und 5. November nahm der Fluß wieder einen anderen Charakter an. Er war schmal, hatte ein deutlich ausgearbeitetes Bett und war ziemlich reißend. An beiden Seiten dehnte sich eine unendliche Steppe von gelbem Schilf, aus der einzelne, mit Tamarisken bewachsene Dünen wie Inseln hervortraten. Es war eine Zwischenstufe zwischen einem alten und einem neuen Bette, und tatsächlich sollte es auch erst acht Jahre alt sein. Der Tarim verändert also seine Lage, aber nur auf kurzen Strecken seines Laufes, und es ist interessant zu beobachten, daß wir die alten, verlassenen Flußbettstücke beinahe immer im Norden liegen lassen oder, mit anderen Worten, daß der Fluß nach rechts wandert. Daß an dem neuen Flußbette kein Pappelwald steht, ist natürlich, denn er hat noch nicht aufsprießen können. Doch an den verlassenen Strecken steht er dicht und üppig, obgleich er dort gewöhnlich zum Untergange verdammt ist, wenn das Wasser sich zurückgezogen hat.