Was dazu beitrug, die Einförmigkeit an Bord zu unterbrechen, waren die plötzlichen Einfälle der Hunde. Sie pflegten ins Wasser zu springen, an Land zu schwimmen und dann die Fähre am Ufer ganze Tagereisen zu begleiten. Was sie jedoch nie begreifen lernen konnten, waren die sich regelmäßig wiederholende Topographie des Flusses und seine Erosionsgesetze. Wenn die Fähre an einem konkaven Ufer entlang ging, liefen sie oberhalb des Zeltes nebenher; wenn dann aber die Wassermasse das Bett kreuzte, um am anderen Ufer einen ebensolchen Bogen zu beschreiben, schwammen sie hinüber, um wieder in unserer unmittelbaren Nähe zu sein. Dieses Manöver wiederholte sich überflüssigerweise bei jeder Biegung, und es war unmöglich, ihnen begreiflich zu machen, daß, wenn sie nur warteten, wir bald wieder an ihr Ufer zurückkehren würden. An einigen Tagen kreuzten sie den Fluß zwanzigmal und waren schließlich so erschöpft, daß sie heulten. Jolldasch war lustig anzusehen, wenn er im Wasser plätscherte, nach Atem rang und nach jedem kalten Schluck hustete.

Bei Initschke hatte der Fluß 80,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde, und es war deutlich zu sehen, daß er allmählich stieg — in einer Nacht um 5 Zentimeter. Diese letzte Messung erforderte dreistündige Arbeit bei Laternenschein. Der Fluß war zu breit, als daß wir, wie sonst, ein Tau von Ufer zu Ufer hätten spannen und das Boot an den Messungspunkten daran festbinden können. Die Strömung, die bis zu 86 Meter in der Minute betrug, war auch viel zu reißend, als daß sich das Tau überhaupt hätte hineinbringen lassen. Ich versuchte freilich, damit hinüberzurudern, doch gelang es mir nicht. Statt dessen wurde ein dünner, mit weißen Knoten eingeteilter Bindfaden von Ufer zu Ufer gespannt und an jedem Knoten die Jolle verankert.

In der Nacht auf den 5. November stieg der Fluß noch um 2 Zentimeter. Der Tarim fließt jetzt wieder nach Nordost. Auf einer sandigen Alluvialhalbinsel bei Hässemet-tokai saßen zwölf dunkelgraubraune, fast schwarze Geier, gewaltige, plumpe Vögel, die uns ruhig betrachteten und nur die Köpfe wie Sonnenblumen drehten, während die Fähre um ihre Landzunge herumfuhr. Sie hatten sich hier bei dem Kadaver eines Pferdes zusammengefunden. Die Geier waren entschieden satt; sie saßen in Gruppen in einiger Entfernung von dem Kadaver, schienen zu verdauen und ließen sich von einigen dreisten Raben Gesellschaft leisten. Etwas weiter unten passierten wir wohl 40 Geier, die auf den dürren Zweigen abgestorbener Pappeln thronten; sie saßen wie Höllengeister oder Todesdämonen in dem struppigen Walde da, und die Umgebung paßte gut zu ihrer unheimlichen Erscheinung.

Da war es angenehmer, den endlosen Karawanen der Wildgänse, die noch immer nach Westen zogen und aus Scharen von 80–100 Vögeln bestanden, mit den Blicken zu folgen. Sie fliegen in den feinsten Drachen- oder Pfeilspitzen, von denen gewöhnlich ein Flügel sehr lang und der andere kürzer ist. Stets sieht man an der Spitze einen Führer, der geradeaus fliegt und nie über die einzuschlagende Richtung unschlüssig zu sein scheint, während die Flügel, den Bewegungen des Führers entsprechend, hin und her wogen wie zwei im Winde flatternde Blätter.

Charakteristisch für diesen Teil des Tarimlaufes war auch die Menge des steckengebliebenen Treibholzes und der auf Grund geratenen Pappelstämme. Viele von diesen gehen mit der Zeit unter, andere befinden sich in einem Stadium abnehmender Tragkraft. Nur das eine Ende ist untergegangen, während das andere noch in der Richtung der Strömung liegt und nickend über der Oberfläche auf und nieder steigt. Oft sah ein solcher Pappelstumpf wie eine auf uns zuschwimmende Seeschlange aus. Doch nur das um das Hindernis herum kochende Wasser täuschte das Auge; wir waren es, die sich näherten und darüber hinwegglitten, während der Stumpf wie ein Wasserkobold gegen den Boden der Fähre schlug.

Aus dem Hirtengehöfte Bostan nahmen wir am 6. November einen neuen Cicerone, einen Jäger, mit, aber Mollah Faisullah durfte trotzdem bei uns bleiben, denn er war lustig und heiter und las den anderen vor von den Taten und Leiden der Helden und von sagenhaften Städten mit tausend Toren und tausend Wächtern an jedem Tore. Die Bewohner von Bostan wollten uns Melonen schenken, wir nahmen sie aber nicht an, da solche Delikatessen jetzt nachts gefrieren. Dagegen ließen wir uns einen großen weißen Hahn gefallen, der kaum an Bord gebracht war, als er auch schon auf den alten Hahn losfuhr und ihn über Bord drängte. Da der neue Passagier entschieden alleiniger Herr im Hause sein wollte, mußte mein bisheriger Morgenwecker von Kasim in Obhut genommen werden. Von nun an waren sie die besten Freunde — aus der Ferne; krähte der eine, so antwortete der andere sogleich; es klang ganz ländlich.

In Kara-daschi, dem Lager vom 6. November, waren wir dicht bei dem Punkte, wo wir nach dem gefährlichen Zuge durch die Wüste nördlich vom Kerija-darja im Jahre 1896 zuerst Wasser gefunden hatten.

7. November. Daß wir uns bevölkerten Gegenden näherten, sah man daran, daß hier und da Schilfhütten und sogar Lehmhäuser vorkamen und an den Ufern nicht selten Kähne angebunden lagen. Diese ähnelten immer mehr dem Lop-nor-Typus; sie waren aus einer einzigen Pappel ausgehauene, langgestreckte, schmale Fahrzeuge, die sich von den Lop-nor-Kähnen dadurch unterschieden, daß der Vorderrand in eine Art von durchbohrtem Handgriffe mit einer Leine auslief und das Hinterteil eine kleine Plattform, einen Sitzplatz, bildete ([Abb. 37]). Das Ruder ist schaufelförmig.

Die Fährleute nahmen einen kleinen Kahn in Beschlag. Alim führte eine förmliche Wasserpantomime auf mit seinen verzweifelten Versuchen, des Bootes Herr zu werden; wie er auch ruderte, er konnte es nicht dazu bringen, gerade vorwärtszugehen, war aber desto öfter nahe daran, zu kentern. Bei Tschong-aral wurde das Boot gegen ein größeres vertauscht. Es war nicht unsere Absicht, den Kahn zu stehlen und so die friedlichen Ufer zu brandschatzen, wir bezahlten ihn vielmehr noch an demselben Abend. Islam und Mollah trieben nun in dem Kahne, und die Flottille hatte sich also um ein Fahrzeug vergrößert.

In der Gegend von Gädschis mündet links ein Arm des Schah-jar-darja (Mus-art), der vom Chan-tengri kommt. Er ist in der Mündung 29 Meter breit, und, soweit das Auge flußaufwärts reicht, sieht es nicht aus, als ob diese Breite sich verminderte. Das Bett war mit stillstehendem Wasser von 78 Zentimeter Durchsichtigkeit gefüllt, während das des Tarim nur bis 4 Zentimeter durchsichtig war. Das Wasser hatte infolgedessen eine herrliche rein blaue Farbe, und die Grenze war ziemlich scharf.