Die Nacht wurde für uns im Freien Liegende recht kalt; das Minimumthermometer zeigte −30,1 Grad, um 7 Uhr −27 Grad und um 8½, als ich aufstand, −24 Grad. Das ist recht kühl für ein Toilettenzimmer, besonders, da ich mich stets entkleidete und im Schlafrocke schlief. Am scheußlichsten ist das Waschen und Anziehen, wenn man auf der Feuerseite +30 Grad und im Rücken −30 Grad hat. Die ganze Nacht schneite es gleich stark, und am Morgen war ich so vollständig im Schnee begraben, daß Islam mich mit Spaten und Kamischbesen aus der Schneehülle befreien mußte. Dafür hatte der Schnee aber dazu beigetragen, mein Nest warm zu halten; ich hatte gar nichts von der nächtlichen Kälte gemerkt. Es ist zu schön, wenn man erst einmal in den Kleidern steckt und mit dem Pelze über den Schultern vor dem Feuer sitzt und seinen Tee trinkt!
Der Schnee fiel den ganzen Tag, und die Temperatur brachte es nur zu −13 Grad, was bitterkalt ist, wenn man den Wind gerade entgegen hat. Das Terrain war nicht unvorteilhaft. Wir konnten oft zwischen den schlimmsten Dünen hindurchkreuzen, und schließlich zeigten sich wieder einige kleine Mulden, die jetzt nach Südsüdost gerichtet und voller Sand waren. In einer solchen, Nr. 43, lagerten wir, obwohl dort keine Spur von Feuerungsmaterial war. Wir besaßen jedoch noch eine halbe Kamellast von unserem ursprünglichen Vorrat; da alle halb erstarrt waren, mußte sie diesen Abend draufgehen, geschehe, was da wolle.
Auf den nach Süden gerichteten steilen Dünenabhängen vermag sich der frischgefallene Schnee nicht lange zu halten. Nur auf den Nordseiten der Dünen bleibt er liegen, und in den Dünentälern ist er mehrere Zentimeter tief. Wirft man einen Blick nach Norden, so sieht man fast nur Sand, nach Süden bloß Schnee.
5. Januar. Endlich hatten die Wolkenmassen, die uns während der ganzen Wüstenreise verfolgt hatten, sich entschlossen, sich von ihrem Inhalte zu trennen, denn der Schnee fuhr die ganze Nacht fort, lautlos wie Watte zu fallen, und am Morgen waren sogar die Stellen, wo unsere Feuer gebrannt hatten, verschneit. Alle unsere Sachen mußten unter dem Schnee hervorgesucht werden. Auch die Kamele lagen überschneit im Kreise da und sahen mit den kleinen Schneewehen auf dem Rücken, Puder in der Perücke und Eiszapfen im Kinnbarte und am Maule ganz barock aus.
Jetzt war nicht einmal ein Streifen gelben Sandes zu sehen. Am Vormittag lagen die steilen, nach Westen gerichteten Abhänge im Schatten und hatten eine prachtvolle Färbung — stahlblau in verschiedener Schattierung, je nach der wechselnden Abschüssigkeit des Hanges, — zu oberst aber wölbten sich die weißen Kuppeln der Dünen, intensiv von der Sonne beleuchtet.
Die hohen Sandprotuberanzen hatten auffallende Ähnlichkeit mit dem in ewigen Schnee gehüllten Kamme einer Bergkette; ich glaubte hier ein Miniaturbild des Transalai mit dem durch eine hohe Dünenpyramide dargestellten Pik Kauffmann wiederzuerkennen. Das blaßblaue Farbenspiel war dasselbe. Es blendete die Augen. Ich hatte eine doppelte Schneebrille, und alle Männer trugen dunkle Brillen. Doch war die Luft nicht rein, wie sie es im Gebirge an klaren Tagen ist. Die feinen Kristallnadeln erlaubten uns nicht, Umrisse und Formen über eine Entfernung von einem Kilometer hinaus deutlich zu unterscheiden; weiter fort verschwindet alles in undurchdringlichem Schneenebel. Und das war gut, denn das Terrain war nach Süden hin wenig ansprechend. Lauter immer höher werdende Berge von Sand, kein sandfreier Fleck von auch nur einem Quadratmeter Größe, keine Vegetation, weder lebende, noch tote.
Im Laufe des Tagemarsches erlitt die Schneedecke gewisse Veränderungen. Trotz des Schmelzens und der Verdunstung wurde sie um so dicker, je weiter wir nach Süden gelangten, was seinen Grund darin hat, daß die Schneemenge mit der Entfernung von den Bergen, denen wir uns jetzt langsam näherten, abnimmt. Manchmal hatte der Schnee eine harte Kruste, und man hätte lange Strecken auf den Schneeschuhen zurücklegen können. Wer hätte geglaubt, daß dies in einer Sandwüste möglich sein würde!
Im allgemeinen wurde unser Marsch durch den Schnee erleichtert, denn infolge der Regelierung an den Berührungsflächen des Schnees und des Sandes wurde die Tragkraft des Bodens größer. Namentlich waren alle Kämme hart wie Eis, und auf die steilen Abhänge brauchte man nur den Fuß zu setzen, so rutschten schon Schollen von 20 Quadratmeter Größe hinunter. Jetzt hätte nicht einmal der heftigste Buran den Sand aufzuwirbeln vermocht, denn der Schnee wirkte wie Öl auf die Wellen.
Am 6. Januar blieb das Sandmeer sich gleich, ja seine Wogen gingen wenn möglich noch höher. Islam wandert an der Spitze, wird aber müde und besteigt ein unbeladenes Kamel. Turdu Bai ist unermüdlich, er führt die Karawane wie eine Lokomotive ihre Güterwagen. Wenn ich gehe, um mich warm zu halten, darf Kurban auf meinem munteren Pferdchen reiten.
Der Lagerplatz war von allen, die wir bisher gehabt hatten, der schlechteste, eine Grube im Sandmeere, in der nicht einmal ein vom Winde verschlagenes Blatt zu entdecken war. Es ist im Bette, wenn man sich schlafen legt, beinahe −20 Grad kalt, und man muß sich eine Weile gedulden, ehe die Glieder wieder so elastisch werden, daß man sich der Situation gewachsen fühlt und alle die Diebslöcher, durch welche die Nachtkälte eindringt, zustopfen kann. Diese Nacht ließen die Kälte und der Wind uns kaum schlafen, und am Morgen hatten wir der −24 Grad starken Kälte nur noch ein paar Scheite entgegenzusetzen. Die Leute lagen auf einem Haufen, um sich aneinander zu wärmen, und waren von der Bekanntschaft mit diesem unheimlichen Lande, in das wir uns wie Holzwürmer in eine Planke hineingebohrt hatten, völlig entmutigt.