Von dominierenden Punkten aus spähten wir vergebens nach der nächsten Bajir, doch diese Bildungen schienen jetzt aufgehört zu haben. Der Blick reichte weit nach Süden: das Sandmeer war wie in der Takla-makan mehr kompakt, die gewaltigen Sandwände, die wir bisher zur Linken gehabt hatten, fehlten, weitere Depressionen waren nicht zu sehen, die ganze Bauart hatte sich mit einem Schlage verändert, aber die Dünen lagen glücklicherweise immer noch im Norden und Süden.

Wir hatten es bisher gut gehabt, wir hatten es gehabt wie ein Schiff, das von der offenen See in Gürtel von Treibeis und Tang hineingekommen ist. Die Wogen gingen haushoch, und wir kamen verzweifelt langsam vorwärts, es ging bergauf und bergab über große Dünen. Die Vegetation hörte beinahe ganz auf. Ich fing wieder an zu vermuten, daß die Oasen, die wir eben durchquert, von den äußersten in die Wüste vorgeschobenen Vorposten des Kara-muran herrührten und daß diese Landstrecke auch wohl bald im Sande begraben sein würde. In diesem Falle konnten wir uns darauf vorbereiten, bis in die Nähe des Tschertschen-darja nur schwieriges Terrain zu finden.

Fern im Osten schien es noch Depressionen zu geben, aber diese lagen außerhalb unseres Weges. Nach Süden hin war alles gleichmäßig hoher Sand, nur hie und da dominierten pyramidenhohe Dünenkämme, und der Horizont glich einem Sägeblatt mit gezähnter Schneide. Noch tauchte gelegentlich eine verdorrte Tamariske auf ihrem Kegel zwischen den Dünen auf, aber die Entfernungen zwischen diesen abgestorbenen Bäumen wurden immer größer. Als wir nach einer mühsamen Wanderung von nur vierzehn Kilometer wieder eine von etwas Kamisch und trockenen Zweigen umgebene Tamariske trafen, machten wir daher Halt.

2. Januar 1900. Als ich bei Tagesanbruch geweckt wurde, umgab mich eine vollständige Winterlandschaft; es schneite leicht, der Boden war kreideweiß, und die Dünen hätten ebensogut kolossale Schneewehen sein können, denn vom Sand war gar nichts zu sehen. Islam war so vorsichtig gewesen, eine Decke über meine Kiste zu legen, auf deren Deckel Instrumente und Aufzeichnungsbücher nachts gewöhnlich liegen blieben. Es war noch halbdunkel, als das Morgenfeuer vor meinem Bette angezündet wurde, und seine Flammen ließen die feinen Schneekristalle wie Diamanten glitzern und funkeln. Es waren nicht gewöhnliche Schneesternchen, sondern Nadeln, als wenn Reif in außerordentlicher Menge gefallen wäre.

Während der ersten Marschstunden blieb die Landschaft auf allen Seiten blendend weiß; ich hatte noch nie Sanddünen in diesem ungewöhnlichen Gewande gesehen, in diesem weißen Leichentuche, das nur dazu beitrug, ihre totenähnliche Einsamkeit und Nacktheit zu erhöhen. Gegen Mittag verschwand die dünne Decke von allen nach Süden gekehrten Abhängen, und gleich nach Mittag hatten auch die anderen ihren gewöhnlichen gelben Farbenton wieder angenommen; nur hier und dort in Vertiefungen lag noch ein kleiner, weißer Streifen.

Der Sand wurde immer beschwerlicher, und es tauchte keine Bajir mehr auf, die uns einige ermüdende Schritte hätte ersparen können; alles war jetzt Sand. Freilich lagen die steilen Leeabhänge stets nach Süden und Westen, auf zwei ein Netz von Vierecken bildende Dünensysteme deutend, aber alle Depressionen waren hier längst versandet. Augenscheinlich herrschten hier weniger regelmäßige Windverhältnisse als in der nördlichen Hälfte der Wüste. Es war ein Glück, daß wir den Marsch nicht von Süden her begonnen hatten, denn dies wäre nie gegangen; wir hätten uns zur Umkehr gezwungen gesehen, und auch noch so große Feuer hätten den in diesem Winter herrschenden Nebel auf größere Entfernung hin nicht durchdringen können.

Um 4 Uhr begann es zu schneien, jetzt aber ordentlich. Wir waren nicht verurteilt, an Wassermangel zu sterben. Es herrschte ein regelrechtes Schneetreiben mit Wind aus Südsüdwest. Welch ein Unterschied gegen die Sandstürme in der Takla-makan! Nach einer halben Stunde war die Landschaft wieder kreideweiß, und die Schneedraperien schienen von den Wolken herab auf dem Boden zu schleppen. Die Dämmerung breitete sich über diesem Chaos von Sand und Schnee aus, und wir suchten und spähten nach einem Platze, wo wir die Kamele über Nacht anbinden konnten. Endlich erschien im Süden in einer Entfernung von zwei Kilometer ein schwarzer Punkt; dorthin mußten wir um jeden Preis. Eine gutgemessene Stunde gehörte dazu, und es war pechfinster, als wir bei einer Tamariske anlegten und Brennholz fanden.

Der fallende Schnee zischte nicht einmal im Feuer, er verwandelte sich in Dampf, ehe es dazu kam, aber auf den Blättern meines Tagebuches ließ er sich häuslich nieder. Die freundlichen Oasen hatten gänzlich aufgehört, und um uns herum lag lauter unfruchtbarer Sand. Ein paar Stunden lang waren wir an zwei Fuchsfährten entlang gegangen, einer älteren, nach Norden gehenden, und einer frischen, welche die Rückkehr des Fuchses nach dem Tschertschen-darja anzeigte. Was mochte er in der Wüste gesucht haben? Er mußte doch wohl am Flusse ein viel einträglicheres Jagdrevier haben.

Ich konnte Ördeks Gedankengang verstehen, wenn ihm in dieser Wüste, die gar kein Ende nahm, in der nicht einmal die Sonne schien, und in die wir uns immer tiefer hineinverirrten, unheimlich zumute wurde. Er sprach mit Begeisterung von den Ufern des Tarim, den Seen, den Kähnen und den Fischnetzen wie von einem Paradiese, in das er nie zurückkehren würde. Er sprach von den Schwänen, jenen himmlischen, gefühlvollen Vögeln, welche die Seen zu besuchen pflegen. „Wird das Männchen erschossen,“ erzählte er, „so grämt sich das Weibchen zu Tode und weicht nicht von dem Platze, wo sein Beschützer ermordet worden ist.“ Er habe einmal einen Jäger eine Kugel in eine fliegende Schar hineinschicken sehen, worauf zwei Schwäne herabgestürzt seien. Das Männchen sei tödlich getroffen gewesen, und das Weibchen sei ihm gefolgt, sich in der Verzweiflung mit dem Schnabel die Brust zerfetzend.

Die Kamele waren jetzt so angegriffen, daß wir ihnen einen Ruhetag gönnen mußten. In einer Tiefe von 1,13 Meter fanden wir Wasser mit schwach bitterem Beigeschmack, und Schnee war auch genug da. Der Boden war 33 Zentimeter tief gefroren. Es schneite den ganzen Tag heftig in dichten, großen Flocken. Die Leute machten kleine Entdeckungsreisen in die Nachbarschaft, und in der Dämmerung kam Turdu Bai mit zwei Kamelen zurück, die je eine volle Last trockenen Brennholzes, das er in der Nähe gefunden hatte, trugen. Die Flocken prasselten auf die uralte Zeitung, die ich in der Hand hielt, und glitten an ihr herunter. Oft mußte ich das Blatt schütteln, um die Worte unterscheiden zu können. Auch um die Mittagszeit herrschte Halbdunkel, und Dünen, Erdboden und Himmel verschmolzen zu einem einzigen, weißen, wirbelnden Durcheinander in höchst unangenehmer, matter, ungleichmäßiger Beleuchtung. Noch am späten Abend dauerte das Schneewetter an.